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gesellschaftfuerdeutschesprache1274Es kann wohl niemanden verwundern, dass die selbst­ernannte „Gesellschaft für deutsche Sprache“ einen von der Kanzlerin geadelten Begriff zum „Wort des Jahres“ kürt, schließlich werden die regierungstreuen Sprachkrieger von der Bundesregierung ganz uneigennützig mitfinanziert.

postfaktisch

Die Begründung der politisch und historisch entweder unbedarften oder ignoranten Jury zeigt, dass es um politische Meinungsmache geht und nicht um Aufklärung oder sprachliche Sensibilisierung.

… Die Jahreswortwahl richtet das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.

Viel zitiert wurde eine Erläuterung aus dem Munde der Bundeskanzlerin: »Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.« In diesem Sinne ist das Wort, wie Matthias Heine in der Welt (17. 11. 2016) schrieb, »sogar schon in der Witzkultur angekommen. Neulich sagte einer meiner Bekannten über einen Freund, dass dieser sich postfaktisch kleide – er ignoriere die Wahrheiten seines Körpers.«

Postfaktische Politik war beispielsweise der Wahlkampf gegen den Verbleib Großbritanniens in der EU. Mit zum Teil gezielten Fehlinformationen schürten die Befürworter des Austritts den Unmut in der Bevölkerung, die tatsächlich am 23. Juni 2016 mehrheitlich für den Brexit stimmte. Ein Ergebnis postfaktischer Politik war auch der Triumph von Donald Trump, der mit Diskriminierungen und wahrheitswidrigen Behauptungen wie der Aussage, Barack Obama habe die Terrororganisation »Islamischer Staat« gegründet, in den USA zum Präsidenten gewählt wurde… (Quelle)

Dieser geschichtsverachtende Unsinn könnte exakt so im Kanzleramt formuliert worden sein – wenn man dort nur dummdreist genug wäre, die eigene Chefin so schamlos zu preisen.

Von einem „tiefgreifenden Wandel“ schreibt der Autor und meint damit nicht die positive Entwicklung, dass immer mehr Menschen die Lügen und Propaganda der Regierung hinterfragen, sondern die Erosion der Macht staatstragender Medien, die das Volk 70 Jahre im Sinne der Regierung manipulieren konnten.

gfdv_wortdesjahres

Postfaktisch sind laut „Gesellschaft für deutsche Verblödung“ offenbar nicht die Lügen des Jugoslawien– oder Irak-Krieges, das Geschwätz von „afghanischen Mädchenschulen“, „sozialer Marktwirtschaft“, „sicherer Rente“ oder „westlichen Werten“ – die durch den Export von Waffen an Saudi-Arabien „gesichert“ werden.

Auch die von Politik und Medien verbreiteten Lügen, die Griechenland in den EURO verhalfen, waren laut GdfS nicht postfaktisch. Die Kampagne gegen „faule Griechen“ oder Christian Wulff? Nicht postfaktisch! Genauso wenig, wie vollkommen faktenfreie Lügen über eine russische Invasion in der Ukraine oder Behauptungen über russische Hacker, die deutsche Netze oder den Wahlkampf im kommenden Jahr bedrohen – alles ohne jeden Beweis und in hohem Maße emotionalisierend und geradezu volksverhetztend aber nicht postfaktisch im Sinne der Regierung!

Auch die kriegstreiberischen Emotionalisierungskampagnen gegen Libyen oder Syrien waren oder sind laut GfdS nicht postfaktisch, sondern nur der Brexit, der doch in Wahrheit eine durch die Migrationswelle forcierte Spätfolge dieser Lügen ist und nicht eine Folge einer verlogenen Kampagne der Brexit-Befürworter, wie die regierungsnahe GdfS nun „postfaktisch“ behauptet.

FAZIT: Was die GdfS unter „Fakten“ versteht, ist das, was die Regierung als Fakten verbreitet oder verbreitet sehen möchte. Die Wahrheit ist aber: Postfaktische Politik der EU in Bezug auf den EURO ist Grundlage der Finanzkrise. Postfaktische Kriege gegen Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien sind Hauptursachen der Migrationswelle. Postfaktische Politik gegen Russland ist Ausgangspunkt eines neuen Kalten Krieges. Der tiefgreifende Wandel, den wir heute sehen, ist eine Folge von zunehmender Unzufriedenheit mit katastrophaler, auf Lügen basierender, kontrafaktischer Politik.