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Dämonisieren und Ablenken: Wie man Syrien für die Massen schönredet

von Jason Hirthler                                            Übersetzung FritztheCat

Der gewitzte Pragmatist Machiavelli schrieb einst: „Betrachtet man das Handeln der Menschen, dann sieht man, dass jene die großen Reichtum und Macht errungen haben, dies mit Gewalt oder Betrug erreichten. Und haben sie das erst erreicht, dann verbergen sie die Verdorbenheit ihrer Taten unter einem ehrenwerten Titel.“

Man könnte sich für die Beziehung zwischen dem imperialistischen Konzernstaat und seinen bittstellerischen Medien keine bessere Beschreibung einfallen lassen. Sind die Schatzkammern verwundbarer Länder durch amerikanische Aggressionskriege erst einmal geplündert, dann sind es die Medien, die diese Staatsverbrechen unter einen Teppich der Frömmigkeit kehren. Die Wahrheit tritt vielleicht irgendwann zu Tage, aber erst nachdem Fakten geschaffen wurden. Dank der Koordinierung zwischen der Privatwirtschaft, dem Staat und den Medien ist das lehrmäßige (dogmatische) amerikanische System im Grunde eine in sich geschlossene Erzählweise. Die reibungslose innere Logik wird gleich dazu geliefert. Die Konzerne setzen die Prioritäten, der Staat liefert die Geschichte die die Verfolgung der Ziele begründet und die Medien konkretisieren die Geschichte bis sie zum Evangelium wird. Das ist keine Überraschung, denn die Konzerne haben die Politiker und die Presse in der Tasche. Ein Weg, um das Funktionieren dieser Art von systemischer Propaganda zu untersuchen, ist die Betrachtung einiger Schlüsselwörter, an denen diese Geschichten hängen.

Die verdorbenen Taten, die Machiavelli erwähnte, passieren jetzt vor allem im Nahen Osten, wo es riesige Rohstoffvorkommen gibt und wo man die Macht tief nach Eurasien vorantreiben möchte. Der syrische Stellvertreterkrieg zwischen den westlichen und östlichen Mächten ist ein gutes Beispiel dafür, wie die von Washington begonnene Heuchelei durch die Massenmedien verbreitet wird. Zum Beispiel will uns die New York Times (und die unzähligen anderen Umschlagplätze der Staatspropaganda) weismachen, dass das Weiße Haus die freiheitsliebenden Rebellen in Syrien unterstützt, die politisch gemäßigt seinen und gegen ein despotisches Regime um ihr Leben kämpfen, das von einem bösartigen Augenarzt angeführt wird, Bashar al-Assad.

Aber wir wissen, dass das ganze Syrien-Fiasko von der CIA angeleiert wurde, mit Geld, Waffen und Training, und einer unaufhörlichen Unterstützung des Golf Cooperation Council (GCC), in unserem Auftrag. Seit langem ist es der Plan der Neokonservativen, den sogenannten schiitischen Halbmond zu knacken, der sich vom Libanon über Syrien in den Iran erstreckt. Und das sind genau jene unabhängigen Staaten die sich bisher weigern, die israelische Kolonisierung Palästinas anzuerkennen oder den vom Westen unterstützten Energieprojekten auf ihrem Land zuzustimmen. Deshalb gibt es das Bedürfnis, sie in winzige und schwache Kleinstaaten zu zerlegen, die für Tel Aviv oder Washington keine Herausforderung mehr darstellen.

Aber das wird hinter dem Nebel des Krieges und einem Schleier aus inländischer Medien- Berichterstattung verborgen. Man könnte sagen, der gesamte Konflikt hängt an einer einzigen Phrase: „gemäßigte Rebellen“. Die Wörter „gemäßigt“ und „Rebell“ sind entscheidend beim Erzählen dieses Fabel. Die Wahrheit ist, dass wir die Unzufriedenheit im Arabischen Frühling gekapert und sie mit ganzen Bataillonen terroristischer Söldner aus dem Nahen Osten und Asien verseucht haben, alles mit nur einem Auftrag: Die Assad-Regierung zu Fall zu bringen. Zehntausende von Dschihadisten wurden durch die NATO in einen multikonfessionellen Staat eingeschleust, der von einem gewählten Führer regiert wird, der mehr Stimmen erhalten hat als unser liberaler Messias Barack Obama.

