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Wie Kriegspropaganda das Töten vorantreibt

von Robert Parry                                    Übersetzung FritztheCat

Exklusiv: Für die US-Regierung und die Massenmedien ist die Hysterie über „Falschmeldungen“ zu einer Ausrede geworden, um jenen faktenbasierten Journalismus zu zerschlagen, der das „Gruppendenken“ des offiziellen Washingtons herausfordert.

Warum sind die amerikanischen Auslandsdebakel so zerstörerisch für die angegriffenen Länder und für die Vereinigten Staaten? Ein Hauptgrund ist, dass diese Interventionen immer von riesigen Investitionen der US-Regierung in die Propaganda begleitet werden. Daher mahlt die Propagandamühle unentwegt weiter, um zu verhindern dass ein rascher Umschwung eintritt – selbst wenn offizielle Vertreter einmal zugeben, dass Fehleinschätzungen passiert sind.

Am Ende verfängt sich das offizielle Washington in seiner eigenen Propaganda. Das behindert die Fähigkeit einer Regierung für einen Richtungswechsel – selbst wenn das Bedürfnis nach einem Wandel offensichtlich wird.

parry_propaganda_killing_bushHat man ein ausländisches Oberhaupt erst einmal dämonisiert, dann wird es für die US-Offiziellen schwierig zu erklären, warum dieser Anführer am Ende doch nicht so übel ist, oder dass er wenigstens besser sei als die wahrscheinliche Alternative. Die offiziellen fangen nicht nur an, ihre eigene Propaganda zu glauben. Die Propaganda entwickelt auch ein Eigenleben und sorgt dafür, dass die gescheiterte Politik weitermarschiert.

Es ist in etwa so, wie die alte Geschichte von dem Huhn, das auch ohne Kopf weiter herumrennt. Im Falle der US-Regierung bedeutet es, dass das „Gruppendenken“ für Krieg oder für Interventionen weiter Amok läuft, obwohl klügere Politiker die Notwendigkeit für einen Kurswechsel schon erkennen.
Die Ursache für dieses Dilemma liegt darin, dass zur Finanzierung der Propaganda so viel Geld verteilt wird. Und dass sehr viele Karrieren an diesem Drehbuch hängen: Es ist leichter, tausende US-Soldaten und ausländische Bürger sterben zu lassen, als zuzugeben, dass die Politik auf Verdrehungen, Propaganda und Lügen aufgebaut war. Das wäre schlecht für die Karriere.

Und wegen der Vertragslaufzeiten und dem Geldfluss in die Propaganda-Läden lebt die öffentliche Haltung zu dieser Politik oft länger als der Glaube, dass diese Politik einen Sinn ergibt.

Es braucht Skeptiker

Idealerweise würden in einer gesunden Demokratie Skeptiker sowohl in der Regierung als auch in den Nachrichtenmedien eine wichtige Rolle bei der Identifizierung von Pannen und Schwächen in der Begründung für einen Konflikt einnehmen. Und man würde sie dafür belohnen, dass sie mithalfen, die Anführer vor einem Desaster zu bewahren. Im gegenwärtigen US-Establishment findet eine solche Selbstkorrektur jedoch nicht statt.

parry_propaganda_killing_putinEin aktuelles Beispiel für dieses Phänomen ist das Werben um einen Neuen Kalten Krieg mit Russland. Es gibt nahezu keine geistreichen Debatten über die Gründe für diese wachsenden Feindseligkeiten oder deren mögliche Resultate. Dazu zählt auch ein möglicher thermonuklearer Krieg, der das Leben auf unserem Planeten beenden könnte.

Anstatt sich um eine gründlich Diskussion zu bemühen, haben die US-Regierung und die Massenmedien einfach den politischen Entscheidungsprozess mit Propaganda geflutet, manchmal so plump, dass es selbst Joe McCarthy und die alten Kalten Krieger in Verlegenheit bringen würde.

Alles was Russland tut, wird in ein möglichst negatives Licht gesetzt, einer rationalen Untersuchung der Fakten und Motive wird kein Raum gestattet – außer auf ein paar unabhängig denkenden Internetseiten.

Und die US-Regierung, einige ihrer verwandten „Nicht-Regierungsorganisationen“, die Fabrikate der Massenmedien und große Technologiefirmen treiben jetzt ein Zensur-Projekt voran, als Teil der Bemühung, abweichende Meinungen zum Neuen Kalten Krieg ins Abseits zu drängen. Das Zensur-Projekt soll die paar Internetseiten zum Schweigen bringen, die sich weigern, im Gleichschritt zu marschieren.

Wenn man bedenkt, wie viele Billionen Dollar der militärische Industriekomplex aus dem Neuen Kalten Krieg saugen kann, dann sind die Propaganda-Investitionen zum Abschalten von ein paar Kritikern gut angelegtes Geld.

