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zdf_80Ob heute-journal-Morderator Claus Kleber vielleicht doch mal ganz kurz über seine eigene Funktion als „Rädchen“ im Getriebe einer Todes­maschine nachgedacht hat, als er am vergangenen Freitag die Anmodera­tion eines Beitrags über den SS-Wach­mann Reinhold Hanning vorgetragen hat?

In Detmold steht der 94-jährige Reinhold Hanning über 70 Jahre nach den Verbrechen der Nazis vor Gericht und sein spätes Eingeständnis von Schuld und Scham ist – angesichts des Ortes und der Situation in der er sie äußert – vollkommen wertlos. Was er wirklich denkt, weiß nur er selbst. Für Menschen wie Hanning kann man immerhin anführen, dass sie in eine Zeit hineingeboren wurden, in der allumfassende Hirnwäsche und Aufstachelung zum Hass an der Tagesordnung waren. Je nach persönlichem Umfeld ist es in so einer gesellschaftlichen Situation nahezu unmöglich, sich dem Gruppendenken und der Propaganda zu entziehen.

Seine Vita vom Kind zum SS-Unterscharführer, der sich an der massenhaften, industriellen Vernichtung vollkommen unschuldiger Menschen beteiligte, wirft die Frage nach individueller Schuld eines Individuums auf, das seine Moralvorstellungen nicht an universellen Werten und Menschenrechten festmachen konnte, sondern mit einer (austauschbaren) Ideologie gefüttert wurde, die das Töten von Menschen als notwendigen Schritt in eine „bessere“ Welt propagierte. Menschen wie Hanning haben dank einer umfassenden Indoktrination wohl mindestens bis zum Kriegsende geglaubt, „Gutes“ zu tun. Und es wirft die Frage auf, wer eigentlich mehr Schuld hat: kleine Rädchen wie Hanning oder vielleicht doch weit größere Räder, die notwendig waren, um all die kleinen Rädchen zu Tätern zu machen.

Im Gegensatz zu Reinhold Hanning haben die Klebers und Gniffkes der heutigen Zeit alle Möglichkeiten in einer weitestgehend freien Welt, ihr Handeln und dessen Folgen zu reflektieren. Sie haben umfassendes Wissen über die deutsche Geschichte, über die Wirkung von Propaganda, über die Schrecken des Krieges und sogar über Schicksale wie das von Reinhold Hanning, um ihr eigenes Handeln daran zu messen und auszurichten.

Vor allem aber werden sie nicht von einem totalitären und mörderischen Staat bedroht, der sie selbst in ein Lager stecken oder kurzen Prozess machen könnte, wenn sie sich unmoralischen Weisungen von oben widersetzen würden. Wie hoch also muss man im Vergleich zu Reinhold Hanning die Schuld der Klebers und Gniffkes, der Atais und Eigendorfs ansetzen, die mit ihrer Desinformation und Propaganda Kriege in arabischen und europäischen Staaten und militante Umstürze wie in Kiew befeuern? Die Krieg als „Anti-Terror-Maßnahmen“, die heutigen Faschisten als „Freiwilligenbataillone“ oder fanatische Islamisten als „moderate Rebellen“ verharmlosen?

Wie unterscheidet sich die Schuld jener, die heute wieder eine Aufrüstung an der Ostfront propagieren, von der Schuld jener, die die gleiche Kriegstreiberei bereits vor über 70 Jahren betrieben? Warum sollte ein Reinhold Hanning „schuldiger“ sein, als jene sogenannten Journalisten (Politiker sowieso), die wissentlich und mit niederen Absichten Syrien in einen Krieg gehetzt haben, statt die Gewalt beider Seiten von Beginn an zu verurteilen?

