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Türkei, es ist zu früh zum Feiern!

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von                                             Übersetzung FritztheCat

Das würden viele gerne sehen, dass sich die Türkei davonmacht, die NATO verlässt und seine psychologischen, politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zum Westen kappt. Recep Tayyip Erdogan und seine Verbündeten sind jetzt im Clinch mit den USA und der EU, und plötzlich keimt die Hoffnung auf, die Türkei würde ihre Stellung in der Welt gründlich überdenken, ihre Beziehungen zu Russland und China stärken, die historische Freundschaft mit dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad erneuern und ihre Beziehungen mit dem Iran verbessern.

Ist so etwas vorstellbar? So plötzlich und so unerwartet? Wenn doch die Türkei BRICS beitreten würde, die NATO verlassen würde und sich aus dieser tödlichen Umarmung des Westens lösen könnte – dann würde sich die gesamte Welt verändern!Viele in meinem Bekanntenkreis sind schon in Jubelstimmung. Aber ich will nicht mitjubeln. Ich warte ab. Ich kenne die Türkei gut. Ich habe über 20 Jahre lang eng mit türkischen Freunden zusammengearbeitet. Fünf meiner Bücher wurden dort übersetzt und veröffentlicht, und in Istanbul bin ich in zahlreichen Fernsehsendungen erschienen.

Ganz ehrlich: Je mehr ich über die Türkei weiß, desto weniger verstehe ich sie!

Es ist eines der kompliziertesten Länder der Erde. Die Türkei ist launenhaft, voller Widersprüche und wechselnder Allianzen. Nichts ist wirklich so, wie es an der Oberfläche scheint. Und selbst unter der Oberfläche vermischen sich die Strömungen, teilen sich wieder und wechseln sogar die Richtung.

Über die Türkei zu schreiben, fair und gründlich, das ist ein Tanz durch ein Minenfeld. Am Ende versaut man es! Egal was man sagt, man wird eine große Anzahl der türkischen Bevölkerung vergraulen. Und das kommt hauptsächlich daher, dass es nicht die eine, objektive Wahrheit gibt. Und die verschiedenen „Lager“ sind sich untereinander nicht grün, von Grund auf und mit Leidenschaft.

Aus diesen Gründen bin ich überrascht, wie viele Auslandsanalysten sich plötzlich trauen, die jüngsten Entwicklungen in der Türkei zu kommentieren (und sogar unterstützen). Und wie überzeugt manche von ihnen klingen!

Viele der Menschen, die die Türkei nicht so gut kennen, feiern jetzt tatsächlich. Für sie ist alles klar: „Der türkische Präsident hat den Kurs geändert und sich bei Russland für den Abschuss des Jets in der Nähe der syrisch/türkischen Grenze entschuldigt. Und dann hat der Westen einen tödlichen Militärputsch inszeniert. Erdogan sagte: ‚Genug ist genug‘, hat die Intrige aufgedeckt und ging nach St. Petersburg, um den russischen Präsidenten Putin und Russland zu umarmen.“

Wenn es nur so einfach wäre. Ich würde gerne mitjubeln!

Stattdessen sitze ich vor meinem Computer und schreibe diesen Aufsatz über die Türkei. Ein Land das ich liebe, aber das ich über all die Jahre nicht verstanden habe.

***

Ich traf Recep Tayyip Erdogan im Istanbuler Büro seiner (damaligen) Partei Refah Partisi, RP, als er noch der Bürgermeister dieser größten türkischen Stadt war. Das war Ende der 90er und zu der Zeit war ich damit beschäftigt, bei der Berichterstattung über den „Jugoslawienkrieg“ nicht getötet zu werden. Ich bewegte mich zwischen Sarajewo, Pale, Belgrad und der Frontlinie. Während die meisten meiner Reporterkollegen per Zug für eine Auszeit nach Wien reisten (es gab keine Flüge und Ausländer durften nicht Autofahren), so bevorzugte ich Istanbul, ich nahm die Bummelzüge durch Bulgarien und Edirne. Ich hatte das Gefühl, ich müsste das Osmanische Reich verstehen, bevor ich wirklich den Balkan verstehen wollte.

