Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , ,

consortiumnews_header525

Die US-Medien
verloren in Propaganda
09.01.2016
von William Blum                                            Übersetzung FritztheCat

Es war einmal – vielleicht nur für einen kurzen Moment – da waren amerikanische Journalisten zynisch und verantwortungsvoll genug, um sich von der US Regierungspropaganda nicht an der Nase herum führen zu lassen. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei, wenn es sie je gab. Diese Realität beschreibt William Blum.

Er mag zwar vulgär, grob, rassistisch und ultra-sexistisch sein, aber Donald Trump erkennt wenigstens noch wie schrecklich die amerikanischen Systemmedien sind. Für einen der Hauptgründe von Donald Trumps Beliebtheit halte ich, dass er sagt, was er denkt und ernst meint, was er sagt. Das kommt bei amerikanischen Politikern eher selten vor, wahrscheinlich bei Politikern auf der ganzen Welt. Die amerikanische Öffentlichkeit hat die Schnauze voll von den verlogenen, scheinheiligen Antworten von Amtsinhabern aller Art.

Als ich gelesen hatte, dass Trump sagte, dass Senator John McCain kein Kriegsheld sei, weil McCain in Vietnam gefangen genommen wurde, da musste ich kurz nachdenken. Wow! Als nächstes wird er erzählen, dass nicht alle amerikanischen Soldaten in Vietnam, Afghanistan und Irak strahlenden Helden seien, die ständige öffentliche Ehrungen und Bewunderung verdienten.

Consortiumnews_Stephanopoulos240Als Trump auf ABC von George Stephanopoulos (früher Berater für Präsident Bill Clinton) interviewt wurde, fragte der: „Als man Sie wiederholt fragte, was Sie über die Journalistenmorde (durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin) denken, da sagten Sie: ‘Ich denke auch unser Land mordet reichlich.’ Woran haben Sie dabei gedacht? Welche von der US-Regierung autorisierten Tötungen sind mit Journalistenmorden vergleichbar?“

Trump antwortete: „Man sollte Putin gegenüber fair sein, Sie sagen, er hat Menschen getötet. Das habe ich nicht gesehen. Sind Sie in der Lage das zu beweisen? Kennen Sie die Namen der Reporter, die er getötet hat? Denn ich war – wissen Sie, Sie haben davon gehört, aber ich habe den Namen nicht gesehen. Also ich würde das für verabscheuungswürdig halten, wenn es so wäre, aber ich habe keinerlei Beweis gesehen, dass er irgendwelche Reporter getötet hätte.“

Stephanopoulos_Trump

Trump hätte bei Stephanopoulos auch einen Herzinfarkt auslösen können, wenn er gesagt hätte, dass das amerikanische Militär im Verlauf der Kriege der letzten Jahrzehnte für die absichtliche Tötung von vielen Journalisten verantwortlich war. Beispielsweise die kaltblütige Ermordung von zwei Reuters-Journalisten im Irak, es gibt das Wikileaks 2007 Video, enthüllt von Chelsea Manning. Oder die Luft-Boden-Rakete 2003 in das Büro von Al Jazeera in Bagdad, drei tote Journalisten und vier Verwundete. Oder der amerikanische Angriff in Bagdad auf das Hotel Palestine im gleichen Jahr bei dem zwei ausländische Kamerareporter getötet wurden.

Stephanopoulos hat bei diesem Gespräch tatsächlich folgendes über die Lippen gebracht: „Aber welche Tötungen hat die Regierung der Vereinigten Staaten denn begangen?“

Haben denn die amerikanischen Sender nicht irgendeinen Intelligenztest für ihre Moderatoren? Ein Übertrittszeugnis von Viertklässlern würde die Sache vielleicht verbessern.

Der prominente MSNBC Nachrichtensprecher Joe Scarborough war bei einem Trump-Interview ebenso verblüfft über Trumps Zuneigung zu Putin, den Trump als „klug und talentiert“ lobte. Scarborough sagte, Putin sei „noch so eine Person die Journalisten tötet, politische Oppositionelle, und er besetzt Länder. Das wäre doch Grund zur Sorge, nicht wahr?“

Putin „besetzt Länder“…Also da würde selbst ich keine Antwort herausbringen. Und wenn ich noch so fest überlege – mir wäre kein Land eingefallen, das die USA je besetzt hätten. (Anmerkung von Robert Parry: Sarkasmus beiseite, Blum hat in seinen Büchern eine umfassende Auflistung der US Invasionen und Interventionen zusammengetragen, etwa in Killing Hope: U.S.Military and CIA Interventions Since World War II).

Trump, Hut ab, antwortete: „Ich denke auch unser Land mordet reichlich, Joe, wissen Sie. Es passiert momentan ein Haufen Blödsinn auf der ganzen Welt, Joe. Es wird haufenweise gemordet. Ein Haufen Irrsinn. So ist es nun mal.“

Dass Putin Oppositionspolitiker ermordet, das würde in den amerikanischen Systemmedien normalerweise unangefochten durchgehen. Aber im April letzten Jahres habe ich sieben höchst suspekte Todesfälle von Gegnern der ukrainischen Regierung aufgelistet, einem Regime, das von den Vereinigten Staaten eingesetzt wurde und als Knüppel gegen Putin verwendet wird. Den amerikanischen Medien war das natürlich keine einzige Meldung wert.