Aber diese wahrheitsgemäßere Schilderung der Ereignisse ist inakzeptabel. Zuzugeben dass das Weiße Haus jetzt Al Qaeda-Terroristen unterstützt, um eine Demokratie im Nahen Osten zu kapern, das würde die Religion des amerikanischen Exzeptionalismus, von dem unsere Machtelite abhängt, zu Fall bringen. Daher können die Medien nicht darauf hinweisen, dass das Pentagon vor kurzem zugegeben hat, dass es Truppen in Syrien hat. Denn das verletzt die Nürnberger Prinzipien zu Aggressionskriegen und auch die Charta der Vereinten Nationen. Das Weglassen dieser Fakten verhindert zweierlei: Erstens weiß der Durchschnittsamerikaner dann nicht, was wir wirklich tun und zweitens leistet er keinen Widerstand.

Dämonisieren und Ablenken

sinsemp-1Aber es reicht nicht, einfach unsere eigenen Verbrechen im heiligen Gewand des Exzeptionalismus zu verhüllen. Wir müssen auch unsere Gegner verleumden. Wir müssen auf ihrem Boden False Flags inszenieren, damit wir dort später Bomben fallen lassen können. Es ist überall das gleiche Spiel. Über unsere am meisten geschmähten Feinde werden „schockierende“ Enthüllungen gemacht, für gewöhnlich durch einen Überläufer mit einem irren Tarnnamen (man denke an „Curveball“). Die Massenmedien berichten dann sofort mit einer koordinierten Verurteilung des betreffenden Landes. Jedes Medium wählt dann ein bestimmtes Schlüsselwort, um dem Horror Geltung zu verschaffen. Bekannte Ausdrücke sind „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, „Kriegsverbrechen“, Worten wie „in industriellem Ausmaß“ vor einem Hauptwort oder einem Verb, das Wort „Massen“ vor einem Hauptwort oder Verb, „brutale Niederschlagung“, „Regime“ und so weiter. Die Titelseiten der Massenmedien werden mit grausigen Fotos zugepflastert. Oft sind diese Bilder Fälschungen oder von einem ganz anderen Ereignis.

Ist der Leser erst einmal betäubt, dann kommt ein Kolumnist oder Politiker mit einem tiefen Seufzer und „zieht Vergleiche“ zu entweder Hitler und Auschwitz oder zu Milosevic und Massengräbern. (Vor kurzem wurde Milosevic von Internationalen Strafgerichtshof über Jugoslawien von allen Völkermordvorwürfen freigesprochen, wenn auch Jahre nachdem er im Gefängnis starb, nachdem ihm von seinen zivilisierten Häschern medizinische Behandlung verwehrt wurde. Dieser Vorgang von posthumem Freispruch geschieht jetzt in „industriellem Ausmaß“, wenn Obamas Drohnenmorde zahlreiche Unschuldige „terminieren“ und sich später herausstellt dass sie unschuldig waren.)