Damals schaffte es Herr Erdogan, viele der Mittelschicht und die Gutbetuchten pro-westlichen und säkularen Bewohner Istanbuls zu verschrecken. Er gehörte einer islamistischen Partei an, und das in einer Stadt, die immer schon nach Europa geschielt hat. Aber er hat letztendlich einige durchgreifende Sozialreformen eingeführt und die Infrastruktur dramatisch verbessert, von der Müllentsorgung bis zum Transportwesen. UN-HABITAT war echt begeistert. Ich wollte mit ihm reden, ich wollte hören, was er zu sagen hatte. Und er willigte ein.

Anstelle eines religiösen Fanatikers traf ich einen egoistischen, ehrgeizigen und pragmatischen Politiker – einen Populisten.

„Sprechen Sie Türkisch?“, fragte er mich anstelle einer Begrüßung.

„Nicht gut“, antwortete ich. „Nur ein paar Worte.“

„Sehen Sie!“ rief er triumphierend. „Ihr Türkisch ist schlecht, aber den Namen meiner Partei, Refah Partisi, sprechen Sie perfekt aus, ohne Akzent! Ist das kein Beweis dafür, wie wichtig, wie unverzichtbar wir sind?“

Ich war mir nicht sicher…Ich versuchte ihn zu verstehen, seiner Logik zu folgen. Ich muss gestehen, dass ich mich in einem Schützengraben in Jugoslawien behaglicher fühlte als hier in Istanbul, angesichts dieses überwältigenden Mannes, der sich ganz offensichtlich auf einem Egotrip befand.

Aber er hat „geliefert“. Und das türkische Volk, viele von ihnen, hat ihn wiedergewählt und 2003 wurde er zum Ministerpräsidenten und 2014 zum türkischen Präsidenten.

***

Und seit 2003 wurde Erdogan vom Westen nicht zurückgewiesen – Islamist oder nicht. Er war der de facto – Anführer eines Landes, das ein starkes und unmissverständliches Mitglied der mächtigsten westlichen Allianz war – der NATO. Und er machte keine Anstalten, die Verbindungen zu kappen.

Gelegentlich hatte die Türkei ihre kleinen Scharmützel mit dem Westen, den Partnern und „Kunden“. Aber nichts, was wirklich die Allianz gefährdet hätte. Nach der tödlichen Razzia 2010 auf ein türkisches Schiff auf dem Weg nach Gaza (Anm.d.Ü.: Mavi Marmara) legte sich Erdogan mit Israel an, aber hauptsächlich verbal. Die militärischen Verbindungen waren nicht betroffen: Beispielsweise hat die Türkei das Training israelischer Kampfpiloten an seinem Militärflughafen außerhalb von Konya nicht beendet.

Zu viele Widersprüche? Absolut!

***

In der Türkei ist es momentan extrem schwer herauszufinden „wer wer ist“. Die Allianzen wechseln und die Positionen von Einzelpersonen und Organisationen verändern sich andauernd.

Die Außenministerin Hillary Clinton hat angeblich während eines Besuches in der Türkei die türkische Regierung gebeten, die wichtige sozialistische und nationalistische Zeitung Aydilink Gazeti abzuschalten. Aydilink hat mich mehrmals um ein Interview gebeten. Ich habe den Chefredakteur und andere Mitarbeiter interviewt. Ich arbeitete eng mit der verwandten Fernsehstation Ulusal Kanal zusammen. Dort ist einer der erfolgreichsten türkischen Dokumentarfilmer (und mein Freund) Serkan Koc beheimatet.

Serkan und seine Kameraden waren mir bei den Dreharbeiten meiner Dokumentation für den südamerikanischen Sender TeleSur sehr behilflich: Es ging um die Unruhen 2013 in Istanbuls Gezi Park und um ISIS, die in den „Flüchtlings“-Lagern und im Grenzgebiet zu Syrien in der Nähe der Stadt Hatay ausgebildet und unterstützt wurden.

