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Tichys_Einblick522Laut Rafael Seligmann hat der Westen ein Problem und das sind seine friedensbewegten Bürger. Von Roland Tichy herzlich begrüßt, schreibt Seligmann in dessen Blog:

Rafael SeligmannDie Kehrseite des langen Friedens sollte dennoch nicht unerwähnt bleiben: der Pazifismus breiter Gesellschaftskreise im Westen.

Am Ende einer goebbelschen Realitätsverdrehung und Hetze gegen Muslime bzw. islamisch geprägte Staaten kommt Seligmann, Sohn deutsch-jüdischer Eltern, die vor den Nazis geflohen waren, zu dem Schluss, „die demokratische Welt könne das Ringen mit den Islamisten nur durch die Entschlossenheit entscheiden, seine Werte zu verteidigen, Notfalls mit Gewalt.“

Notfalls mit Gewalt?

Seligmanns kriegshetzerisches Elaborat ist in mehrfacher Hinsicht erschreckend, entlarvend und aufschlussreich. Aufschlussreich leider nur deshalb, weil der Autor sich propagandistischer Methoden bedient, die Geschichte auf den Kopf stellt, Täter zu Opfern macht und Opfer zu Tätern, um am Ende damit noch mehr Gewalt und Krieg durch jene zu rechtfertigen, die den militanten Islamismus überhaupt erst mit ihrer gewalttätigen Geopolitik zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Eine der gängigsten Methoden der Propaganda ist die Verkürzung der Geschichte und kausaler Zusammenhänge auf ein Narrativ, das die eigene Seite als Opfer darstellt und den Gegner als ursprünglichen – und von bösartigen Motiven geleiteten – Aggressor. In der transatlantischen Propaganda ist der gewaltsame Putsch in Kiew gegen eine demokratisch gewählte Regierung deshalb längst aus den Medien verschwunden. Es gibt ihn dort nicht mehr. Der Konflikt mit Russland begann in der aus Washington gesteuerten Propaganda nicht mit dem aus Washington gesteuerten Umsturz in der Ukraine, sondern mit der „Annexion“ der Krim. Quasi über Nacht und ohne jeden Grund hat sich Russland gegen den Willen der Bevölkerung die Ukraine einverleibt – so die westliche Lügenmär, die den Putsch in Kiew vergessen machen will.

Im Fall des „islamistischen“ Terrors, der seit einigen Jahren auch in den westlichen „Demokratien“ Einzug hält, bedient sich die westliche Propaganda exakt der gleichen Methode der Geschichtsklitterung, die man hier so beispielhaft plump an Seligmanns Pamphlet festmachen kann:

Kommen wir von der Theorie zur Realität. Am 11. September 2001 attackierten Selbstmordkrieger der islamistischen Terrororganisation Al Kaida das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington. Sie brachten tausende Zivilisten um. Die Terroranschläge wurden in der gesamten islamischen Welt bejubelt – und als Kriegserklärung an das dekadente christliche Abendland gewürdigt. Präsident George W. Bush und die US-Administration nahmen die kriegerische Herausforderung an. Sie starteten gemeinsam mit ihren Verbündeten einen Feldzug gegen das Taliban-Regime in Afghanistan, das die Al Kaida nach Kräften unterstützt hatte.

Seligmanns „Geschichte“ beginnt am 11.September 2001. Al-Kaida hat sich aus dem Nichts materialisiert und ist vollkommen grundlos über die „friedliebenden“ USA hergefallen. Es gibt in Seligmanns Propaganda keine Vorgeschichte. Das ist Pipi-Langstrumpf für intellektuell begrenzte Erwachsene mit Kindergemüt. Schlimmer noch: Die „gesamte islamische Welt jubelte“, lügt Seligmann und suggeriert, sie tat das, weil die gesamte islamische Welt aus bösen Menschen besteht, die sich am Leid Unschuldiger erfreuen. Das ist nicht mehr nur Verblödung, es ist offene rassistische Volksverhetzung und es ist – wie gesagt – freche Lüge!