Heute wird diese außergewöhnliche Zensur-Operation unter der Flagge der Bekämpfung von „Fake News“ ausgeführt. Aber viele der angegriffenen Webseiten, darunter consortiumnews.com, haben etwas zum verantwortlichsten Journalismus im Internet beigetragen.

Bei Consortiumnews sind unsere Geschichten gleichbleibend gut berichtet und gut dokumentiert. Aber einer Propaganda aus der US-Regierung oder von sonstwo stehen wir skeptisch gegenüber.

Consortiumnews hat beispielsweise nicht nur Präsident George W. Bushs Behauptungen über irakische Massenvernichtungswaffen (WMD) 2002/2003 angezweifelt, wir haben auch über den Streit innerhalb der Geheimdienstgemeinde über die Behauptungen von Barack Obama und seiner engsten Beratern berichtet, bezüglich des Saringas-Angriffs 2013 in Syrien und dem Abschuss 2014 von Malaysian Airlines Flug 17 über der Ukraine.

In den beiden letzten Fällen hat das offizielle Washington die Vorfälle als Propagandawaffen für eine Eskalation der Spannungen mit der syrischen und der russischen Regierung benutzt. So wie zuvor die Anschuldigungen zu irakischen WMD dazu benutzt wurden, das amerikanische Volk für eine Invasion in den Irak aufzustacheln.

Wenn man aber die offizielle Story darüber in Frage stellt, wer für den Saringas-Angriff außerhalb Damaskus am 21. August 2013 verantwortlich war, nachdem Präsident Obama, Außenminister John Kerry und die Massenmedien die syrische Regierung für schuldig erklärt haben, dann verbreitet man „Fake News“.

Fakten spielen keine Rolle

parry_propaganda_killing_hershEs spielt anscheinend keine Rolle, dass in einem Bericht des Mainstreammediums The Atlantic bestätigt wurde, dass James Clapper, der Direktor der Nationalen Geheimdienste Präsident Obama davon unterrichtete, dass es keine „schla­gen­den“ Beweise dafür gebe, dass die syrische Regierung verantwortlich war. Und es spielt auch keine Rolle, dass der legendäre Investigativ-Journalist Seymour Hersh berichtete, dass seine Geheim­dienst­quel­len sagen, der wahr­scheinlich Schul­dige sei Al Qaedas Nusra Front, unter Mithilfe türkischer Geheimdienste.

Wenn man vom „Gruppendenken“ des Mainstream abweicht, welcher den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad beschuldigt, er habe die „rote Linie“ Obamas zu den Chemiewaffen überschritten, dann wird man im Gegenzug als „Fake News“-Seite angegriffen.

Ebenso ist es, wenn man darauf hinweist, dass die MH17-Untersuchung unter der Kontrolle des widerlichen ukrainischen Geheimdienstes SBU steht, der nicht nur von UN-Ermittlern beschuldigt wird Folter zu verbergen, sondern dass er auch das Mandat hat, ukrainische Regierungsgeheimnisse zu beschützen, dann wird man ebenso als Verbreiter von „Fake News“ beschuldigt.

Offensichtlich war einer der Faktoren, der dazu geführt hat, dass Consortiumnews auf einer neuen „Schwarzen Liste“ mit etwa 200 Webseiten vorkommt, dass ich einen Bericht des Joint Investigation Teams (JIT) skeptisch analysiert hatte. Angeblich war dieses „unter holländischer Führung“, aber in Wirklichkeit wurde es vom SBU geführt. Ich habe auch angemerkt, dass die Schlussfolgerung des JIT, Russland zu beschuldigen, durch ein selektives Lesen der vom SBU zur Verfügung gestellten Beweise und durch eine unlogische Erzählweise beschädigt wurde. Aber die amerikanischen Mainstreammedien haben unkritisch den JIT-Bericht gelobt. Und wenn wir auf die schreienden Fehler hinweisen, dann begehen wir „Fake News“ oder verbreiten „russische Propaganda“.

Die Sache mit den irakischen Massenvernichtungswaffen

Wäre diese Hysterie über „Fake News“ 2002/2003 ausgebrochen, dann würden jene unter uns, die ihre Skepsis über versteckte irakische WMDs zum Ausdruck gebracht hatten, vermutlich eine spezielle Kennzeichnung als „Saddam-Versteher“ tragen.

parry_propaganda_killing_hiattDamals hatte jeder, der in Washington „wichtig“ war, keine Zweifel an den irakischen WMDs. Der Redakteur für die Kommentarseite der Washington Post, Fred Hiatt, hat wiederholt die „Tatsache“ über versteckte irakische WMDs als nicht zu leugnende Tatsache hingestellt und er machte sich über jeden lustig, der das „Gruppendenken“ anzweifelte.

