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Die Mechanismen der Selbstzensur in einer Glaubensgemeinschaft, wie sie die Mainstreammedien darstellen, sind höchst interessant und unterscheiden sich prinzipiell nicht sonderlich von anderen Religionen. Einige Hohepriester verbreiten das Evangelium, bestimmen die Grenzen des Erlaubten, erstellen einen Katechismus für den Nachwuchs und achten darauf, dass sich die Gemeinde an die Regeln hält.

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Abweichler oder Ketzer werden denunziert, öffentlich angeprangert und bei anhaltender Renitenz ausgegrenzt oder öffentlich verbrannt. Die Beobachtung dieser Mechanismen erlaubt sowohl Rückschlüsse auf die Grenzen des Erlaubten, als auch auf die Beziehungen, Funktionen und das Denken der Gläubigen innerhalb der Gemeinschaft.

Heute sind gleich zwei in dieser Hinsicht aufschlussreiche Artikel erschienen. Auf Uebermedien schwingt sich Messdiener Stefan Niggemeier zum Inquisitor auf und unterstellt „Harald Martenstein macht „Lügenpresse“-Vorwürfe salonfähig“.

uebermedien_martenstein767Schon die Wortwahl ist bezeichnend. Nicht das Wort „Lügenpresse“, das Martenstein sich kaum zu Eigen gemacht haben dürfte ist in diesem Fall interessant, sondern das Wort „salonfähig“ erlaubt einen tiefen Einblick in die Glaubenswelt des Messdieners „Niggi“. Bei diesem „Salon“ handelt es sich nämlich um sein Gotteshaus: die „Church of MSM“ – hier ausdrücklich mit Verweis auf ihre Wurzeln in der englischen Bezeichnung. Wenn Niggemeier von „salonfähig“ schwadroniert, dann möchte er ganz unverblümt klarstellen, was in der Kirche erlaubt ist und was nicht.

Martenstein hatte es als Priester der Glaubensgemeinschaft der MSM gewagt, häretische Gedanken öffentlich zu machen, die gegen das erste Gebot: „Du sollst nicht hinterfragen deines Bruders Sermon!“ in geradezu ketzerischer Weise verstießen. Der große Bruder ZDF hatte im Dezember mit einem Beitrag von Roland Strumpf Stimmung gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan gemacht. Tenor: Deutschland sollte alle Afghanen aufnehmen, die sich irgendwie verfolgt fühlen.

Dass so eine Asylpolitik nicht nur vollkommen realitätsfremd und geradezu schwachsinnig wäre – auch weil sie umgehend weitere Flüchtlingsströme in Gang setzen würde -, ficht intellektuelle Halbleiter und Gläubige wie Niggemeier nicht an. Aber inhaltlich wollen wir das gar nicht vertiefen. Ohne Martensteins Artikel zu kennen, geht schon aus den ausgewählten Zitaten hervor, dass der Artikel im ZEIT MAGAZIN durchaus lesenswert wäre – wenn man keine Hemmungen hat, bellizistische Verleger durch einen Kauf ihrer Traktate finanziell zu unterstützen.

„Früher habe ich immer gern Tagesschau, heute und Tagesthemen angeschaut. Heute bin ich fast weg davon. Diese Sendungen erinnern mich wegen ihrer Regierungsnähe zunehmend ans DDR-Fernsehen. Wobei das ZDF um einiges schlimmer ist als die gute alte ARD. Das erfolgreiche Wegmobben des kritischen Chefredakteurs Nikolaus Brender hat für das ZDF etwa die gleiche Langzeitwirkung gehabt wie die Ausweisung von Wolf Biermann auf das innere Klima der DDR.“ (Harald Martenstein)

Für den kleinen Niggi ist das zuviel. Das geht nicht nur an die Wurzeln seines naiven Glaubens, das stellt die Welt auf den Kopf. ARD und ZDF kaum zu unterscheiden vom Deutschen Fernsehfunk? Blasphemie!

Ein im Hinblick auf die Kirche der MSM nicht minder interessanter Artikel findet sich bei Meedia, wo Stefan Winterbauer die klebrige und korrumpierende Nähe zwischen „Journalisten“ des SPIEGEL und der Berliner Machtelite kritisch beleuchtet. Ja, tatsächlich: kritisch!

meedia_spiegel_berlin599Das ist durchaus ungewöhnlich, gerade für Meedia, das als Branchenportal ansonsten eher ein ökumenisches Selbstverständnis an den Tag legt und in politischer Hinsicht prinzipiell auf Regierungskurs liegt.

Winterbauers Artikel offenbart genau die andere Grenze des Erlaubten, die schamlose Selbsterhöhung und Gleichsetzung der Hohepriester mit den Göttern erschüttert seinen Glauben.

„Der Spiegel und die Kanzlerin auf Du und Du. Gabriel kam dann auch noch. Aber leider, leider, so informierte Kurbjuweit, dürfen die armen Leserlein nicht erfahren, was die Kanzlerin da Vertrauliches sprach. Das war nur für Spiegel-Ohren bestimmt.“

Was treibt einen Gläubigen wie Winterbauer zu einem solch kritischen, beinahe häretischen Artikel? Für die Antwort braucht es keinen brennenden Dornbusch, denn es ist nichts anderes als die pure Angst, die einfachen Gläubigen könnten womöglich erkennen, was ihm hier selbst schon dämmert, dass es sich bei dieser Religion um nichts anderes als Lug, Trug und Bauernfängerei handelt.

Der betrügerische Pakt zwischen Göttern und Hohepriestern zur Irre-Führung und Ausbeutung der Schafe entlarvt sich angesichts der öffentlich zelebrierten Hurerei. Das ist es, was Winterbauer fürchtet. Vielleicht ist auch ein bisschen Eifersucht dabei. Allzumenschliches ist den Gläubigen nicht fremd, sondern ihr wahres Wesen. Genau deshalb brauchen sie die Religion.

Winterbauer ist der Knabe, der durch die sperrangeloffene Tür des elterlichen Schlafzimmers sah und es im nächsten Moment voller Scham bereut. „So nicht!“, versucht er seinen kindlichen Glauben an die heile Welt zu retten. Es ist nicht die Angst, sein Weltbild könnte sich als Illusion erweisen, sondern die Angst, dies öffentlich einzugestehen und sich ein neues Wertesystem suchen zu müssen – ganz allein, nur mit dem eigenen Verstand.