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Dass die Sprache nicht nur unser Denken bestimmt, sondern uns mit Begriffen, Inhalten und Asso­zia­tionen einen beschränkten Rahmen für unsere Erkenntnisse und Problemlösungen vorgibt, den wir weder spüren, noch ohne weiteres erweitern können, ist eine weithin ausgeblendete Tatsache, die sich elitäre Herrschaft zu Nutze machen kann, um die Massen in ihrem Sinne zu manipulieren. Eine exzellente Beobachtung von Markus Klöckner auf den Nachdenkseiten gibt zwei prägnante und besonders aufschlussreiche Beispiele:

Wie Politik und Medien durch Sprache die Wirklichkeit verschleiern
von Marcus Klöckner

…Wenn Politik und Medien den Versuch unternehmen, die soziale Realität jener Menschen in diesem Land zu erfassen, die den etablierten Parteien den Rücken zukehren, ist immer wieder Folgendes zu beobachten: Es dauerte nicht lange bis es heißt, in Deutschland gebe es Menschen, die sich abgehängt, benachteiligt, an den Rand gedrängt fühlen. Schnell heißt es dann auch, man müsse diese Menschen mitnehmen.

Diese Formulierungen sind ein Musterbeispiel dafür, wie Politiker und Journalisten nicht nur Sprache nutzen, um die Realität zu verschleiern, sie zeigen auch auf, wie man Diskurse sabotiert, Menschen abwertet und ihre Positionen und Anliegen auf subtile Weise delegitimiert…

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Die ganze Macht der subversiven sprachlichen Manipulation, wie sie in dem Begriff „sich abgehängt fühlen“ verborgen ist, zeigt sich darin, dass sie auch von Politikern, Journalisten und Experten übernommen wird, die sich eigentlich als Sprachrohre jener sehen, die sich nicht nur „abgehängt fühlen“, sondern die faktisch abgehängt sind, weil sie finanziell – oft genug trotz lebenslanger Arbeit – nicht mehr am kulturellen und sozialen Leben teilnehmen können.

Der Begriff des „abgehängt sein“ ist im aktuellen politischen Diskurs eng mit der Globalisierung verbunden, die ihrerseits nicht von den Bürgern initiiert, sondern Top-Down von den wirtschaftlichen und politischen Eliten verordnet wurde, um dem expansiven Drang des kapitalistischen Wirtschaftssystems neuen Raum und Möglichkeiten zur Ausdehnung und Eroberung zu verschaffen.

Im Jahr 2002, in dem auch das Hartz-Konzept entwickelt wurde, warnte der damalige Bundespräsident Johannes Rau in einer Rede, dass in der Globalisierung auch Gefahren lauern würden:

…die Globalisierung ist kein Naturereignis. Sie ist von Menschen gewollt und gemacht. Darum können Menschen sie auch verändern, gestalten und in gute Bahnen lenken.
Man muss aber genau hinsehen:
Es gibt großartige neue Chancen – und es gibt handfeste Interessen.
Es gibt Leute, die bestimmen – und es gibt Menschen, die haben nichts zu sagen.
Es gibt mehr Wohlstand und mehr kulturellen Austausch – und es gibt Länder und Regionen, die werden abgehängt.
Wir können und wir müssen fragen:
Wer sind – bisher – die Gewinner, wer sind – bisher – die Verlierer der Globalisierung?…

15 Jahre später zählt sich die deutsche Regierung zu den Gewinnern und verschweigt der Öffentlichkeit die horrende Staatsverschuldung und die Tatsachen, dass deutsche Handelsüberschüsse unter anderem mit der Prekarisierung deutscher Arbeitnehmer und Rentner und dem wirtschaftlichen Niederringen unserer europäischen Nachbarn Konkurrenten erkauft wurde.

Immerhin sprach der Sozialdemokrat Rau in dieser Rede nicht davon, dass sich Länder und Regionen abgehängt fühlen werden. Diese politisch-sprachliche Formatierung des öffentlichen Diskurses wird heute – und da zeigt sich die Macht der subversiven Propaganda – ausgerechnet auch von Vertretern der Linkspartei verwendet, wie eine kurze Recherche zutage fördert.

Sahra Wagenknecht: „Wir brauchen endlich eine andere Politik in Deutschland, eine wo sich die Menschen nicht mehr im Stich gelassen fühlen und abgehängt fühlen und da sehe ich bei Frau Merkel wenig Ansatzpunkte.“

Diese Steilvorlage, die das real existierende Problem des sozialen Niedergangs in eine an Emotionen gebundene Frage der persönlichen Wahrnehmung verwandelt, wird vom stellvertretenden ARD-Chefredakteur Baumann dankbar aufgenommen. Dazu muss man wissen, dass Thomas Baumann Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Psycholinguistik studiert hat, der Mann kennt also die Macht der Worte und die Techniken der linguistischen Manipulation aus dem Effeff.

Thomas Baumann: „Das ist Ihre Wahrnehmung. Zur gesamten Wahrnehmung, Frau Wagenknecht, gehört auch, dass Deutschland die niedrigste Arbeitslosenquote seit 25 Jahren hat und keine Neuverschuldung. Ganz so schlecht siehst ja nicht aus.“

Auch Thüringens Ministerpräsident Ramelow von den LINKEN hat sich das relativierende Wording, dessen Ursprung zu recherchieren interessant sein dürfte, bereits zu eigen gemacht – und in diesem Beispiel benutzt er die Worte durchaus reflektiert:

Ramelow: „… Wir müssen eine Antwort darauf geben, wie wir das Gefühl, dass die Ostdeutschen sich abgehängt fühlen, obwohl wir bei der Arbeitslosigkeit mittlerweile auf einem guten Weg sind, dieses Gefühl muss verändert werden…“

Die manipulative Wortwahl, deren Ausbreitung im öffentlichen Diskurs im Kanzleramt sicherlich mit Genugtuung zur Kenntnis genommen wird, dürfte bei einigen Abgehängten die Frage aufwerfen, ob sie sich durch die LINKEN tatsächlich richtig vertreten „fühlen“…