Schlagwörter

, , , , , , ,

ard_logoFeindbilder geben zwar nicht dem Tag Struktur, wie Volker Pispers formulierte, sondern der eigenen Persönlichkeit, sie sind aber gerade deshalb für viele Menschen ein vermeintlich kostenloses und rezeptfreies Medikament zur Selbstauf- und überbewertung.  Manch ein Deutscher braucht geradezu „den Türken“, „den Russen“ oder „den Muslim“, um sich selbst als Besserdemokrat, die moderne und politisch korrekte Variante des Herrenmenschen, fühlen zu können.

Anne Will 12.03.2017: Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?

ARD „Anne Will“ 12.03.2017: Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?

Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Form der Sublimation jahrhundertelanger geschichtlicher Kränkungen, deren schmerzlichstes und am heftigsten unterdrücktes Symptom ist, dass es der deutsche Untertanengeist bis heute nicht geschafft hat, im eigenen Land eine Demokratie zu errichten, die mehr ist als Schein, Täuschung und Selbsttäuschung.

Während in Afrika Millionen an menschengemachtem Hunger verrecken (Randnotiz), in Mossul eine Stadt eingeebnet wird (Randnotiz) und frisch geleakte Dokumente beweisen, mit welchen Gestapo-Methoden die CIA weltweit (u.a. von Deutschland aus) spioniert und destabilisiert (Randnotiz), zeigen die regierungsnahen Medien einmal mehr ihre Macht und Bereitschaft, politische Diskurse im Sinne des Kanzleramts auf die Tagesordnung zu setzen und zu lenken.

Dass das Thema „Erdogan“ den Speiseplan der Staats- und Konzernmedien für das Volk dominiert, ist kein Zufall, sondern Strategie. Deutsche Eliten (und ihre europäischen Partner) wollen verhindern, dass Erdogan sein Referendum gewinnt und die Türkei in eine Präsidialdemokratie verwandelt. Nach wochenlanger Propaganda und hysterischer Empörung über herbeifantasierte russische Einmischung in deutsche Innenpolitik und Wahlen, mischt sich das zur Selbstreflexion vollkommen unfähige, mediale und politische Oberlehrertum nun ganz ungeniert in die innereren Angelegenheiten der Türkei ein.

Der deutsche Durchschnittsbürger lässt sich auch in diesem Fall mehrheitlich von Politik und Medien führen, wie es die ihm andressierte Schafsnatur erwarten lässt. Wenn es gegen „den Türken“ geht, sind alle gern dabei und Erdogan liefert zweifellos reichlich Grund für Kritik. Dass das von den deutschen Medien vermittelte Bild jedoch mit der türkischen Realität wenig bis nichts zu tun hat, sollte medienkritischen Beobachtern schon als grundsätzliches Axiom bekannt sein. Was uns in den Mainstreammedien über die Türkei eingeredet wird, steht – wie alle geopolitischen Themen – nicht nur unter dem „Verdacht“ der Propaganda, sondern es ist prinzipiell Propaganda.

Lässt man die Tatsache außer Acht, dass bereits das Ansetzen des gestrigen Themas bei Anne Will gezielte Meinungsmache darstellt, weil eben NICHT darüber diskutiert wurde, wie man den zig Millionen von einem grausigen Hungertod bedrohten Menschen in Afrika helfen könnte oder welche Schuld der Westen an diesem Elend trägt, das vielerorts durch Kriege menschengemacht ist, dann war die gestrige Sendung dank des zweisprachig eloquenten türkischen Gastes durchaus aufschlussreich, denn diesem gelang es immer wieder, die gegen Erdogan und AKP gerichtete Propaganda deutscher Medien und Politik deutlich zu machen.

Trotz aller Verbrechen, die Erdogan mit Blick auf seinen gnadenlosen Krieg gegen die Kurden und seine Terrorunterstützung in Syrien (in der deutschen Propaganda übrigens beides jahrelang weitestgehend totgeschwiegen, da auch immer im westlichen Interesse) auf dem Gewissen hat, hat auch er ein Recht auf – und die Medien haben die Pflicht zur – wahrheitsgemäßen und ausgewogenen Berichterstattung. Zum Zerrbild, das in Deutschland über die Türkei verbreitet wird, gehört, dass der dortige Putschversuch gegen den Präsidenten hierzulande medial so gut wie keine Rolle spielte.

Das harte Durchgreifen der türkischen Regierung wird aber nur dann verständlich, wenn man sich diesen militanten Putschversuch mit über 200 Toten immer wieder vergegenwärtigt und die nun verhafteten Oppositionellen nicht einfach als Opfer betrachtet, sondern als mutmaßliche Staatsverräter und Unterstützer eines gewaltsamen Angriffs auf demokratisch gewählte Institutionen. Für Erdogans Anhänger haben sich die Bilder der Putschnacht verbunden mit vielen starken Emotionen ins Gedächtnis gebrannt – für die deutsche Öffentlichkeit existiert diese türkische Realität hingegen nicht. Das Bild, das deutsche Medien der deutschen Öffentlichkeit über die Türkei eintrichtern, entspricht weitestgehend dem Gegenteil und beginnt erst dort, wo der türkische Staat gegen seine Gegner durchgreift.