Reactions to the September 11 attacks included condemnation from world leaders, other political and religious representatives and the international media, as well as numerous memorials and services all over the world. The attacks were widely condemned by the governments of the world, including those traditionally considered hostile to the United States, such as Cuba, Iran, Libya, and North Korea. However, in a few cases celebrations of the attacks were also reported, and some groups and individuals accused the United States in effect of bringing the attacks on itself. (wikipedia; eigene Hervorhebungen)

Die Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September beinhalteten Verurteilungen von Weltführern, anderen politischen und religiösen Vertretern und den internationalen Medien, sowie zahlreiche Denkmäler in aller Welt. Die Angriffe wurden weithin von den Regierungen der Welt verurteilt, einschließlich derjenigen, die traditionell als feindlich gegenüber den Vereinigten Staaten angesehen werden, wie Kuba, Iran, Libyen und Nordkorea. Allerdings wurden die Anschläge in wenigen Fällen auch gefeiert, und einige Gruppen und Einzelpersonen beschuldigten die Vereinigten Staaten, die Angriffe auf sich selbst gezogen zu haben.

Der Krieg der „friedliebenden“ USA gegen den Irak 2003 verkommt in Seligmanns menschenverachtender Propaganda zu einem „Fehler“. Ein läppischer „Fehler“, der ein Land in Blut und Elend stürzte, Millionen Tote, Verkrüppelte, Traumatisierte, Vertriebene und ihrer Lebensgrundlage Beraubte nach sich zog und zur Geburtsstunde des IS wurde. Kausale Zusammenhänge zwischen diesem Krieg und der Ausbreitung des islamistischen Terrors werden von Seligmann aus der Welt gelogen. Stattdessen macht er einen vermeintlichen „Pazifismus“ Obamas – der in Wahrheit Libyen, Syrien und als Drahtzieher im Hintergrund den Jemen ins Chaos bombt oder bomben lässt und bis heute in islamischen Staaten massenhaft Menschen mit Drohnen ermorden lässt -, zur Ursache der weiteren Ausbreitung der „Islamisten“.

Doch die friedliche Absicht Obamas und seiner demokratischen Verbündeten führte keineswegs zu einer Pazifizierung, wie ihre Protagonisten versprochen hatten. Im Gegenteil. Die Islamisten sind weltweit auf dem Vormarsch. Der Islamische Staat bedroht die friedlichen arabischen Regime trotz einzelner militärischer Rückschläge allenthalben. Von Libyen bis Jemen, von Nigeria bis Pakistan sind radikale Islamisten in der Offensive. Die Staaten Westeuropas, selbst das pazifistische Deutschland, werden zunehmend von Terroranschlägen heimgesucht.

Nochmal: Seligmann macht nicht Obamas Krieg gegen Libyen, Syrien oder den Jemen für staatlichen Kollaps und Ausbreitung islamistischen Terrors verantwortlich, sondern Obamas „Pazifismus“. Die USA stecken seit Jahrzehnten den Nahen Osten mit Waffenlieferungen an Extremisten, Regierungsumstürzen und einem Krieg nach dem anderen in Brand und Seligmann verhöhnt die Leser, indem er rotzfrech behauptet, westlicher „Pazifismus“ sei das Problem.

Das ist schon ausgesprochen irre, aber noch lange nicht alles. Seligmann schafft es, das „Existenzrecht“ von Staaten der Region – gemeint ist natürlich ausschließlich das „Existenzrecht“ Israels – einzufordern, um im gleichen Atemzug, die Zerschlagung Syriens mit der Lüge zu rechtfertigen, bei dessen Präsident handele es sich um einen „menschenverachtenden Diktator“. Was für ein Hohn, was für eine irre Verdrehung der Realität! Wundert es da noch, dass Seligmann die „Verbündeten des Westens“ Saudi-Arabien, Jordanien, Ägypten und Israel preist?

