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Ist „Medien“ nur ein anderes Wort für Kontrolle?
von                                               Übersetzung FritztheCat
(Erstveröffentlichung Januar 2014)

Truepublica_pilger525Eine Umfrage wollte kürzlich von den Menschen in Großbritannien wissen, wie viele Iraker als Ergebnis der Invasion 2003 getötet wurden. Die Antworten waren schockierend. Eine Mehrheit sagte, es seien weniger als 10.000 getötet worden. Wissenschaftliche Studien berichten, in dem von der britischen Regierung und dem Verbündeten aus Washington angerichteten Inferno seien bis zu einer Million irakischer Männer, Frauen und Kinder gestorben. Das entspricht dem Völkermord in Ruanda. Und das Gemetzel geht weiter. Erbarmungslos.

Das zeigt, wie wir in Großbritannien von denen in die Irre geführt wurden, deren Job es wäre, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Der amerikanische Schriftsteller und Akademiker Edward Herman nennt es die „Normalisierung des Undenkbaren“. Er beschreibt zwei Arten von Opfern in der Nachrichtenwelt: „würdige Opfer“ und „unwürdige Opfer“. „Würdige Opfer“ sind jene, die unter der Herrschaft unserer Feinde leiden. Zum Beispiel Assad, Gadafi, Saddam Hussein. „Würdige Opfer“ rechtfertigen das was wir „humanitäre Intervention“ nennen. „Unwürdige Opfer“ sind jene, die unseren Strafaktionen und den von uns angestellten „guten Diktatoren“ in die Quere kommen. Saddam Hussein war einmal ein „guter Diktator“, aber er wurde dreist und unfolgsam und wurde in das Lager der „schlechten Diktatoren“ versetzt.

In Indonesien war General Suharto ein „guter Diktator“, auch wenn er möglicherweise eine Million Menschen abschlachten ließ. Unter Hilfestellung der Regierungen Großbritanniens und Amerikas. Er hat mit Hilfe britischer Kampfflugzeuge und britischer Maschinengewehre auch ein Drittel der Bevölkerung in Ost-Timor beseitigt. Suharto wurde sogar in London von der Queen empfangen und nachdem er friedlich in seinem Bett gestorben war, pries man ihn als Aufklärer, Modernisierer – als Einen von uns. Anders als Saddam Hussein wurde er nie unverschämt.

Als ich in den 90ern durch den Irak reiste, da hatten die zwei muslimischen Hauptgruppen, die Schiiten und die Sunniten, zwar ihre Differenzen, aber sie lebten nebeneinander, heirateten sogar untereinander und sie betrachteten sich mit Stolz als Iraker. Es gab keine Al Qaeda, es gab keine Dschihadisten. Das alles haben wir 2003 mit der „Schockmethode“ (shock and awe) in Trümmer gelegt. Und heute bekriegen sich Sunniten und Schiiten quer durch den gesamten Nahen Osten.

Dieser Massenmord wird vom Regime in Saudi Arabien finanziert, das Menschen köpft und Frauen diskriminiert. Die meisten der 9/11 Hijacker kamen aus Saudi Arabien. 2010 veröffentlichte Wikileaks diplomatische Noten der Außenministerin Hillary Clinton an die US-Botschaften. Darin schrieb sie folgendes: „Saudi Arabien bleibt ein wichtiger finanzieller Unterstützer für Al Qaeda, die Taliban, al Nusra und andere Terrorgruppen weltweit“. Die Saudis sind unsere geschätzten Verbündeten, sie sind „gute Diktatoren“. Die britische Königsfamilie besucht sie oft, wir verkaufen ihnen alle Waffen, die sie wollen. (Anm.d.Ü.: dieser Absatz stammt aus dem Original und kommt in der verlinkten Umschrift nicht vor)

Ich benutze die erste Person „wir“ und „uns“ in Übereinstimmung mit den Lesern und Kommentatoren, die oft „wir“ sagen. Man will lieber nicht zwischen dem kriminellen Potential unserer Regierungen und uns, der Öffentlichkeit unterscheiden. „Wir“ sollen alle Teil einer Übereinstimmung sein: Tory und Labour, und auch das Weiße Haus Obamas. Als Nelson Mandela starb, da wandte sich die BBC direkt an David Cameron, dann an Obama. Cameron reiste während Mandelas 25. Haftjahr nach Südafrika, eine Reise die einer Unterstützung für das Apartheid-Regime glich. Und Obama hat kürzlich eine Träne in Mandelas Haftzelle auf Robben Island vergossen – er, der über die Käfige in Guantanamo herrscht.

Warum haben sie wirklich um Mandela getrauert? Ganz bestimmt nicht wegen dessen außerordentlicher Willenskraft, gegen ein unterdrückerisches System zu kämpfen, deren Verdorbenheit die US- und die britische Regierung jahrelang unterstützten. Eher waren sie für Mandelas wichtige Rolle in der Unterdrückung des Aufstandes im schwarzen Südafrika gegen das Unrecht der weißen politischen und ökonomischen Macht dankbar. Das war mit Sicherheit der einzige Grund warum man ihn freiließ. Heute ist die gleiche wirtschaftliche Macht eine Apartheid in anderer Form, Südafrika wurde zur ungleichsten Gesellschaft der Welt. Manche nennen es „Versöhnung“.