Damit sind wir bei einer zentralen Methode der Propaganda, die immer wieder darauf beruht, Geschichte zu klittern und politische Ereinisse und kausale Abläufe erst von einem genehmen Zeitpunkt an zu erzählen. So wie der gewaltsame, westliche Putsch auf dem Maidan aus der deutschen Propaganda längst verschwunden ist und das Narrativ der Lügenpresse unablässig bei der vermeintlichen „Annexion“ der Krim beginnt, so beginnt auch die Erzählung der Mainstreammedien über die Türkei nicht mit einem – mutmaßlich aus den USA unterstützten – Putschversuch, sondern erst bei den Reaktionen der türkischen Regierung, die nun unter den Putschisten – und jenen, die man verdächtigt mit diesen zu fraternisieren – aufräumt.

Lässt man die eigenen Vorurteile und berechtigte Kritik an der türkischen Regierung einmal außer Acht und konzentriert sich auf die westliche Doppelmoral und Propaganda, so muss man dem türkischen Minister zugestehen, dass er in der Diskussion mit Merkels (vorsichtshalber für den Empfang von Instruktionen verkabeltem) Kanzleramtsminister Altmaier und einer deutschen Staatsmoderatorin, die von Beginn an der Türkei den schwarzen Peter zuschieben wollte, einige wichtige Punkte gemacht hat.

Dazu gehört, dass er die in deutschen Medien immer wieder verbreitete Lüge, Erdogan habe Deutschland mit den Nazis „gleichgesetzt“ entlarvt und korrigiert hat. Tatsächlich hatte Erdogan der deutschen Regierung nämlich lediglich Nazimethoden vorgeworfen. Die Lüge von der „Gleichsetzung“ wurde unter anderem am Freitag im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ und am Sonntag von Bettina Gaus im ARD „Presseclub“ verbreitet.

10.03.2017 Aspekte

Besonders prägnant zeigten sich Dummheit, Arroganz und Oberlehrertum in der Person des Jo Schück, der in Aspekte, kurz nachdem man die Lüge über die „Gleichsetzung“ verbreitet hatte in einem weiteren einseitigen Bericht US-Präsident Trump notorischer Lügen bezichtigt hatte, theatralisch Bert Brecht zitierte:

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

Kilic entlarvt diese Lüge und stellt klar:

„Was gesagt worden ist, ist ein Vergleich der Methoden und nicht, zu sagen, dass in Deutschland ein Naziregime ist. Das ist nicht gesagt worden. Das muss ich auf Türkisch noch mal sagen. [er wiederholt auf Türkisch:] Was gesagt wurde, ist, dass Deutschland Methoden benutzt hat, die an Nazimethoden erinnern. Das müssen wir unterstreichen!“

Auf den wichtigsten Punkt kommt der exzellent vorbereitete Kilic bei Anne Will schon nach 12 Minuten zu sprechen, als er auf den von deutschen Medien längst ausgeblendeten Putschversuch hinweist:

Bild anklicken, YouTube!

Akif Kilic: „Das ist der Spiegel nach einem Monat Militärputsch in der Türkei!“

Beide Beispiele zeigen exemplarisch, wie die deutsche Öffentlichkeit von den Medien – einmal mehr ganz im Sinne der Regierung – angelogen und manipuliert wird. Der Putschversuch wird ausgeblendet und Erdogan werden mit dem Ziel, ihn zu diskreditieren und die Konfrontation zu eskalieren, Worte in den Mund gelegt, die er nie gesagt hat. Das ist Lügenpresse und Propaganda in Reinform und es sind auch dezidiert Nazimethoden, denn die Herrschaft der Nazis war überhaupt nur durch Propaganda, durch gezielte politische Hetze, Desinformation und massivste Manipulation der Öffentlichkeit, möglich.

Bild anklicken, YouTube!

Bild anklicken, YouTube!

Akif Kilic: „… die Xenophobie, die hier vorherrscht, oder die Islamophobie – und auch über die müssen wir reden – leider, und das sage ich mit Trauer, es gibt nämlich in Europa eine starke Xenophobie, eine starke Islamophobie. Wir sind hier in Deutschland, aber ich muss das einfach sagen, leider ist es so, dass in Deutschland – insbesondere in den Medien – die ganze Zeit negative Nachrichten über die Türkei verbreitet werden. Die ganze Zeit. Und dann wird gesagt, wir wollen in Deutschland nicht darüber sprechen, was in der Türkei passiert [meint, wollen uns nicht einmischen.] Aber in den Medien, in den Fernsehsendern und in der Presse wird die ganze Zeit über die Türkei diskutiert. Die ganze Zeit.“

Peter Altmaier: „Putsch gegen demokratische Regierungen ist niemals akzeptabel“

Kilic‘ Verweis auf den Putschversuch in der Türkei, der auch die Eliminierung Erdogans zum Ziel hatte, will Altmaier mit allem Nachdruck widersprechen und offenbart dabei nicht nur die eigene und die Verlogenheit der Regierung, sondern nebenbei auch die regierungsnahe Haltung der „Moderatorin“, die sein nun folgendes, heuchlerisches Gerede nicht hinterfragt, wie es ihre Aufgabe wäre.