Als diplomatische Meisterleistung wird das Kernwaffenabkommen der ständigen UN-Sicherheitsratsmitglieder plus Deutschland mit Iran gefeiert. Teheran versprach im Gegenzug für die Aufhebung von Sanktionen die Produktion von hochangereichertem Uran einzustellen, das für die Herstellung von Nuklearwaffen gebraucht wird. In dem Vertrag wird jedoch mit keinem Wort das Existenzrecht der Staaten in der Region erwähnt. Ergebnis ist, dass das fundamentalistische Mullah-Regime fortfährt, islamistische Terrororganisationen wie die schiitische Hizbollah in Libanon, die Huthi-Rebellen in Jemen und die menschenverachtende Diktatur von Präsident Assad mit Waffen, Geld und Ausbildern zu unterstützen. Auf diese Weise werden traditionelle Verbündete des Westens wie Saudi Arabien, Jordanien, Ägypten und Israel zunehmend bedroht. Gleichzeitig verstärken sunnitische Fundamentalisten und Terrorgruppen ihre globale Offensive gegen die freiheitlichen Länder des Westens. (ebd; eigene Hervorhebung)

Zur kompletten Verdrehung der Realität, zur Leugnung von Ursache und Wirkung und zur Verhetzung des Islam gehört dann auch noch die Behauptung, jeder, der die Welt anders sieht, würde „den Kopf in den Sand stecken“. All das mit dem unverklausulierten Ziel, mit noch mehr Gewalt gegen Muslime vorzugehen.

Dieses Ringen wird jedoch nicht durch die Nennung des höheren Bruttoinlandsprodukts entschieden, sondern vor allem durch die Entschlossenheit, seine Werte zu verteidigen. Notfalls mit Gewalt.

So denken Terroristen.

Nachtrag:

Der Artikel Seligmanns ist deshalb so schockierend und vordergründig primitiv, weil er auf den ersten Blick dem Intellekt und Bildungsniveau des Autors vollkommen zu widersprechen scheint. Seligmann ist nicht einer dieser bezahlten Dummköpfe, wie sie uns tagtäglich in ARD und ZDF oder den Konzernmedien begegnen. Er ist auch kein reaktionärer Trottel, wie Hugo Müller-Vogg oder andere Springer-Kaliber, für die sich ein Roland Tichy begeistern kann. Seligmann ist einer, der historische Abläufe und deren politische Hintergründe kennt und einzuordnen weiß. Warum also verkauft er sich hier auf den ersten Blick so offenkundig unter Wert?

Die einzige – wirklich atemberaubende – Erklärung, die Seligmann gerecht wird, ist die, dass es sich bei seinem Artikel um eine außerordentlich gerissene (und auch skrupellose) Agitation handelt, die ihresgleichen sucht: Was wir hier in diesem Artikel sehen, ist eine perfide und wohl kalkulierte Camouflage. Seligmann stellt sich dumm, mischt sich unter jene, die er aus strategischen Gründen aufhetzen möchte und flüstert ihnen genau jene Botschaft ins Ohr, die seinen eigenen Interessen, nicht aber seinem Wissensstand entspricht.

Eine Metapher, um deutlich zu machen, was Seligmann hier treibt: Man stelle sich einen Mob vor, der vor einem Asylheim protestiert! Seligmanns Onkel gehört das Grundstück gegenüber, dessen Wert sich halbiert hat, seit das leerstehende Gebäude zur Unterbringung von Migranten genutzt wird. Was macht der gerissene Neffe? Er tarnt sich als tumber Rassist, schleicht sich in den Mob und flüstert den empörten Bürgern ins Ohr: „Lasst euch das nicht gefallen! Wenn nötig, schlagt diese Typen tot! Die haben hier nichts verloren!“ Sobald das Haus in Flammen steht, ist Seligmann längst über alle Berge. Die tumben Idioten wandern in den Knast. Die Migranten sind vertrieben und das Grundstück von Onkel Seligmann hat wieder seinen alten Wert.

Das bedeutet, einer wie Rafael Seligmann verachtet im Grunde Leute wie Tichy und dessen Leser. Weil er aber selbst in erster Linie Zionist ist und ihm die anti-islamische Stimmung nicht nur recht ist, sondern weil es in seinem strategischen Sinne ist, diese anzuheizen, tarnt er sich als politischer und historischer Trottel, mischt sich in diese Zielgruppe und hetzt ganz bewusst und unter Leugnung des eigenen Kenntnisstands jene auf, von denen er weiß, dass sie ihm auf den Leim gehen. Das ist atemberaubend, perfide und durchtrieben, aber es ist die einzige plausible Erklärung für Seligmanns „Dummstellerei“.