Wir leben alle in einem Informationszeitalter – das reden wir uns zumindest ein wenn wir unsere Smartphones wie einen Rosenkranz streicheln, den Kopf gesenkt, nachschauen, verfolgen, tweeten. Wir sind vernetzt, wir wissen Bescheid; und das bestimmende Thema der Meldung sind wir selbst. Der Zeitgeist heißt Identität. Eine Lebenszeit zuvor sagte Aldous Huxley in „Schöne Neue Welt“ voraus, das sei der eigentliche Zweck der Sozialkontrolle. Denn es geschieht freiwillig, macht süchtig und vernebelt in der Illusion persönlicher Freiheit. Vielleicht leben wir in Wahrheit nicht in einem Informationszeitalter sondern in einem Medienzeitalter. So wie die Erinnerung an Mandela, so wurden auch die wundersamen Technologien der Medien gekapert. Von der BBC bis zu CNN – der Resonanzraum ist gigantisch.

In seiner Preisverleihungsrede für den Literaturnobelpreis sprach Harold Pinter 2005 von einer „weltweiten Machtmanipulation, die sich als eine Kraft für das allgemein Gute maskiert. Eine brillante, ja schlaue und höchst erfolgreiche Art der Hypnose.“ Pinter sagte: „Aber das ist nie passiert. Nichts ist je passiert. Sogar als es passierte ist es nicht passiert. Es spielte keine Rolle. Es hatte keine Bedeutung.“

Pinter bezog sich damit auf die systematischen Verbrechen der Vereinigten Staaten und die unverkündete Zensur durch das Weglassen – das heißt, das Weglassen wichtiger Informationen, die uns zum Verstehen der Welt helfen könnten.

Heute wird die tolerante Demokratie durch ein System ersetzt, in dem die Menschen einem unternehmerischen Staat rechenschaftspflichtig sind – nicht anders herum, wie es sein sollte. In Großbritannien sind die Parlamentsparteien der gleichen Doktrin ergeben: Fürsorge für die Reichen und Mühsal für die Armen. Diese Verweigerung von echter Demokratie ist eine historische Zäsur. Deshalb ist der Mut von Edward Snowden, Chelsea Manning und Julian Assange eine solche Bedrohung für die Mächtigen und Unverantwortlichen. Und das ist ein Musterbeispiel für jene von uns, die die Dinge ins rechte Licht rücken sollen. Der große Reporter Claud Cockburn hat es schön formuliert: „Glaube nie etwas bis es nicht offiziell dementiert wurde“.

Stellen Sie sich vor, die Lügen der Regierungen während der geheimen Vorbereitungen für eine Irak-Invasion wären nachdrücklich angezweifelt und aufgedeckt worden – eine Million Menschen wären möglicherweise heute noch am Leben.


(Dies ist eine Umschrift von John Pilgers Beitrag in einer Sondersendung von BBC Radio 4 „Today’s Programme“ vom 2. Januar 2014. Mitwirkend war auch die Künstlerin und Musikerin Polly Harvey. Man kann sich dieses Transkript auch als Podcast von John Pilger anhören)

John_PilgerJohn Pilger (* 9. Oktober 1939 in Sydney, Australien) ist ein australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Von 1963 bis 1986 war Pilger Leiter der Auslands­redaktion des „Daily Mirror“. Seitdem arbeitet Pilger als freier Journalist. 1968 war er unmittelbar Zeuge der Er­mor­dung des US-Senators und demokratischen Prä­si­dent­schafts­kan­didaten Robert F. Kennedy in Los Angeles und vertritt aufgrund seiner Erlebnisse die Ansicht, dass es noch einen weiteren Schützen gegeben habe.[1] Pilger drehte mehr als 50 Filme und hat in seiner Karriere für viele bekannte englischsprachige Zeitungen ge­schrie­ben (z. B. „The Independent“, „The Guardian“ und „The New York Times“). Mit zahllosen Journalismus-Preisen ausgezeichnet, gehört Pilger zu den prominentesten englischsprachigen Journalisten. 2003 erhielt er den Sophie-Preis für seinen besonderen Einsatz für die Menschenrechte. Pilger engagiert sich in der Bewegung „Democracy now!“ und steht auch der Politik Obamas kritisch gegenüber, die seiner Meinung nach das Ziel bisheriger Regierungen der USA einer internationalen Vorherrschaft weiter verfolgt. Er ist Mitglied im vorläufigen Ausschuss der Internationalen Organisation für eine Partizipatorische Gesellschaft [2]. Er wurde im Jahre 2009 mit dem Sydney-Friedenspreis ausgezeichnet. (wikipedia)