Die „Filterblase“ war in den vergangenen Monaten ein Lieblingsschlagwort öffentlich-rechtlicher Propaganda, wenn es darum ging, Kritik und von der Regierungslinie abweichende Meinungen und Fakten zu diffamieren und zu unterdrücken. Das staatstragende und den Mainstream beweihräuchernde Narrativ dahinter lautet, dass jene, die abweichende Meinungen vertreten, sich vorwiegend in geschlossenen und politisch ab- und einseitigen Informationsblasen bewegen und dort mit „FakeNews“ und „Verschwörungstheorien“ indoktriniert werden.

34C3 – „Social Bots, Fake News und Filterblasen“ –
Vortrag von Michael Kreil; Bild anklicken, YouTube!

Nun erweist sich auch dieses Narrativ dank einer aufwändigen Datenanalyse von Michael Kreil als unwahr. Das exakte Gegenteil ist der Fall und es wird wohl niemanden verwundern, dass sein Nachweis dieser falschen Darstellung in den Staatsmedien totgeschwiegen wird:
Die Filterblase ist der Mainstream.

Beispielhaft für die monatelange „Filterblasen“-Kampagne in ungezählten Magazinbeiträgen, Kommentaren, „Dokus“ oder Reportagen in ARD und ZDF sei an dieser Stelle ein Beitrag des selbsternannten „Faktenfinders“ der ARD, Patrick Gensing, angeführt, der in einer Art Meta-Artikel „Wie umgehen mit Fake News“ am 3.4.2017 Folgendes über „Filterblasen“ behauptete:

Wir wollen zudem diskutieren, warum Fake News überhaupt so ein großes Thema geworden sind. Warum lehnen eine offenbar nicht kleine Anzahl von Menschen Informationen in etablierten Medien oder Behörden pauschal als Lügen ab? Warum ziehen sich Menschen in eine hermetisch abgeschlossene Filterblase zurück, in die nur das dringt, was man hören will? Und was können Nutzerinnen und Nutzer tun, um die Wirkung von Fake News zu begrenzen?

Patrick Gensing (ARD)

In diesem Statement bringt Gensing die im und vom Mainstream – insbeson­dere durch die ARD – verbreitete Ansicht zum Thema „Filterblase“ auf den Punkt.

Nur wenige Tage später, am 23.4.2017, haben wir hier im Blog das Thema „Filterblase“ ebenfalls aufgegriffen und anhand eines von der ARD (WDR) selbst durchgeführten Versuchs darauf hingewiesen, dass es vielmehr die Opfer des Mainstreams sind, die sich einseitig informieren und deshalb in einer (aus politischen Motiven konstruierten) Informationsblase gefangen sind. Es ging um Cecilia Röski und ihr „Experiment“, sich für einige Wochen in alternativen Medien zu informieren.

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Damals lautete unsere Bewertung ihres Experiments:

Der Unterschied zwischen Mainstream- und Alter­na­tiv­medien ist prinzipiell, dass nur Mainstreammedien – vorneweg die Staatssender ARD, DLF und ZDF – für sich in Anspruch nehmen (bzw. sogar den Auftrag haben), ein umfassen­des, ausgewogenes, objektives und unparteiliches Bild der Welt zu zeigen, während sämtliche Alter­na­tiv­medien – mehr oder weniger direkt am Main­stream orientiert – abweichende Perspektiven bieten und sich in der Regel auch dezidiert als Ergänzung (RT-Motto: „Der fehlende Part“) bzw. Widerspruch (Compact, Nachdenkseiten, etc. ) zum Mainstream betrachten. Die fundamentale Lüge des Mainstreams beginnt also bereits im Versprechen einer objektiven und umfassenden Darstellung der Welt und diese Lüge ist das Fundament und der Raum für die Informationen der Alternativmedien, deren Fakten man im Mainstream vergeblich sucht.

Dass man mit ihrem experimentellen Ansatz, sich ausschließlich in Alternati­v­medien zu informieren, kein umfassendes und in sich schlüssiges Bild der Welt bekommen kann, liegt auf der Hand. Es ist, als würde man sich ausschließlich von Vitaminpillen ernähren, anstatt diese als Nahrungsergänzung hinzu­zuziehen, wenn man Symptome von Mangelernährung (die Welt beginnt zu schwanken, die Augen verschwimmen) an sich erkennt.

Und genau das wird nun durch die Datenanalyse von Michael Kreil mehr oder weniger wissenschaftlich bestätigt. Er fand nämlich heraus, dass sich jene, die sich laut Mainstream in einer (rechten) „Filterblase“ bewegen und dort „FakeNews“ konsumieren und verbreiten, in Wahrheit nicht ausschließlich in einem geschlossenen Informationsraum befinden, sondern sehr wohl auch die Mainstreammedien konsumieren.

Andererseits befinden sich die Vertreter des Mainstreams tatsächlich in einer Filterblase, in der sie die Informationen – seien sie nun richtig oder falsch – aus alternativen Medien mehrheitlich überhaupt nicht wahrnehmen. Genau deshalb heißen die alternativen Medien ja auch „Alternative“, weil sie eben nur von einer kleinen Gruppe wahrgenommen werden und ihre Informationen deshalb erst gar nicht in den Mainstream durchdringen.

Was Kreil genau in seinem Vortrag auf dem 34. Chaos Computer Congress präsentiert hat, geht aus der folgenden, leicht überarbeiteten Grafik hervor, die auf einem Screenshot seines YouTube-Videos beruht:

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Seine (hier überarbeitete) Grafik ist in einem Punkt leicht irreführend, denn er zeigt Mainstream und Alternative als gleich große Sphären. Tatsächlich dürfte der Mainstream um einen Faktor 10 bis 20 größer sein als die Alternativen. Wichtig aber sind die Zahlen zur wechselseitigen Wahrnehmung, die Kreil aus seinen bei Twitter abgezweigten Daten extrahiert hat. Demnach erreicht eine Information aus den Alternativen nur 43% des Mainstreams, während aber 89% der Alternativen eine Information wahrnehmen, die vom Mainstream verbreitet wird.

Kreils Datenanalyse weist also nach, dass die Chance einer Information aus den Alternativen – in diesem Fall war es eine FakeNews – in den Mainstream zu gelangen, prozentual etwa halb so groß ist, wie die Chance einer Information aus dem Mainstream in die Alternativen zu gelangen – in diesem Fall handelte es sich um eine Gegendarstellung. Die Alternativen sind also weitestgehend offen für Informationen aus dem Mainstream, während der Mainstream weitestgehend geschlossen ist für Informationen aus den Alternativen – eine Filterblase!

Das I-Tüpfelchen – und der Grund, warum dieses Thema erst einige Wochen nach Kreils Vortrag hier im Blog aufgegriffen wird -, ist, dass sein Vortrag und damit seine Erkenntnisse über die Filterblase in ARD und ZDF komplett totgeschwiegen werden.

Zwei Wochen hatte die ARD Zeit, im selbsternannten „Faktenfinder“ oder in Medienmagazinen wie „ZAPP“ oder „Töne, Texte Bilder“ auf seine Erkenntnisse einzugehen und zu reagieren. Dass sie dies in diesem elementaren Punkt des Mediendiskurses nicht tun, sondern stattdessen wie ZAPP heute Abend – weiter ihre staatliche Desinformation und Propaganda verbreiten, ist tatsächlich die beste Bestätigung für Kreils Analysen und das, was wir hier im Blog seit 4 Jahren dokumentieren.