ZDF 29.04.2016 heute-journal

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Kleber: „Auf den ersten Blick sieht vielleicht sinnlos aus, was sich jetzt wieder in einem Gerichtssaal – diesmal in Detmold – abspielt. Ein 94-jähriger Greis wird im Rollstuhl vor die Richterbank gebracht. Der muss sich verantworten für Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz Birkenau. Ein Verbrechen, das menschliches Vorstellungsvermögen sprengt. Aber Reinhold Hanning war nur ein Rädchen in der Todesmaschine und die Taten liegen mehr als 70 Jahre zurück. Rache und Sühne können heute keine Gründe mehr für solche Prozesse sein. Der wahre Grund liegt in der Suche nach Wahrheit. in dem Anspruch der wenigen Überlebenden, die das, was ihnen widerfahren ist, noch anerkannt sehen wollen, im Angesicht des Täters. Und der letzte Grund ist die Hoffnung auf einen Augenblick wie heute in Detmold, wo das Schweigen brach – endlich.“

Es soll ja noch Menschen geben, die denken, Claus Kleber sei ein ausgebildeter Journalist. Das ist er natürlich nicht. Kleber ist studierter Jurist und auch als solcher ein fürchterlicher, denn jeder halbwegs informierte Jurist weiß, dass das Streben nach „Rache“ in unserem Rechtssystem niemals Grundlage oder Motivation für einen Gerichtsprozess sein kann, sondern allenfalls als Mordmotiv vor Gericht bei der Bemessung der Schuld eines Täters eingerechnet wird. Das aber nur am Rande.

Tatsächlich war SS-Mann Hanning nur ein verhältnismäßig kleines Rädchen. Allerdings konnte auch die Kriegs- und Mordmaschine der Nazis nicht ohne all die kleinen Rädchen funktionieren, aus denen sie ja faktisch bestand. Versucht man an den Ursprung der Mordmaschine zu gelangen, dann ist man unmittelbar bei den großen Rädern, die die kleinen Räder überhaupt erst zu dem gemacht haben, was sie sind.

Diese großen Räder sind zum einen die ideologischen Väter des Rassenwahns und arischer Überlegenheit und schon in der nächsten Ebene all jene, die aktiv oder durch Unterlassung halfen, diese Ideologie in die Köpfe der Menschen zu sähen und dort zu „kultivieren“. Es waren Politiker, Hochschullehrer, Lehrer, nicht-staatliche Agitatoren, aber auch Journalisten, die die Feindbilder „Jude“, „Bolschewik“, „Zigeuner“ etc. an die Wand und in die Köpfe malten, um den kleinen Rädchen wie Hanning Motivation und Rechtfertigung für ihr mörderisches Handeln zu liefern.

Leute wie Kleber und Gniffke befinden sich in der Hierarchie – und damit in der moralischen Verantwortung – weit über Fußsoldaten wie Hanning. Sie stellen die zweite Ebene dar, direkt unter den wahren politischen Machthabern und ihren Ideologen. Ihre Aufgabe ist nicht journalistische Aufklärung, sondern die politischen Vorgaben der Eliten in die Köpfe der kleinen Rädchen zu ziselieren, auf dass diese wie Zinnsoldaten in die gewünschte Richtung marschieren.

Um sich die Verantwortung von Verbrechern wie Kleber und Konsorten zu vergegenwärtigen, muss man sich nur die Alternativen anschauen, die sie in ihrem Handeln gehabt hätten und bis heute haben. So wäre der militante Putsch in Kiew mit seinen weit über Hundert und der Krieg in der Ostukraine mit seinen Tausenden Toten, Verkrüppelten und Millionen Enthausten und Vertriebenen nicht möglich gewesen, wenn deutsche Journalisten und Politiker die Gewalt der Oppositionellen auf dem Maidan (und später die Gewalt des Putschregimes gegen die Bürger der Ostukraine) von Beginn an verurteilt hätten.

Eine EU, die vom ersten Moment der Gewalt auf dem Maidan klargestellt hätte, dass diese Gewalt vollkommen inakzeptabel ist und das man mit den Verantwortlichen in keinster Weise kooperieren werde, eine EU also, die in der Ukraine die gleichen Maßstäbe und Werte angelegt hätte, die sie für die eigenen Mitgliedsstaaten vor sich her trägt, hätte Mord und Totschlag in der Ukraine abwenden können. Sie tat aber – aus bekannten Motiven – das exakte Gegenteil, indem sie die legitime Reaktion der Polizeikräfte und des Staates anprangerte. Die Gewalt der Maidan-Anhänger wurde verschwiegen, verharmlost oder als „Freiheitskampf“ gerechtfertigt, weil sie Gewalt im Sinne der EU und USA war. Diese Doppelmoral der Politik war nur möglich, weil Journalisten mit ihrer Desinformation die notwendige öffentliche Täuschung betrieben haben.

