Schlagwörter

, , , , , , , , ,

zdf_80Der kurze Auftritt der koreanisch-deutschen Regisseurin Cho Sung-hyung am vergangenen Donnerstag im ZDF bei Maybritt Illner war sowohl in politischer, wie auch in medialer Hinsicht außerordentlich erhellend. Nicht nur deshalb, weil sie der einzige Gast der Sendung war, der überhaupt einmal in beiden Teilen Koreas war und die Geschichte und aktuelle politische Situation des geteilten Landes besser kennt als alle anderen Gäste zusammen, sondern vor allem, weil sie sich nur abseits der Runde für knapp 5 Minuten äußern durfte.

Das ZDF läßt über Korea verhandeln. Am Tisch der „Experten“ ist dafür kein Platz für die aus Korea stammende Regisseurin Cho Sung-hyung.

Cho Sung-hyung war eingeladen worden, weil sie zuletzt den Dokumentarfilm „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ gedreht hatte, der im vergangenen Jahr in die Kinos kam und vor 6 Wochen im Spätprogramm der ARD ausgestrahlt wurde. Für die seltene Drehgenehmigung in Nordkorea musste sie die südkoreanische Staatsbürgerschaft abgeben, um überhaupt ins Land eingelassen zu werden und im heimatlichen Süden nicht später als Staatsverräterin verfolgt zu werden.

Wer sich – nicht nur wegen der aktuell von den transatlantischen Medien neu angeheizten Konfrontation – für Nordkorea interessiert, hätte Sung-hyung sicherlich gerne eine ganze Weile zugehört und dabei eine Menge ungefilterter Informationen bekommen können, die von der westlichen Propaganda ansonsten entweder unterdrückt oder gezielt verzerrt werden. Stattdessen führten einmal mehr sattsam bekannte US- und NATO-Propagandisten das Wort, um Illners zwischenzeitliche Selbstentblö(ß,d)ung, die USA seien eine „Friedens- und Ordnungsmacht“ nicht allzu obszön erscheinen zu lassen.

Die Propaganda des ZDF begann also (wieder einmal) bereits bei der Gästeauswahl, wobei man sich fragen muss, warum der Redaktion überhaupt der Lapsus unterlaufen ist, eine Koreanerin – wenn auch nur für 5 Minuten – einzuladen, wenn man doch auch wie gewohnt einen vom Bundeskanzleramt finanzierten „Experten“ der SWP hätte zu Wort kommen lassen können. Wollte man etwa den Anschein erwecken, man interessiere sich im ZDF ernsthaft für die Meinung von Menschen eines Landes, das die USA als nächstes (und zum wiederholten Male) in Schutt und Asche bomben wollen?

Bemerkenswert war Cho Sung-hyung’s 5-Minuten-Auftritt aber auch deshalb, weil die Frau sich als verbal ausgesprochen wehrhaft, fundiert und eloquent zeigte. Dabei schaffte sie es nicht nur in kürzester Zeit an die – selbst für uns Europäer – unvorstellbaren Gräuel des Korea-Kriegs zu erinnern, sondern verwies darauf, dass der Konflikt derzeit aufgebauscht wird und dass die Medien auch in diesem Fall Ursache und Wirkung verdrehen, wenn sie ständig „Provokationen“ Nordkoreas behaupten und die militärischen und verbalen Aggressionen des Westens regelmäßig als „Reaktion“ rechtfertigen.

Auch für die Redaktion des ZDF-Talks hatte Cho Sung-hyung eine berechtigte Ohrfeige auszuteilen, denn die hatte sie zu Beginn der Sendung als einseitig verständnisvoll für die Position Kim Jong-Un’s dargestellt, was darauf schließen lässt, welche Rolle ihr in dieser Talkrunde zugeschrieben werden sollte.

