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Was sind Europäische Werte
und was bedeuten sie?
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von  Patrick Armstrong                                   Übersetzung FritztheCat

Unsere Werte – in der Regel „Europäische Werte“ bezeichnet – waren ein fester Bestandteil der Diskussionen in den 1990er Jahren.

Vor etwa 15 Jahren, als ich noch arbeitete, habe ich auf einer Konferenz eine Rede gehalten. Es ging um mein übliches Thema: Dass es eigentlich keine besonders gute Idee sei, Russland in einen Feind zu verwandeln. Während der folgenden Diskussion widersprach einer im Publikum (später habe ich herausgefunden, dass er ein hohes Tier im NATO Geheimdienstapparat war) und sagte, die Russen würden „unsere Werte nicht teilen“.„Unsere Werte“ – gewöhnlich als die „Europäischen Werte“ bezeichnet – waren ein fester Bestandteil der Diskussionen in den 1990er Jahren. Damals wurde die NATO voller Stolz eine Allianz gemeinsamer Werte genannt, „europäischer Werte“, um genau zu sein. (Auch heute noch, aber nicht mehr so laut)  Ich kann mich erinnern, wie mich ein spanischer Eurokrat über diese Werte belehrt hat. (Stellen Sie sich das vor: ein Spanier, der unter Franco aufwuchs, glaubt, einem Kanadier etwas über Demokratie und Freiheit erzählen zu müssen. Das war eine arrogante Zeit.)

Ich fand das wirklich sehr lästig. Zum einen: Franco, Hitler, Marx, Engels, Mussolini, Robespierre, Napoleon, Quisling und so weiter waren alle Europäer. Jeder von ihnen war mit seinen Ideen und politischen Ansichten tief im europäischen Denken und Erfahrungen verwurzelt. Und ich bin mir sicher: wären nicht die Sowjets und die Angelsachsen gewesen – dann hätten die Eurokraten und ihre Hofschranzen die „europäischen Werte“ 1995 mit wesentlich mehr Leder, Springerstiefeln und gestrecktem Arm hochleben lassen. Haben etwa die Franzosen, die Spanier, die Belgier, die Dänen, die Holländer und die Italiener Europa von den Nazis befreit? Und es kommt hinzu, dass die NATO ein Militärbündnis war. Man hat sich gerne mit Salazar in Portugal verbündet, mit den Obristen in Griechenland und mit den verschiedenen Militärputschen in der Türkei. Man hat gezögert Franco zu schlucken, aber die USA hatten so viele Abkommen mit Spanien, dass eine formelle NATO-Mitgliedschaft nicht von Bedeutung war. Damals, als die NATO ein Verteidigungsbündnis war, waren der Immobilienmarkt und ein gemeinsamer Feind wichtiger als „Werte“. Trotzdem war es in den 90ern große Mode, die „gemeinsamen europäischen Werte“ herauszustellen.

Ich gebe zu, dass es nicht gänzlich ohne Bedeutung war. Mir gefiel dieses heilige Wort „Werte“ nicht, aber ich glaube, dass der Niedergang der UdSSR etwas ziemlich Wichtiges gezeigt hat. Entgegen den Befürchtung einiger Leute in den 70ern und 80ern, das anscheinend unnachgiebige Sowjetsystem würde über unser schlampiges Vorgehen triumphieren, war es das Sowjetsystem, das einstürzte. Das hat mir gezeigt, dass es nicht die „Werte“ waren – es war, weil der Westen etwas entdeckt hatte, und diese Entdeckung hieß Pluralismus. Vereinfacht gesagt: da niemand die Zukunft kennt, wird sich jenes System mit den meisten möglichen Lösungen durchsetzen. Denn die Antworten von heute sind nicht die Antworten für morgen. Wir beobachten das in der Natur: es gibt nicht nur eine Baumart, es gibt viele. Darum wird es immer Bäume geben. Demokratie ist politischer Pluralismus, die Meinungsfreiheit ist geistiger Pluralismus, und freie Märkte sind wirtschaftlicher Pluralismus. Das Sowjetsystem und das Nazisystem hatten für alle Fragen nur die eine große Antwort. Es funktionierte bis ein Problem aufkam, für das ihre große Antwort keine Antwort hatte. Ich denke, dass Putin das versteht, wenige im Westen verstehen das. Putin sagt: „Die Geschichte beweist, dass alle autoritären Regierungsformen vergänglich sind. Nur demokratische Systeme sind unvergänglich.“

Mir schien es, als könnte man daraus Schlussfolgerungen ziehen und etwas lernen. Man tat es aber nicht. Stattdessen haben wir die pharisäische und selbstgefällige Verherrlichung der „europäischen Werte“, die anscheinend vom Himmel auf unsere Köpfe darnieder kamen. Aber anscheinend nicht auf ihre Köpfe. Wir hatten sie – und sie hatten sie nicht. Und das war’s dann: entweder sie lernen von uns (wenn das überhaupt möglich ist), oder sie gehen unter.

Und zwei Jahrzehnte später: wo stehen wir jetzt? Anscheinend sieht es nicht so gut aus. Politische Parteien, die von der vorgeschriebenen Sichtweise abweichen, werden kurzum dämonisiert: Liest man über den Front National, dann heißt es „rechtsextrem“ und das nicht nur einmal! Da weiß man doch gleich, dass sie schlecht sind, mehr muss man gar nicht wissen. Man hält eine ganze Breitseite an Adjektiven vorrätig und verschießt sie auf jede Partei oder Person, die die bestehende Ordnung bedroht: Donald Trump ist „rassistisch“, „faschistisch“, „dumm“, „schwulenfeindlich“ und „gegen Frauen“. Die Meinungsfreiheit ist durch die Sprachregelung, durch Gesetze gegen Hassrede und politische Korrektheit stark eingeschränkt. Die Lauscher der Regierung sind überall. Der Drohnentod ist Routine. Was die Marktfreiheit anbelangt: es sieht so aus, als würde die Welt von und für finanzielle Taschenspieler regiert. Der Pluralismus nimmt ab und die gelobten „europäischen Werte“ sehen heute ganz schön zerfleddert aus.

Man sollte sich ein paar alte Europäer anhören, wo das hinführt:

„Die göttliche Gerechtigkeit wird die mächtige Gier auslöschen, das Kind der Unverschämtheit, die schreckliche Gier, die alles verschlingen will.“

Unsere triumphalen „Werte“ haben sich in Hybris verwandelt, den Erzeuger von Koros, und heute regiert uns Ate, die Verblendung.

Danach kommt Nemesis um Rache zu nehmen und das Gleichgewicht wieder herzustellen.