Gleiches gilt für Syrien oder Libyen. Auch in Syrien wurde durch eine verbrecherische westliche Journaille ein militanter Aufstand heroisiert und legitimiert. Während man im eigenen Land nach der Polizei kreischt, wenn eine Vertreterin dieser Lügenpresse auf einer Demonstration auch nur angerempelt wird, hat die gleiche „öffentlich-rechtliche“ Journaille auf dem Maidan in Kiew oder den Straßen Syriens genau gegenteilige Maßstäbe angelegt. Dort war es nicht nur legitim, wenn vermummte und bewaffnete „Oppositionelle“ gewaltsam gegen Polizei und öffentliche Einrichtungen vorgingen, sie wurden und werden in der Berichterstattung über den Krieg in Syrien bis heute als „moderate Opposition“ oder Kämpfer für die Freiheit verkauft.

Mit dieser Doppelmoral und vorsätzlichen Propaganda haben Staats- und Konzernmedien beim Mord an Hundertausenden und der Vertreibung von Millionen geholfen. Nicht nur was die Zahl ihrer Opfer anbetrifft, sondern auch mit Blick auf die persönlichen Umstände kommt ihnen eine hundert- oder tausendfache Schuld zu, im Vergleich zu dem, was Fußsoldaten wie Hanning auf dem Gewissen haben. Die Propagandisten und großen Rädchen von heute, die sich die Taschen mit Blutgeld vollstopfen, könnten – anders als Hanning – jederzeit aussteigen ohne fürchten zu müssen, an die Wand gestellt zu werden.

In den Nürnberger Prozessen wurden nach dem Krieg einige der größeren Räder der Nazi-Maschinerie angeklagt und abgeurteilt. Das war zweifellos Siegerjustiz und es gab auch auf Seiten der Allierten Verbrecher, die den Nazis in nichts nachstanden oder mit ihnen kooperierten. Aber auch damals schon saßen Propagandaverbrecher auf der Anklagebank, deren Rolle bei der Aufwiegelung der deutschen Bevölkerung – auch als Botschaft an die kommenden Generationen – gesühnt werden sollte. Den Gniffkes und Klebers, die nicht aus eigener Menschlichkeit und moralischer Einsicht zum richtigen Handeln kommen, sollte das eine Warnung sein. Auch Streicher, Frizsche und von Schirach hätten sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht nicht im schlimmsten Alptraum vorstellen können, eines Tages zur Verantwortung gezogen zu werden. Wie Kleber und Konsorten hielten sie sich nicht nur für sakrosankt, sondern glaubten, das Richtige zu tun. Wie man sich irren kann.

Hans Fritzsche auf dem Weg in den Gerichtssaal in Nürnberg 1945/46 – Äußere Ähnlichkeiten mit Claus Kleber rein zufällig

„Kurze Zeit nach der Freilassung durch die Alliierten stellten deutsche Behörden Fritzsche in Nürnberg in einem Spruch­kammer­verfahren erneut vor Gericht. Die Behörden – allen voran der General­staats­anwalt Thomas Dehler – strengten sich an, belastendes Material heran­zuschaffen; sie forderten die Bevölkerung sogar per Zeitungs­anzeigen auf, Belastungs­material und Zeugen zur Verfügung zu stellen. Es gab ein Erst­verfahren und ein Berufungs­verfahren. In letzterem wurde Fritzsche zum Einen wegen seiner Rolle als „führender Propagandist“ verurteilt, der wegen seines offiziösen Auftretens einen starken Einfluss auf die Willens­bildung des deutschen Volkes gehabt habe. Zum Zweiten hieß es, er habe zwar „nicht direkt zur Verfolgung der Juden und ihrer Ausrottung aufgerufen, aber durch seine Propaganda in starkem Maße dazu beigetragen, eine hierfür günstige Stimmung im Volk zu schaffen“.[9] Er habe drittens der „Karriere zuliebe die verbrecheri­schen Seiten des NS-Regimes ausgeblendet“ und so zum Belügen der deutschen Bevöl­kerung beigetragen“ (wikipedia)