Mehr noch: sogar nachdem die US-Regierung eingestanden hat, dass die Vorwürfe über WMDs ein Märchen waren – ein klassischer und blutiger Fall von „Fake News“ – wurde fast niemand für die Verbreitung dieser Erfindung bestraft.

Also das Schandmal „Fake News“ gilt nicht für Hiatt und andere Journalisten der Massenmedien, die tatsächlich „Fake News“ produziert haben. Auch wenn das zum Tod von 4.500 US-Soldaten und Hunderttausenden Irakern geführt hat. Bis zum heutigen Tag ist Hiatt der Redakteur der Kommentarseite der WaPo und setzt weiterhin die „herkömmliche Meinung“ durch und verunglimpft Abweichler.

Ein weiteres schmerzhaftes Beispiel dafür, wie Propaganda – anstelle von Fakten und Vernunft – die US Außenpolitik bestimmt, ist der Vietnamkrieg, bei dem 58.000 US Soldaten und Millionen von Vietnamesen ihr Leben verloren haben.

Der Vietnamkrieg wütete jahrelang weiter, nachdem Verteidigungsminister Robert McNamara und sogar Präsident Lyndon Johnson erkannt hatten, dass ein Ende her musste. Zum Teil lag das am Verrat Richard Nixons, als er hinter dem Rücken Johnsons 1968 die Friedensgespräche sabotierte. Aber die Verleumdung von Anti-Kriegs-Dissidenten als pro-kommunistische Verräter hat viele Offizielle dazu veranlasst, den Krieg selbst dann zu unterstützen, als seine Aussichtslosigkeit offensichtlich geworden war. Die Propaganda entwickelte ein Eigenleben und führte zu vielen unnötigen Toten.

Eine spezielle Kennzeichnung

Im Zeitalter des Internets gibt es neue Arten der Zensur. Deine Webseite wird von den großen Suchmaschinen ausgeschlossen oder elektronisch mit einem Warnhinweis über die Unzuverlässigkeit der Seite markiert.

Deine Schuld wird von einem Gremium der Massenmedien beurteilt, einige ihrer Fabrikate werden teilweise von der US-Regierung finanziert, oder vielleicht von einer anonymen Gruppe angeblicher Experten.

parry_propaganda_killing_parryBei den zig Millionen Dollar, mit denen das offizielle Washington jetzt für Propaganda um sich wirft, werden viele Unternehmer Schlange stehen, um an den Trog zu kommen und ihren Teil beizutragen. Der Kongress hat gerade $160 Mio. zur Bekämpfung „russischer Propaganda“ freigegeben. Zur „russischen Propaganda“ gehören offensichtlich auch US-Nachrichtenseiten, die das Verlangen nach einem Neuen Kalten Krieg in Frage stellen.

Neben dem Geld hat das House auch mit 390 zu 30 für den Intelligence Authorization Act mit einer Sektion 501 gestimmt, zur Gründung einer Exekutive namens „Interagency Commmittee to counter active measures by the Russian Federation to exert covert influence“ (ein Agentur-übergreifendes Komitee zur Bekämpfung der aktiven Handlungen der Russischen Föderation zur verdeckten Einflussnahme). Das ist eine Einladung, die bereits stattfindende McCarthyistische Hexenjagd auszuweiten, um unabhängige Internet-Nachrichtenseiten und unabhängig denkende Amerikaner einzuschüchtern, die die neueste Ladung US-Regierungspropaganda anzweifeln.

Selbst wenn Präsident Trump entscheidet, dass diese Spannungen mit Russland absurd sind und dass die beiden Länder im Kampf gegen Terrorismus und in anderen internationalen Angelegenheiten zusammenarbeiten können – die Finanzierung der Neuen Kalten Kriegspropaganda (und der Druck, sich dem „Gruppendenken“ des offiziellen Washingtons anzuschließen) wird weitergehen.

Das gut finanzierte Getrommel antirussischer Propaganda soll die Entscheidungsfindung von Trump beeinflussen. Schließlich kann man diesen Goldesel des Neuen Kalten Kriegs jahrelang verwenden und nichts ist wichtiger als das – nicht einmal das Überleben der Gattung Mensch.


Robert Parry (* 24. Juni 1949) ist ein US-ameri­kanischer Journalist, der in den Verei­nigten Staaten vor allem durch seine Arbeiten zur Iran-Contra-Affäre, damals für Associated Press und Newsweek bekannt wurde. Während des Contra-Kriegs in Nicaragua deckte er den Skandal um das CIA-Handbuch Psychological Operations in Guerrilla Warfare auf und war an der Aufdeckung des vom CIA geduldeten Drogen­schmug­gels beteiligt. 1984 erhielt er den George Polk Award in der Sparte „Nationale Be­richt­er­stattung“. (wikipedia)