Man erklärte mir, wie die Terroristen im Flüchtlingslager Apaydin und auch auf dem berüchtigten NATO-Stützpunkt gleich in der Nähe der Stadt Adana trainiert wurden – Incirlik Airbase. Dreimal hatte ich die Gelegenheit, die beiden Einrichtungen zu filmen und zu fotografieren, oft unter Lebensgefahr.

Aber fragen Sie mal die Hardcore-Linken in der Türkei, besonders die Kommunisten, über Aydilink und Ulusal Kanal. Die Antworten, die man bekommt, sind alles andere als einstimmig!

Und befragen Sie mal die Leute bei Aydilink zum Schicksal des kurdischen Volkes und zur PKK. Da bekommt man einige herabsetzende, zumindest aber extrem kritische Kommentare.

Selbstverständlich sind die meisten Kemalisten und nahezu alle Nationalisten gegen den kurdischen Kampf für Unabhängigkeit oder auch nur für eine Art von Autonomie. Sie glauben, dass es einen starken und säkularen türkischen Staat geben soll. Punkt. Und dass die PKK nur eine Bande von Terroristen sei.

Andererseits kümmern sich viele türkische Kommunisten um die Sache der Kurden und betrachten die Nationalisten und ihre Medien kritisch.

Aber wo steht die PKK wirklich, politisch gesehen? Nun, das kommt darauf an, wen man fragt! Einige sagen, sie sei die kurdische nationalistische Bewegung, und sie stehe ohne Zweifel „links“. Andere streiten das vehement ab und bezeichnen sie als eine „Fünfte Kolonne“, ja als ein CIA-Gewächs.

Aber die „kurdische Frage“ ist nicht die einzige, bei der sich die Türkei nicht einig ist. Fragt man etwa über den Völkermord in Armenien, so wird man schnell erkennen, dass man sich gerade mitten in ein Minenfeld begeben hat. Sogar die meisten türkischen Linken werden den Begriff „Genozid“ entschieden ablehnen. Man kann es sich in einer einzigen Nacht mit seinen meisten Freunden verscherzen, wenn man die kurdische oder die armenische Frage auch nur erwähnt.

Verwirrend? Warten Sie ab, es wird noch schlimmer. Wäre man vor 2014 zum Silviri-Gefängnis gefahren, etwa 80km von Istanbul, auf der europäischen Seite, dann wüsste man, was verwirrend bedeutet! Dieses Hochsicherheitsgefängnis beheimatete einige Hundert hochrangige türkische Generäle und Offiziere und auch Intellektuelle und Aktivisten. Sie alle saßen wegen der sogenannten Operation Sledgehammer ein (auf türkisch: Balyoz Harekati), ein angeblich gescheiterter säkularer Militärputsch aus dem Jahr 2003.

Aber wer waren diese Generäle, und was steckte wirklich hinter ihrer Festnahme? Ich traf mich mit einigen ihrer Familienmitglieder und filmte ihre Aussagen. Einige von ihnen lehnten Herrn Erdogan und seine AKP stark ab. Einige glaubten an einen türkischen „Eurasianismus“ und andere (wenngleich nicht viele und nicht nicht immer offen) waren gegen eine Mitgliedschaft der Türkei in der NATO.

Was immer es war: die Regierung fand diese Generäle und ihre Verbündeten „unbequem“, ja gefährlich. Die Beschuldigungen gegen sie waren vermutlich erfunden und das Ganze wurde in der Türkei und im Ausland schwer kritisiert. Aber die Regierung hatte einen starken Unterstützer, die Cemaat-Bewegung, eine islamistische Bewegung, die von dem im Exil lebenden Geistlichen und (damals) Verbündeten der AKP geleitet wurde, Fethullah Gülen!

Es war keine Überraschung, dass nach der Trennung von AKP und Gülen 2014 die Beschuldigten aus dem Gefängnis entlassen wurden und am 31. März 2015 wurden alle Verdächtigen freigesprochen.