Bild anklicken, YouTube!

Bild anklicken, YouTube!

Peter Altmaier: „…Wir haben diesen Putsch verurteilt. Das haben wir auch getan, als es früher in der Türkei Militärputsche und Militärregierungen gegeben hat. Wir sind der Auffassung, dass ein Putsch gegen demokratisch gewählte Politiker, Parlamentarier niemals – unter keinen Umständen – akzeptabel ist…“

Steinmeier mit Naziführer Tiahnybok in Kiew

Altmaier lügt hier ohne rot zu werden, die Moderatorin hat keinerlei Einwände und nur jenen, die sich von solch dreister Propa­gan­da nicht für dumm verkaufen lassen, kommen die Bilder vom Maidan 2014 in Erinnerung, als deutsche Politiker einen Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine unterstützt und dabei sogar mit lupenreinen Nazis pa(c)ktiert haben.

Diese Verlogenheit und Heuchelei zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Sendung und es ist dem türkischen Minister zu verdanken, dass manches davon ans Tageslicht kam. Auch die Redaktion von Anne Will hat ihren Beitrag zur Desinformation in einem Einspieler geleistet, der ein ganzes Sammelsurium falscher oder einseitiger Informationen über das türkische Referendum enthielt, wovon Kilic im Anschluss zumindest einen Punkt klarstellen konnte.

Leider sind die von der Redaktion produzierten Einspieler in den Youtube-Videos nicht verfügbar. Wer sie nicht gesehen hat, muss auf die ARD-Mediathek ausweichen. Der nun angesprochene zweite Einspieler, der die Inhalte des Referendums holzschnittartig, einseitig verkürzt und mit audiovisuellen Methoden dramatisiert darstellt, beginnt in der ARD-Mediathek nach 50m 05s.

Bild anklicken, ARD-Mediathek (ab 50m 05s)!

Bild anklicken, ARD-Mediathek (ab 50m 05s)!

Kilic sagt ganz unverblümt, dass es in diesem Einspieler „schwere Fehler“ gibt – was für die ARD-Redaktion die größtmögliche Klatsche ist – und greift sich ein Beispiel heraus.

Bild anklicken, YouTube!

Bild anklicken, YouTube!

Akif Kilic: „… In dem Film gibt es schwere Fehler. Zum Beispiel: Die Tatsache, dass in dem neuen System, das durch ein Referendum verabschiedet werden muss, der Staatspräsident gewählt wird – im Film heißt es ja dazu, dass er das Parlament dann auflösen kann, aber es wird nicht gesagt, dass das Parlament die gleichen Befugnisse hat. Aber da gibt es einen springenden Punkt: Entweder der Staatspräsident oder das Parlament – egal welche der beiden Instanzen – kann Wahlen beschließen und dann werden eben beide Wahlen gleichzeitig durchgeführt. Das ist das, was wir versuchen zu erklären. Diejenigen Kollegen, die diesen Fim heute vorbereitet haben, hätten sich ein bisschen besser vorbereiten können. Ein bisschen mehr lesen können, dann hätten sie diesen Fehler nicht gemacht. Das ist nur ein Beispiel! Es gibt da noch ganz viele andere Sachen…“

Kilic verweist dann noch einmal nachdrücklich darauf, dass es sich um einen Volksentscheid handelt, dass also die Bürger entscheiden werden, ob sie diese Verfassungsänderung wollen und jedem Deutschen sollte an dieser Stelle dämmern, dass er in seinem Leben noch nie zu irgendeiner relevanten Frage zur Verfasstheit unseres Staates befragt wurde.

Mehr noch: Kilic betont, dass der türkische Staatspräsident sich selbstverständlich einer Wahl stellen muss und maximal zwei fünfjährige Amtszeiten ausüben kann. Dass Merkel hierzulande niemals direkt vom Volk gewählt wurde und mittlerweile seit über 11 Jahren (!) regiert, länger also, als dies einem türkischen Präsidenten möglich wäre, sagt Kilic zwar nicht, aber zumindest jene, die sich von deutscher Propaganda und Heuchelei nicht für dumm verkaufen lassen, wissen, was er zwischen den Zeilen zum Ausdruck bringen wollte: Die Deutschen haben ganz sicher nicht das Recht, sich als Oberlehrer in Sachen Demokratie aufzuspielen.


Nachtrag: Altmaier haben auch seine Ohrstöpsel nicht geholfen, die ihm Merkel offenbar verordnet hat, nachdem ihr Kanzleramtsminister in der Vergangenheit keine gute Figur gemacht hatte. Diese dienten sicherlich nicht einer (störenden) Zweitübertragung der Simultanübersetzung, die selbstverständlich über Lautsprecher ins Studio eingespielt wurde, sondern man muss davon ausgehen, dass Merkels Strategen hinter den Kulissen Altmaier in dieser äußerst wichtigen Diskussion mit Einflüsterungen sekundiert haben.