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Die Gefahr der Dämonisierung
von Robert Parry                                           Übersetzung FritztheCat

17.05.2016

Exklusiv: Während der Westen immer tiefer in den syrischen Konflikt gerät und mit Russland einen neuen Kalten Krieg anfängt, sind die Mainstreammedien als Verbreitungsmittel für verlässliche Information zusammengebrochen. Das wird zu einer Gefahr für die Welt, schreibt Robert Parry.

Wenn in diesen Tagen eine intelligente Person einen Bericht über Russland oder Wladimir Putin in der New York Times liest, erwartet sie dann eine objektive, ausgeglichene Schilderung? Oder liegt darauf eine Schicht aus vorhersehbarer Verachtung und Spott? Und ist es bei der Washington Post, NPR, MSNBC,CNN [Anm.d.Ü.: die Abkürzungen lassen sich ganz leicht auf uns übertragen: FAZ, SZ, DW, Phoenix, ARD usw.] oder fast jeder anderen Nachrichtenpublikation des US Mainstreams nicht genauso?

Und nicht nur bei Russland. Der gleiche Trend gilt für den Iran, Syrien, Venezuela, Nicaragua und andere Länder und Bewegungen, die auf der „Liste der Feinde“ der US-Regierung stehen. Das gleiche Muster haben wir vor der US Invasion 2003 mit Saddam Hussein und dem Irak gesehen; mit Muammar Gaddafi und Libyen vor der US-orchestrierten Bombardierung 2011; und mit dem Präsidenten Viktor Yanukowitsch und der Ukraine vor dem US-Umsturz 2014.

Parry_Demonization_PutinDamit will ich nicht sagen, dass diese Länder und Führer keine Kritik verdient hätten, das tun sie. Aber die ordentliche Aufgabe des Pressecorps wäre es gewesen – zumindest war das so während meiner Lehrzeit bei Associated Press – alle Beweise objektiv zu behandeln und alle Seiten fair zu betrachten. Nur weil man jemanden vielleicht nicht mag, soll das nicht bedeuten, dass man seine Gefühle einfließen lässt oder dass man die Fakten durch eine einseitige Brille betrachtet.

In den „alten Zeiten“ hätte man ein solches Verhalten als unprofessionell bewertet und der leitende Redakteur hätte sich so jemanden vorgeknöpft. Jetzt aber sieht es so aus, als würde man nur bestraft, wenn man einen Dissidenten zitiert, eine solche Person einen Kommentar schreiben lässt oder in eine Talkshow einlädt. Jemanden, der das offizielle Washingtoner „Gruppendenken“ über den „Feind“ nicht teilt. Abweichung vom „Gruppendenken“ wird zum echten Karrierekiller.

Aber eine solche Konformität sollte in einem Land, das sich selbst der Meinungs- und Redefreiheit rühmt, schockierend und unakzeptabel sein. Dabei besteht ein Großteil der Kritik an den „feindlichen“ Staaten darin, dass sie angeblich verschiedene Formen der Zensur praktizieren und nur regimefreundliche Propaganda an das Publikum durchlassen.

Wann war das letzte Mal, dass man im US- Mainstream etwas positives oder gar differenziertes über den russischen Präsidenten Putin verbreitet hat? Entweder wird er als Clown mit nacktem Oberkörper präsentiert oder er ist der Teufel in Person. Die frühere Außenministerin Hillary Clinton bekam 2014 weltweit Aufmerksamkeit, als sie ihn mit Hitler verglich.

Oder wann hat jemand in den US-Medien sagen dürfen, dass der Präsident Syriens, Bashar al-Assad, und seine Unterstützer tatsächlich Grund haben, die von der US-Presse liebevoll „moderat“ genannte Rebellen zu fürchten – jene die oft unter dem militärischen Kommando extremistischer sunnitischer Gruppierungen operieren, wie Al-Kaidas Nusra Front. Siehe Consortiumnews.com „Obamas ‚moderate‘ Syrientäuschung“

Die ersten drei Jahre war im syrischen Bürgerkrieg die einzige geduldete Sichtweise der USA, dass der brutale Assad die friedliebenden „Moderaten“ abschlachtet. Auch als Analysten der Defense Intelligence Agency (DIA) und andere Insider schon lange vor der Beteiligung gewaltbereiter Dschihadisten in der Bewegung seit dem Beginn der Aufstände 2011 gewarnt hatten.