Und jetzt beschuldigt Präsident Erdogan Fethullah Gülen, er stecke hinter dem jüngsten blutigen und gescheiterten Coup. Und er verlangt seine Auslieferung aus den Vereinigten Staaten in die Türkei! Wie schnell und grundlegend sich die Dinge in der Türkei doch ändern!

Was das alles noch komplizierter macht: Meine linken türkischen Kollegen – investigative Journalisten – haben mich bereits 2012 gebeten, die Aktivitäten der Cemaat-Bewegung allgemein zu untersuchen und Fethullah Gülen im besonderen. In Afrika (wo ich damals stationiert war), hauptsächlich in Zusammenhang mit der Errichtung von Schulen und der Verbreitung von allen möglichen gefährlichen Formen extremistischer religiöser Erziehung. Damals wurde Fethullah Gülen in der Türkei noch als ein enger Verbündeter der USA und der AKP angesehen!

Manchmal schlug der „Neo-Ottomanismus“ der AKP über die Stränge, was den Westen anbetrifft. Aber im Allgemeinen blieb die Türkei auf Linie, unterstützte den Westen und dessen imperialistische Politik in der Region. Und bis vor nicht allzu langer Zeit war der Hauptverbündete der AKP (und dessen jetziger Erzfeind), Fethullah Gülen, Teil der „guten Sache“.

Mein Freund Yigit Günay, ein Autor, Historiker und Journalist, der in Kuba ausgebildet wurde, erklärte mir einige Monate vor dem jüngsten Coup:

„Diese Politik nennt sich Neo-Ottomanismus. Die Idee dahinter war, dass die AKP-Regierung, oder halt die Türkei, als Subunternehmen des westlichen Imperialismus in der Region arbeitet. Und als Subunternehmer würden sie ihre eigene Einflusssphäre erweitern, in jenen Regionen, die du gerade genannt hast. Damals gab es auch die in den USA stationierte Gülen-Bewegung. Jetzt sind die Regierung und sie verfeindet, aber damals waren sie Alliierte. Die Gülen-Bewegung war besonders in Afrika aktiv, denn ihr berühmtes Hauptgeschäft war die Errichtung von Schulen und Universitäten. Und sie haben jede Menge Geld. Ich las einen Bericht, wonach die Bewegung 2013 alleine in den USA 130 „staatlich anerkannte“ Schulen besaß…Und wenn die Schulen staatlich anerkannt sind, dann bekommen sie auch vom US-Steuerzahler Millionen von Dollars. Und sie sind sehr gut organisiert. Sie haben riesige Firmen. Sie sind reich. Und sie benutzen diesen Reichtum, um ihren Einfluss zu mehren.

Als der Arabische Frühling begann, da waren der gegenwärtige Präsident Recep Tayyip Erdogan und die AKP eigentlich sehr skeptisch. Sie haben nicht verstanden was vor sich geht. Bis es die Amerikaner es ihnen sagten…

‚Keine Sorge – wir veranstalten das Ganze…‘

Als die NATO-Jets damit begannen, Libyen zu bombardieren, da hielt Erdogan eine Rede und sagte im Grunde: ‚Was zum Henker macht die NATO da? Libyen bombardieren?‘ Und zwei Tage später war die Türkei Teil der Mission. Die Amerikaner sagten zu ihm: ‚Bist du blöd? Merkst du nicht was passiert?‘ Und dann hat er rasch seine Meinung geändert.

Aber der Hauptgedanke hinter all dem war: Der Arabische Frühling war im Grunde pro-AKP. Es war das was man ‚Regime-Wechsel‘ nennt, quer durch die ganze Region. Die neuen Regime waren hauptsächlich islamistisch und damit hatte die AKP die Möglichkeit, in ihnen Einfluss zu gewinnen.“

Alles was ich oben geschrieben habe soll nur illustrieren, wie komplex das politische türkische Labyrinth ist.

Es gibt da fast keine Konstanten; Wanderdünen kommen einem dabei in den Sinn als passendste Metapher.

***

Also – wohin steuert die Türkei tatsächlich?

Besteht die Möglichkeit, dass sie sich am Ende nach Osten wendet?