Das kommt also dabei heraus wenn die völlig ahnungslosen amerikanischen Medien auf einen etwas weniger ahnungslosen Präsidentschaftskandidaten treffen. Ist die Demokratie nicht wunderbar?

Trump wurde auch dafür kritisiert, dass er sagte, kurz nach den Anschlägen am 11. September wären Tausende von Menschen aus dem Nahen Osten auf den Straßen von New Jersey mit Blick auf den Anschlagsort beim Feiern gesichtet worden. Eine absurde Bemerkung, für die Trump zu Recht kritisiert wurde. Aber nicht so absurd wie die US Systemmedien, die so tun, als hätten sie keine Ahnung, was Trump in seiner verworrenen Art damit gemeint haben könnte.

Man hat nämlich tatsächlich Menschen in New Jersey gesehen, die die Flugzeugeinschläge in das World Trade Center offenbar feierten. Aber das waren Israelis, und das würde alles erklären, was man über die Geschichte wissen muss, warum das nicht in den Schlagzeilen war und jetzt „vergessen“ ist oder falsch erinnert wird.

Am Tag der 9/11 Anschläge wurde der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu gefragt, was die Anschläge für die US-israelischen Beziehungen bedeuten würden. Die Antwort kam schnell: „Das ist sehr gut…also das ist nicht gut, aber es wird sofort eine Sympathie (für Israel) erzeugen.“ Im Internet gibt es viel zu den Israelis in New Jersey, sie waren für Monate in Polizeigewahrsam und wurden dann entlassen. Also auch darüber wissen die Nachrichtenpersonen der Systemmedien zu wenig und können ihr Publikum nicht aufklären.

Russische Propaganda?

Es gibt eine russische Webseite (inosmi = foreign mass media) die propagandistische, Russland hassende Artikel der westlichen Medien ins Russische übersetzen und veröffentlichen. Dort können die Russen mit eigenen Augen sehen, wie die westlichen Medien Tag für Tag über sie lügen.

In letzter Zeit gab es mehrere Artikel basierend auf Meinungsumfragen, die zeigen, dass die antiwestliche Einstellung in Russland zunimmt, und Schuld sei die „Propaganda Putins“. Das ist schon etwas seltsam, denn wer braucht schon Propaganda, wenn die Russen die westlichen Medien selber lesen können und aus erster Hand all die Lügen sehen, die über sie verbreitet werden und wie Putin dämonisiert wird.

Im russischen Fernsehen gibt es mehrere politische Talkshows, zu denen westliche Journalisten und Politiker eingeladen werden. In einer kommt häufig ein echt witziger amerikanischer Journalist vor, Michael Blohm. Der kaut ständig die westliche Propaganda durch und streitet mit seinen russischen Kollegen.

Ziemlich surreal, was er vor laufender Kamera an schlimmsten politischen Stereotypen eines Amerikaners präsentiert: arrogant, leichtgläubig und unwissend. Da steht er und belehrt hochrangige russische Politiker, „erklärt“ ihnen die „wahre“ russische Außenpolitik und die „echten“ Absichten hinter ihren Handlungen, die in Gegensatz zu ihren Worten stünden. Dieser Mann hat einen krankhaften Mangel an Ironie. Das anzusehen ist lustig, aber auch traurig und erschreckend.

Das Obige wurde mit Hilfe einer Frau geschrieben, die in der Sowjetunion aufwuchs und jetzt in Washington lebt. Sie und ich haben die amerikanische Außenpolitik bei vielen Gelegenheiten diskutiert. Wir sind uns ziemlich einig über das Zerstörungspotential und den Irrsinn.

Genauso wie im ersten Kalten Krieg ist eines der Grundprobleme, dass die exzeptionellen Amerikaner große Schwierigkeiten haben, zu glauben, dass es die Russen gut meinen. Apropos…da möchte ich daran erinnern, was über den verstorbenen George Kennan geschrieben wurde:

„Bei der ersten diplomatischen Mission im Winter 1933, nach der Durchquerung Polens in die Sowjetunion, war der junge amerikanische Diplomat George Kennan erstaunt, was er von seiner sowjetische Eskorte hörte. Außenminister Maxim Litvinov erinnerte an ein nahegelegenes Dorf in dem er aufwuchs, über die Bücher, die er las und seinen Jugendtraum, später Bibliothekar zu werden.

„Uns wurde plötzlich bewusst, zumindest mir, dass die Menschen, mit denen wir es zu tun hatten, Menschen wie wir sind,“ schrieb Kennan. „Sie wurden irgendwo geboren, sie hatten ihre Kindheitsträume wie wir. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als könnten wir einen Durchbruch erzielen und diese Menschen mögen.“

Dazu ist es noch nicht gekommen.

Kennans plötzliche Einsicht lässt an George Orwell denken: „Wir sind jetzt so tief gesunken, da wird die Wiederherstellung des Offensichtlichen zur ersten Pflicht für intelligente Menschen.“


William Blum_democracy_300_470William Blum ist Autor, Historiker und ein namhafter Kritiker der US-Außenpolitik. Er ist der Autor von Killing Hope: U.S. Military and CIA Interventions Since World War II und Rogue State: A Guide to the World’s Only Superpower.