Aber diese Geschichte hat man dem amerikanischen Volk so lange vorenthalten bis der Islamische Staat 2014 damit begann, die Köpfe westlicher Geiseln abzuschneiden – und auch danach haben die US Mainstreammedien die breitere Geschichte nur halbherzig und verzerrt wiedergegeben.
Siehe Consortiumnews.com „Die verborgenen Ursachen des syrischen Bürgerkriegs“

Der Grund für die Konformität

Der Grund für diese Gleichförmigkeit unter den Journalisten ist leicht zu erklären: Wenn man die herkömmliche Meinung nachplappert, dann bekommt man vielleicht den lukrativen Posten eines großen Auslandskorrespondenten, eines festangestellten Moderators oder eine Stelle als „Gastdozent“ bei einer der großen Denkfabriken. Wenn man jedoch nicht sagt was erwartet wird, dann ist die Karriere schnell zu Ende.

Parry_Demonization_AssadSollte man irgendwie in einer Mainstream­gruppe landen und das „Gruppendenken“ auch nur leise anzweifeln, dann kann man darauf warten, dass man als eine Art „Versteher“ oder „Handlanger“ bezeichnet wird. Ein gut bezahlter Avatar der herkömmlichen Meinung wird einen sogar beschuldigen, man sei auf der Gehaltsliste des verachteten Führers. Und man wird sie wahrscheinlich nie wieder einladen.

Aber die Dämonisierung ausländischer „Feinde“ durch den Westen ist nicht nur eine Beleidigung der Meinungsfreiheit und der echten Demokratie. Sie ist auch deshalb gefährlich, weil sie skrupellosen amerikanischen und europäischen Führer ermöglicht, gewaltsame und schlecht durchdachte Aktionen auszuführen, was zum Tod vieler Menschen führt und den Hass gegen den Westen verbreitert.

Das offensichtlichste und jüngste Beispiel dafür ist der Irakkrieg. Der wurde mit einem Trommelfeuer aus falschen und irreführenden Behauptungen über den Irak gerechtfertigt. Ein passives und mitschuldiges Pressecorps hat all das nahezu komplett geschluckt.

Entscheidend für dieses Desaster war die Dämonisierung Saddam Husseins, er lag unter einem Trommelfeuer der Propaganda. Fast niemand wagte es, die grundlosen Anschuldigungen gegen ihn bezüglich WMD (Massenvernichtungswaffen) und einer Zusammenarbeit mit Al Qaeda zu hinterfragen. Das hätte einen sofort zu einem „Saddam-Versteher“ oder Schlimmerem gemacht.

Die Wenigen, die es wagten, ihre Stimme zu erheben, wurden des Verrats beschuldigt, oder man beging an ihnen Rufmord. Sogar nachdem ihre Skepsis bestätigt wurde, als die Beschuldigungen vor dem Beginn der Invasion in sich zusammenfielen, gab es fast keine Aufarbeitung. Die meisten der Skeptiker blieben an den Rand gedrängt und praktisch jeder der die WMD-Geschichten falsch abbildete kam ungeschoren davon.

Keine Rechenschaftspflicht

Ein Beispiel: Fred Hiatt, Redakteur für die Kommentarseite der Washington Post, der wiederholt über die irakischen WMDs als „reine Tatsachen“ berichtete, hat kein bisschen darunter gelitten und ist nach wie vor in seiner gehobenen Position. Er sorgt weiterhin für das einseitige „Gruppendenken“ über die „Feinde“.

Parry_Demonization_HiattEin Beispiel dafür, wie Hiatt und die Post ihre Rolle als Neokon-Propagandisten weiter betrieben, wurde letztes Jahr geliefert. In einem Kommentar wurde Putins Regierung dafür verurteilt, die russischen Aktivitäten der US-finanzierten National Endowment for Democracy (NED) zu unterbinden. Vom Ausland finanzierte Gruppen, die die russische Politik beeinflussen wollen, wurden verpflichtet, sich als ausländische Agenten zu registrieren.