Nicht nur der angeblich edle syrische Aufstand ist ein Betrug, sondern ebenso unser gleichwertiges Ziel der Auslöschung von ISIS vom Angesicht der Erde, wenn die Fakten vor Ort irgendeine Bedeutung haben. Washington war auf eine seltsam halbherzige Weise hinter ISIS her. Warum hat man der Syrische-Arabischen Armee (SAA) keine Luftunterstützung gegeben als ihre Hubschrauber durch die TOW-Raketen der Terroristen nutzlos wurden? Raketen, die von den USA an Saudi Arabien verkauft wurden, womöglich für den einzigen Zweck, sie an al Nusrah und andere wild gewordenen Banditen in Syrien weiterzuleiten. Warum haben die USA nicht sofort die von ISIS kontrollierten Ölquellen angegriffen – die Haupteinnahmequelle von ISIS – so wie das Russland nach seinem Eintritt in den Konflikt getan hat? Warum hat die Obama-Regierung mit den Saudis einen rekordverdächtigen Waffendeal abgeschlossen, den führenden Missionaren für einen weltweiten Wahhabismus? Warum weigern wir uns, mit Moskau, der SAA oder dem Iran zusammenzuarbeiten? Warum teilen wir nicht die Netze und Dienste und treten ihrer gemeinsamen Operationszentrale in Bagdad bei?

Ist das nicht offensichtlich? Wir haben andere Ziele. Wir wollen Assad weg haben und wir wollen eine bescheuerte, willfährige Puppe am Ruder, die über ein riesiges Arsenal von Polizei verfügt, die jedweden Widerstand im Keim erstickt. Natürlich wäre solch ein Widerständler ein legitimer Freiheitskämpfer, so wie die Palästinenser. Aber die Medien kümmern sich darum, dass die Palästinenser „Terroristen“ genannt werden und jeder Bürger, der der Besatzung im Irak Widerstand leistet, ist ein „Aufständischer“. Die Wörter haben Gewicht. Sie verdunkeln die Geschichte und ziehen neutrale Leser auf die Seite des Imperiums. Sie beschuldigen die Opfer der Gewalt nachdem man sie zu Opfern gemacht hat.

Die Heuchelei wird noch deutlicher wenn man erkennt, dass ISIS aus einem amerikanischen Internierungslagern im Irak entstanden ist (Anm.d.Ü.: Camp Bucca). Man könnte meinen, dass CentCom mehr als glücklich war, diese radikalisierten Islamisten loszulassen. Wozu? Der gescheiterte Staat in Libyen und der zusammenbrechende Staat in Syrien bieten reichlich Raum für Spekulation.

Der Preis der Propaganda

Dank der jahrelangen Konditionierung durch die Medien wird die Bevölkerung wenig Widerstand gegen die bevorstehende Eskalation leisten. Womöglich wenn das syrische „Regime“ durch die unerbittliche, von Amerika unterstützte Gewalt gestürzt wird. Hillary Clinton wird die Wahl gewinnen und ins Oval Office einziehen. Wie Glen Ford im „Black Agenda Report“ schrieb, dass Clinton „…auf einem Schlachtross ins Weiße Haus reiten wird.“ Sie ist der vorausdenkende Neokon, nicht wie Präsident Bush, der die anti-intellektuelle Seite des amerikanischen Charakters vertrat, und Barack Obama, dessen Zaudern beim Einsatz von Truppen im arabischen Präriefeuer voraussehbar als ein Zeichen der Schwäche verurteilt wurde.

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Hillary ist weder dumm noch sanft. Sie wird ganz bestimmt einen Vorwand finden, mit dem sie eine Flugverbotszone in Syrien durchsetzen kann, die die Wirksamkeit des russischen Feldzugs gegen die verschiedenen Terroristen-Banden behindern würde. (eine Kongress-Resolution dazu ist bereits auf dem Weg). Sie wird noch mehr Truppen in die Schluchten von Nordsyrien schicken und dabei alle möglichen Chartas, Konventionen und Deklarationen verletzen. Und das mit einer eiskalten Mischung aus Verachtung und Gleichgültigkeit. (Zu den nutzlosen Papierfetzen auf denen sie herumtrampeln wird gehören die UN-Charta, die Genfer Konvention und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.) Was vielleicht noch wichtiger ist: Sie wird grünes Licht geben für den Transport von noch mehr Waffen, Munition und Psychopathen nach Syrien, um auf Damaskus zu marschieren. In der Hoffnung das libysche Schlamassel zu wiederholen.