Natürlich gibt es große Hoffnungen! Natürlich können einige dieser Hoffnungen, wenigstens teilweise, berechtigt sein. Aber ich bin vorsichtig, es ist mir zu früh zum Feiern.

Der Westen weiß ganz genau, dass ein „Verlust der Türkei“ ein gewaltiger Rückschlag seiner geopolitischen Interessen wäre. Soll heißen: seiner totalitären imperialistischen Pläne. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass man dieses große Land mit einer der wichtigsten geostrategischen Lagen auf der Welt einfach friedlich ziehen lassen wird.

Wenn der türkische Präsident nicht dem Westen gehorcht, wenn er tatsächlich sein Land aus der NATO zurückzieht, wenn er die Luftwaffenbasis Incirlik (mit ihren etwa 50 Atomsprengköpfen) schließt, und wenn er gar die türkischen Militäreinrichtungen mit den Russen teilt, dann wird der Westen mit Sicherheit Gewalt anwenden, womöglich brutale Gewalt. Dann würde Folgendes auf der Liste stehen: Mordversuch, noch ein Militärputsch oder ein von außen angezettelter Aufstand? Wir wissen es nicht, aber wir können raten: es würde ein widerliches Blutvergießen geben.

Und auf welcher Seite würden die türkischen Intellektuellen stehen? All die bekannten Journalisten, Künstler und Akademiker? Die sind oft sehr mutig (Chomsky und ich nennen sie in unserem letzten Buch „einige der mutigsten der Welt“), aber wo ist ihre echte politische Loyalität? Manche von denen sind reine Sozialisten, sogar Marxisten, aber bestimmt nicht alle. Viele von denen blicken eigentlich stramm nach Westen: Paris, London, New York und Berlin.

Einer meiner türkischen Herausgeber und mein Freund, der verstorbene und international anerkannte türkische Physikalchemiker und Molekularbiologe Oktay Sinanoglu (oft als „türkischer Einstein“ bezeichnet), war einer der lautesten Kritiker des westlichen Imperialismus. Aber er war auch für viele Jahre Professor an der Yale-Universität, und seine letzten Jahre verbrachte er hauptsächlich in seinem Strandhaus in Florida. Für meinen Geschmack war seine Liebe zur Türkei zu sehr „Wochenendbeziehung“, zu „platonisch“.

Türkische Intellektuelle können sich nicht einmal darauf einigen, welche Schriftsteller sie bewundern sollen. Zwei der berühmtesten zeitgenössischen, türkischen Romanciers, der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und Elif Shafak, werden von vielen als zwei mittelmäßige Literaten angesehen, die sich komplett an den Westen verkauft haben. Die ein Portrait der Türkei liefern würden, wie es von ihren ausländischen Herausgebern und dem Publikum erwartet wird.

Viele junge und gebildete Türken sind in jüngster Zeit nach Südamerika gegangen, um von den neuen revolutionären Trends, Regierungen und Bewegungen zu lernen. Andere reisen nach Asien. Beispielsweise sind Intellektuelle aus Istanbul wesentlich kosmopolitischer als ihre schockierend eurozentrischen und provinziellen Kollegen aus Athen. Aber der europäische Säkularismus und Liberalismus sind für die meisten städtischen Türken immer noch die größten Bezugspunkte und sogar ein Ziel.

Möglicherweise sind sie „gegen die NATO“ und „gegen die US-Außenpolitik“, aber wofür sie tatsächlich sind ist oft ungewiss.

Würden sie die Regierung unterstützen, wenn die sich entschließen würde, die NATO rauszuschmeißen und stattdessen auf Russland und China zuzugehen? Wären sie dafür, dass die Türkei den BRICS beitritt?

Herr Erdogan ist ein gewiefter und pragmatischer Politiker. Er kennt sich aus mit Handel und „Verhandlungsmasse“. Er weiß, was sein Land wert ist – für den Westen und seinen Imperialismus, und für jene die dagegen sind!