Im Leitartikel der Post und in einem begleitenden Kommentar des NED-Prä­si­den­ten Carl Gershman sollte man zu der Überzeugung kommen, dass Putin in seiner Sorge um ausländische Gelder an Nicht­regie­rungs­organi­sa­tionen Wahn­vorstel­lungen habe, paranoid sei und „machthungrig“. Eine Bedrohung der russischen Souveränität.

Parry_Demonization_GershmanDie Post und Gershman haben jedoch ein paar auffällige Tatsachen weggelassen. Die Tatsache nämlich, dass das NED von der US-Regierung finanziert wird und dass es 1983 das Baby von Ronald Reagans CIA-Direktor William J. Casey war und die historische Rolle der CIA bei der Erschaffung von Propaganda und politischer Widerstandsgruppen in den Zielländern teilweise ersetzen sollte.

Und was ebenso fehlte, ist die Tatsache, dass Gershman selbst in einem anderen Post-Kommentar die Ukraine als „den Hauptpreis“ und das Sprungbrett zu einer Vertreibung Putins ansah, noch vor dem Umsturz 2014. Und die Post vergaß zu erwähnen, dass das russische Gesetz über „ausländische Agenten“ eine Kopie eines US-Gesetzes ist, dem „Foreign Agent Registration Act“. Siehe Consortiumnews.com „Warum Russland die NED-Filialen schließen ließ“(deutsche Übersetzung)

Alle diese Punkte hätten den Lesern der Post ein vollständigeres und besseres Verständnis für die Entscheidungen Putins und Russlands geliefert, aber das hätte die gewünschte Propaganda-Sichtweise zur Dämonisierung Putins versaut. Das amerikanische Volk zu informieren war nicht das Ziel. Sondern das Volk in die Feindseligkeit eines neuen Kalten Krieges gegen Russland zu manipulieren.

Ein ähnliches Muster im „Informationskrieg“ der US-Regierung haben wir bei den spektakulären Fällen erlebt. In den „alten Zeiten“ – zumindest als ich Ende der 70er nach Washington kam – gab es unter den Journalisten weitaus mehr Skepsis gegenüber der offiziellen Linie des Weißen Hauses oder des Außenministeriums. Ja es war unter Journalisten sogar eine Frage der Ehre, nicht einfach das zu übernehmen, was der Sprecher oder ein Beamter sagte, sondern es zu überprüfen.

Es gab wirklich ausreichende Anzeichen – von der Lüge des Tonkin-Zwischenfalls bis zur Vertuschung von Watergate – um eine kritische Untersuchung der Regierungsbehauptungen zu rechtfertigen. Aber auch diese Tradition ist verschwunden. Trotz der verlustreichen Täuschungen vor dem Irakkrieg akzeptieren die Times, die Post und andere Massenmedien einfach alles, was die US-Regierung an Anschuldigungen gegen ihre „Feinde“ verspritzt. Neben ihrer Leichtgläubigkeit gibt es sogar eine gewisse Feindseligkeit gegenüber jenen von uns, die echte Beweise sehen wollen.

Beispiel für diese immer gleiche Leier sind u.a. die Übernahme der US Regierungslinie zu den Giftgas-Anschlägen bei Damaskus am 21. August 2013 und zum Abschuss von MH17 über der Ostukraine am 17. Juli 2014. Das eine wurde Assad in die Schuhe geschoben und das andere Putin – sehr willkommen, auch wenn sich US-Vertreter weigerten, auch nur einen vernünftigen Beweis für ihre Anschuldigungen zu liefern.

Die Gründe für die Zweifel

In beiden Fälle gab es offensichtliche Gründe, die offizielle Geschichte anzuzweifeln. Assad hatte gerade die UN Inspektoren ins Land geholt, um seine Anschuldigungen zu Giftgas-Attacken der Rebellen untersuchen zu lassen. Warum sollte er genau zu dem Zeitpunkt einen Sarin-Angriff starten – eine Meile von den Inspektoren entfernt? Putin versuchte, sich bei der russischen Unterstützung des ukrainischen Widerstands gegen den von den USA unterstützten Umsturz bedeckt zu halten, aber die Bereitstellung einer großen, hoch technischen und mächtigen Flugabwehrbatterie irgendwo in der Ostukraine hätte doch nur zu einer Entdeckung eingeladen.

