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id_kulturzeitDie 3sat „Kulturzeit“ ist nach den Haupt­nach­rich­ten­formaten von ARD und ZDF vermutlich die meistgenannte Sendung der Öffentlich-Rechtlichen in diesem Blog. Das ist kein Zufall, denn in kaum einer anderen Sendung treffen Propaganda und Dummheit derart geballt aufeinander, wie in diesem größtenteils ungenießbarem Panoptikum politischer Agitation, moralischer Verwahrlosung und pseudo­intellek­tuellem Scheiterns auf niedrigem Niveau.

Ein Beitrag der Sendung vom Dienstag „glänzte“ gleich in beiden Kategorien: Propaganda und Dummheit und in beiden Fällen sind die Hintergründe so aufschlussreich, dass wir das hier unbedingt festhalten müssen.

In der Sexismus-Debatte nach den Silvester-Übergriffen an mehreren Orten in Deutschland sollte ein Interview mit Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken die Vorgänge in einen größeren machtpolitischen Kontext einordnen, was prinzipiell durchaus löblich wäre, aber hier einmal mehr als Relativierung im Hinblick auf die Täter beabsichtigt war.

Schon das Eingangsstatement der unsäglichen Tina Mendelsohn war ein Vorgeschmack dessen, wohin die Reise gehen sollte:

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„Frau Vinken, vielleicht war der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin, der ja viel kritisiert wurde, an die Frauen, dass man sich Fremde auf Armeslänge halten sollte, gar nicht so dumm, denn es gibt auch in London oder Paris Gegenden, wo man – und das gilt für Frauen ganz genauso wie für Männer – wo man vorsichtig sein muss, wo man Distanz hält.“

Vinkens bemerkenswerte politische Amnesie entfaltet sich allerdings erst in der darauf folgenden Frage, als sie versucht, Vergewaltigung von Frauen in einen historischen Kontext der Nationenbildung zu stellen. Ein durchaus interessanter Ansatz, der – auch wenn sie übertreibt – zweifellos seine Berechtigung hat, allerdings springt Vinken unnötigerweise – oder vielleicht doch beabsichtigt – etwas weit zurück und vergisst dabei die jüngere deutsche Geschichte, die ja auch ihre eigene ist.

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Barbara Vinken: „Ich denke, dass man das, was da passiert ist – und vor allem das ungeheure Echo, das das ausgelöst hat -, dass man das eigentlich nur auf dem Hintergrund des Mythos sehen kann – wenn sie so wollen. Diese Vorstellung der Vergewaltigung oder der Fast-Vergewaltigung von Frauen ist das letzte Mal für Deutschland in der Hermannschlacht ganz massiv in den Vordergrund gerückt worden. Es ist aber eigentlich ein Szenario, das immer mit Nationenbildung und vor allen Dingen Identität von Nationen zusammengeht. Der Raub der Sabinerinnen ist das berühmteste Beispiel…“

Moment! Vergewaltigung als identitätstiftendes Motiv in der Nationenbildung… war da nicht etwas in der jüngeren Geschichte? Muss man da wirklich so weit in die Vergangenheit schauen? Natürlich nicht! Nach 1945 war das propagandistische Motiv des vergewaltigenden Russen über Jahrzehnte ein prägendes, kollektives Mem der Bundesrepublik Deutschland zur Abgrenzung gegen die „rote Gefahr“ vermeintlich unzivilisierter slawisch-bolschewistischer Horden, die über unschuldige deutsche Frauen herfallen.

Vergewaltigungen hat es im und nach dem 2. Weltkrieg selbstverständlich gegeben – von allen Seiten. Im Westen wurden die Schandtaten der sowjetischen Sieger von den unterlegenen Nazis und ihren westlichen Besatzern gezielt propagandistisch ausgeschlachtet und benutzt, um die West-Ost-Frontbildung und Dämonisierung des Feindbildes Russland voranzutreiben. Dass es diese Verbrechen gleichermaßen in den von westlichen Allierten besetzten Gebieten verübt wurden, war bis vor Kurzem ein absolutes Tabu.