Seine Beliebtheit im Inland steigt, sie erreicht fast 70%. Er hat eindeutig die „moralische Unterstützung“, wenn er den Westen entweder für dessen Unterstützung (oder die Initiierung) des jüngsten Coups kritisiert, oder dass zumindest nichts getan wurde, um die „legitime Regierung“ der Türkei in einer großen Krise zu schützen.

Und der Westen nimmt jetzt seine Drohungen ernst, zum ersten Mal!

Wenn man die Erfahrungen der Vergangenheit nimmt, dann könnte Erdogan jetzt damit anfangen, richtig hart mit Washington, Berlin und anderen westlichen Hauptstädten zu verhandeln. Die jüngste „Annäherung an den Osten“ könnte auch nur ein extrem guter Bluff sein.

Das wissen Obama und Putin auch. Daher sind US-Beamte auch nicht wirklich „besorgt“ über die in der Türkei gelagerten Atomwaffen. (Anm.d.Ü.: Oder wollen die USA ihre Atomwaffen jetzt doch nach Rumänien verlagern? Quelle zerohege) Daher war Putin auch sehr höflich während seines Treffen mit Erdogan in St. Petersburg; höflich, aber nicht mehr.

Alle warten auf den nächsten Schritt der Türkei. Und Herr Erdogan lässt sich damit vermutlich Zeit. Die Zeit arbeitet für ihn. Vielleicht spielt er beide Lager – das imperialistische und das anti-imperialistische – gegeneinander aus. Hauptsache es funktioniert!

Russland und China (abgesehen davon, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen) haben eine Menge zu bieten: Die neue Seidenstraße vom Pazifischen Ozean bis nach Istanbul, inklusive Hochgeschwindigkeitszugverbindungen, IT-Leitungen, Pipelines und auch die völlige Neugestaltung des leidenden türkischen Energiesektors. Das sind nur ein paar der „Leckerlis“.

Die Türkei würde vom Westen schon mehr erwarten, viel mehr, damit sie das Angebot aus dem Osten überbieten.

Leider hat all dies anscheinend nichts mit Ideologie zu tun oder auch nur mit „richtig oder falsch“, es geht nur um kalten Pragmatismus und praktische Berechnung.

Aber wie ich schon Eingangs schrieb: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Türkei wirklich verstehe! Und einige meiner türkischen Genossen schreiben mir jetzt und sagen, sie würden „das auch nicht verstehen!“

Alles kann sich dort verändern. Die Menschen verändern sich. Der pragmatische Vater der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, war ein waschechter türkischer Nationalist, aber stark durch den „säkularen Westen“ beeinflusst. Darüber hinaus musste er, um die Nation stark, einig und unabhängig zu halten, die westlichen Mächte bekämpfen und er akzeptierte eine Menge an militärischer und wirtschaftlicher Hilfe aus der Sowjetunion.

Der Präsident der Türkei hält jetzt die Zukunft der Region und der Welt in seinen Händen. Er weiß das nur zu gut. Er kann mit einem Federstrich Geschichte schreiben.

Nur für den Fall, dass er eine gute Entscheidung trifft, habe ich eine Flasche guten Champagner in meinem Kühlschrank. Gut gekühlt und bereit zum Öffnen, jederzeit. Ich hoffe; ich hoffe echt, dass es bald eine Gelegenheit gibt, den Korken an die Decke zu schießen!


Andre Vltchek ist ein Philosoph, Romancier, Filmemacher und investigativer Journalist. Er berichtete über Kriege und Konflikte in Dutzenden von Ländern. Seine neuesten Bücher sind: Exposing Lies Of The Empire und Fighting Against Western Imperialism. Diskussion mit Noam Chomsky: On Western TerrorismPoint of No Return ist sein von der Kritik gefeierter politischer Roman. Oceania – ein Buch über den westlichen Imperialismus im Südpazifik. Sein provokantes Buch über Indonesien: Indonesia – The Archipelago of Fear. Andre macht Filme für TELESUR und Press TV. Nachdem er für viele Jahre in Lateinamerika und Ozeanien lebte, verlegte er seine Arbeit kürzlich nach Ost-Asien und dem Nahen Osten. Er kann über seine Website oder Twitter erreicht werden.