„Für die Deutsche mit koreanischen Wurzeln steht fest, Kim Jong-Un agiert rational, Trump ist der gefährliche Irre mit der Atomwaffe“ – schon bei dieser Vorstellung verzieht Cho Sung-hyung das Gesicht und kritisiert später im Gespräch die einführenden Worte des ZDF

Cho Sung-hyun’s bemerkenswerte
5 Minuten bei Maybrit Illner

Cho Sung-hyung: „Heute ist der letzte Tag dieses Manövers. Das ist eine Angriffsübung, die Invasion Nordkoreas und darüber erfährt man so wenig oder will man gar nicht darüber berichten…“

Maybrit Illner: „Doch, doch darüber haben wir sehr wohl berichtet …“

Cho Sung-hyung: „Aber hier wurde berichtet, dass Nordkorea zuerst Raketentest gemacht hätte und dann die USA darauf reagiert hätten. Das ist nicht so. Die Provokation ist gegenseitig.“

Mit dieser Darstellung hat Cho Sung-hyung vollkommen recht, wenn man in Betracht zieht, dass die nordkoreanische Seite diese jährlich stattfindenden Manöver („Ulchi Freedom Guardian“) immer wieder als Akt der Bedrohung und Feindseligkeit kritisiert hat und weist damit auf eine wiederkehrende Methode der Propaganda, die wir hier immer wieder dokumentiert haben: Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, Aggressor und Verteidiger werden in den westlichen Mainstreammedien systematisch vertauscht, um die eigenen Verbrechen aus der öffentlichen Wahrnehmung herauszuhalten oder zu rechtfertigen.

So erfahren die deutschen Zuschauer in ARD und ZDF auch nicht, dass Trumps Sicherheitsberater McMaster Nordkorea Anfang August mit einem Präventivschlag gedroht hatte, während jegliche Drohung Nordkoreas zurückzuschlagen, zu einer Bedrohung des Weltfriedens aufgebauscht wird.

Dass die Talkrunde mit echtem, ausgewogenem und ansatzweise objektivem Journalismus nichts zu tun hatte und – mit vertauschten Rollen – auch im nordkoreanischen Staatsfernsehen hätte ausgestrahlt werden können, dürfte jedem einleuchten, der hierzulande überhaupt noch weiß, was Journalismus ist.

Wer angesichts der alltäglichen Propaganda und Kriegstreiberei (darauf kommen wir später noch zurück) in ARD und ZDF weitergehende Informationen zu Nordkorea sucht, der wird auf YouTube fündig, denn dort gibt es unter anderem Cho Sung-hyung spannende Dokumentation „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“. Die Kritik lobte:

Meine Brüder und Schwestern im Norden erhielt den Preis als bester regionaler Langfilm des 9. Lichter Filmfests. Die Jury urteilte, Sung-Hyung Cho schöpfe die vom System vorgegebenen Möglichkeiten „auf kluge und respektvolle Weise aus“. In den Interviews frage sie sehr bestimmt nach, gebe dem Protagonisten aber trotzdem Raum, wodurch „ein mosaikartiges Porträt eines zerrissenen Landes“ entstehe. Dem Zuschauer werde es ermöglicht, „hinter die Bilder zu schauen, zwischen den Zeilen zu lesen und eine eigene Haltung einzunehmen“.[3]

Auf dem 26. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern wurde Meine Brüder und Schwestern im Norden zum besten Dokumentarfilm gewählt (gemeinsam mit Parchim International). Die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass es Sung-Hyung Cho trotz des von der nordkoreanischen Regierung vorgegebenen Rahmens gelinge, „durch eine besondere Mischung von Wärme und Distanz, […] in ihren Interviews das Lebensgefühl verschiedener Generationen sehr lebendig nahe zu bringen“.[4] (wikipedia)

Dass ein transatlantisch-zionistisches Rumpelstilzchen in der Springer-Presse anschließend „Propaganda“ krähte, darf man zum einen getrost als weitere Auszeichnung verstehen und zum anderen weiß man nun, woher die Illner-Redaktion die Chuzpe hatte, Cho Sung-hyung in die Nähe von Kim Jong-un zu rücken.