Sollte dieser Plan klappen, dann wird Hillary möglicherweise „entdecken“, dass der Iran das verlogene Nuklearabkommen mit den P5+1 verletzt hat. Anonyme Regierungsquellen werden sich über diese Entwicklung „besorgt“ zeigen. Das ist keine leichtfertige Spekulation. Da es keinen besseren Titel gibt, nennen wir diese Langzeitstrategie nach George H.W. Bush „New World Order“ (Neue Weltordnung). Sie ist darauf angelegt, den schiitischen Halbmond zu spalten, den Iran als regionalen Widersacher auszuschalten und dann weiter nach Eurasien zu ziehen um die russisch-chinesische Entwicklung zu kontrollieren. Und wir wissen, wie eine Konfrontation mit dem Iran aussehen wird. Mit tollwütiger Spucke in seinem Bart wird Wolf Blitzer zahllose Brigadegeneräle in seinen „Situation Room“ (Anm.d.Ü.: eine seiner Sendungen auf CNN) einladen und den Amerikanern versichern, dass die bärtigen Mullahs in Qom wirklich ein gefährlicher Haufen sind. Hillary wird mit taktischen Nuklearwaffen (B-61S) drohen und vielleicht gegen iranische Nukleareinrichtungen einsetzen, entweder mit Unterstützung eines UN Sicherheitsrats-Beschlusses mit zweifelhaftem Auftrag oder mit einer Koalition aus Rowdies, Gekauften und Willigen. Während der Atompilz die Region in radioaktiven Staub hüllt, wird Israel feinfühlig noch mehr Westjordanland kolonisieren und Benjamin Netanyahu wird sich in freudiger Erwartung die Hände reiben, mit einer Kopie des Yinon-Plans in seiner Sakkotasche. Saudi Arabiens Kronprinzen werden den Sturz ihres gehassten Rivalen feiern. Kurz angebundene Beobachter in Washington und Europa werden mit den Schultern zucken und nichts sagen. CIA-Schergen in D.C. werden peinlichst darauf hinweisen dass Hillarys Bomben nicht mit Hiroshima zu vergleichen seien und Tel Aviv wird einen finalen Angriff gegen Hisbollah starten, denn der schiitische Halbmond wird bis dahin nichts weiter sein als ein paar Trümmer der Mesopotamischen Kultur in einer brennenden Müllgrube.

Wenn der Nahe Osten erst einmal „gefügig gemacht“ ist, so wie Hillary das einst für junge Schwarze vorschlug, dann wird der Boden bereitet sein für das nervenaufreibende Endspiel mit Russland selbst, dem größten Dorn im Auge Washingtons. Mit Assad aus dem Spiel und einem gezüchtigten Iran können die Kremlinologen und Verschwörungstheoretiker losgelassen werden und das Publikum in einen Zustand höchster Angst versetzen über den „expansionistischen“ Staat im Osten. Die NATO wird näher an Russland heranrücken und schreien, dass Russland immer näher an die NATO heranrückt. Die Destabilisierung wird schnell voranschreiten. Man wird es „Förderung der Demokratie“ nennen und bezahlt wird es von Läden die sich „Stiftung“ (endowment) nennen. Sanktionen werden die wirtschaftlichen Schrauben anziehen. Wortsalven werden übers Wasser hin und her geschickt werden. Neue Stellvertreterkriege werden beginnen. Nur eine gigantische Friedensbewegung oder ein Asteroid werden verhindern, dass so etwas passiert. Vielleicht können die BRICS die Ausbreitung des Imperiums mit einer gemeinsamen Haltung aufhalten, aber Washington ist sehr gewandt – wenn nicht ein Meister – in der Durchführung seiner Kernstrategie: Destabilisieren, teilen und seine Rivalen beherrschen. Bis dahin sollte man sich dieses Foto von Barack Obama mit Wladimir Putin beim G20-Gipfel in China von letzter Woche anschauen – wenn man sehen will, was Verachtung ist. Die Tendenz für die Zukunft steht ihnen ins Gesicht geschrieben.