Es ist befremdlich, dass Vinken die jüngere Geschichte des eigenen Landes nicht kennt oder die propagandistische Ausschlachtung der Vergewaltigungen in Westdeutschland vorsätzlich unter den Teppich kehren möchte.

Barbara Vinken: „…Rasse und Geschlecht sind ganz wichtige Marker in einem politischen Szenario, das eine unglaubliche politische Sprengkraft hat. Das haben wir vielleicht ein bisschen vergessen, dass im Prinzip über den Körper der Frau neue politische Verhältnisse installiert werden.“

Richtig! Aber ihr dämmert immer noch nicht, dass genau dies auch nach 1945 bis heute der Fall war – oder sie will es vorsätzlich vergessen machen, denn Vinken insistiert erneut, dass diese propagandistische Instrumentalisierung von Vergewaltigungen zuletzt vor 200 Jahren eingesetzt wurde.

Barbara Vinken: „…ja, dieses Szenario dient dazu und ist zuletzt in Deutschland in den Befreiungskriegen auch so eingesetzt worden – von Heinrich von Kleist etwa in seinem Drama ‚Die Hermannschlacht‘, dass Hermann die Vergewaltigungen fast selber organisiert, um denn das Volk zu einen, um die Fremden zu vertreiben, um die Franzosen, die verführen, die vergewaltigen, die den deutschen Frauen zu Leibe rücken, um die aus dem Land zu vertreiben. Also ich würde sagen, das sind sehr toxische Geschichten, das sind sehr politische Geschichten und das sind Geschichten, die vor dem Hintergrund von denen diese Ereignisse offenbar – auch wenn das den Leuten nicht bewusst ist – rezipiert und – wie Sie auch sagen – auch instrumentalisiert werden.“

Nach dieser bemerkenswerten „Amnesie“ in Bezug auf die deutsche Geschichte, krönt die unsägliche Tina Mendelsohn das Trauerspiel mit einer ganz eigenen Interpretation der Vorgänge rund um Köln. Sie wartet mit der irren These auf, Polizei und Medien hätten die Übergriffe unter den Teppich kehren wollen, weil es sich bei den Opfern um Frauen handelte…

Tina Mendelsohn: „Einerseits wurden die Frauen in dieser Nacht von den Männern bedroht und verletzt und andererseits aber auch von den Ordnungshütern – zumeist Deutschen – im Stich gelassen, die sie nicht geschützt haben; die dann gesagt haben, es hätte keine besonderen Vorfälle gegeben. Dann hat es auch noch Medien gegeben, die tagelang darüber nicht berichtet haben. Ist das, weil es ’nur‘ Frauen sind?“

Vinken springt auf den Unsinn auf und vertritt die Auffassung, dass Gewalt gegen Frauen nur dann in der Öffentlichkeit „virulent“ würde, wenn „fremde“ Männer „eigene“ Frauen missbrauchen würden. Das ist ganz offensichtlich ausgemachter Unsinn. Gewalt gegen Frauen und Mädchen durchzieht die Medien wie kaum ein anderes Thema. Man muss hier nur an die #aufschrei-Debatte erinnern, die sich an der banalen Anmache eines FDP-Schwerenöters (ohne Migrationshintergund) entzündete. Von den sonntäglichen Tatort-Folgen, von denen wohl mindestens jede zweite Gewalt gegen Frauen thematisiert oder dem Skandal um die öffentliche Vernichtung des Wetter-Moderators Kachelmann ganz zu schweigen.

Amnesie, Wahn und Realitätsklitterung. Der eigentlich im Kern spannende Aspekt der politisch-propagandistischen Ausschlachtung von sexualisierter Gewalt blieb am Ende auf der Strecke. Viel mehr war aber auch von der 3sat „Kulturzeit“ nicht zu erwarten.