Parry_Demonization_BukNoch dazu gab es unter den Geheim­dienst­analysten der USA ab­wei­­chende Meinungen. Einige waren zumindest gegen ein vorschnelles Urteil und lieferten andere Erklä­rungen zu den Zwischen­fällen, sie wiesen auf andere mögliche Schuldige hin. Dieser Dissens veranlasste die Obama-Regierung, ein neues Mach­werk heraus­zu­ge­ben, das sogenannte „Government Assessment“ – im Grunde ein Propaganda-Dokument – im Gegensatz zum klassischen „Intelligence Assessment“, darin finden sich die übereinstimmenden Ansichten der 16 Geheimdienste, aber auch die Bereiche der Uneinigkeit.

Es gab also genug Gründe für die Washingtoner Journalisten, Verdacht zu schöpfen. Zumindest hätte man auf harten Beweisen zu den Anschuldigungen gegen Assad und Putin bestehen müssen. Stattdessen haben sich die Mainstreamjournalisten angesichts der dämonisierten Ansichten über Assad und Putin ausnahmslos hinter die offizielle Geschichte gestellt. Es wurden sogar Beweise ignoriert oder vergraben, die die Märchen der Regierung unterlaufen hätten.

Im Falle Syriens hat sich kaum einer für die wissenschaftliche Entdeckung interessiert, dass die eine Saringas-Granate (entdeckt von der UN) nur eine Reichweite von ca. zwei Kilometern hatte (was die Behauptungen Washingtons zerstört, dass die syrische Regierung viele Raketen über acht oder neun Kilometer verschossen habe). Siehe Consortiumnews.com „Steckt die Türkei hinter dem syrischen Sarin-Angriff?“

Im Fall von MH17 hat man einen holländischen Geheimdienstbericht einfach ignoriert. Der kam zu dem Schluss, dass es im Osten der Ukraine mehrere betriebsbereite Buk Flugabwehrsysteme gab, die aber alle unter der Kontrolle des ukrainischen Militärs standen. Und dass die Rebellen über keine Waffen verfügten, die 33.000 ft Höhe erreichen konnten, in der MH17 flog.
Siehe Consortiumnews.com „Der immer kuriosere Fall MH17“

Beide Fälle sind noch ungeklärt und man kann nicht ausschließen, dass neue Beweise auftauchen, die die Version der US-Regierung stützen. Aber die Tatsache, dass es substantielle Gründe gibt, die offizielle Geschichte zu bezweifeln, sollte ihren Widerhall im Mainstream der Westmedien zu diesen zwei heiklen Themen finden. Aber die unangenehmen Tatsachen werden stattdessen beiseite gewischt oder ignoriert (so ähnlich geschah es mit den irakischen Massenvernichtungswaffen).

Kurzum: Es gab einen systemweiten Niedergang der westlichen Nachrichtenmedien als professionelles Instrument im Umgang mit ausländischen Krisen. Und während die Welt immer tiefer in die Krisen in Syrien und an den Grenzen Russlands taumelt, so marschieren die Bürger des Westens fast blind drauf los. Ohne die Augen und Ohren eines unabhängigen Journalismus vor Ort und mit Massenmedien, die eine permanente Propaganda aus Washington und anderen Hauptstädten liefern.

Anstatt Fakten vertreiben die westlichen Massenmedien Dämonisierung.


Robert Parry

Robert Parry (* 24. Juni 1949) ist ein US-ameri­kanischer Investigativjournalist, der in den Verei­nigten Staaten vor allem durch seine Arbeiten zur Iran-Contra-Affäre, damals für Associated Press und Newsweek bekannt wurde. Während des Contra-Kriegs in Nicaragua deckte er den Skandal um das CIA-Handbuch Psychological Operations in Guerrilla Warfare auf und war an der Aufdeckung des vom CIA geduldeten Drogen­schmug­gels beteiligt. 1984 erhielt er den George Polk Award in der Sparte „Nationale Berichterstattung“. (wikipedia)