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ard_logoDie Türkei ist wahrlich kein Paradies für Journalisten. Aber liegt das nur an den rabiaten Methoden des Staates, der unbequeme Fragen mit Gefängnis oder extralegalen Hinrichtungen beantwortet oder auch daran, dass es dort – anders als in deutschen Main­stream­medien – überhaupt mutige Journalisten gibt?

Wer – wie die gleichgeschaltete deutsche Mainstreamjournaille – der Regierung, Eliten und Konzernen tagtäglich die Wäsche wäscht und als freiwilligem Bonus noch den Hintern küsst, der hat selbstverständlich nichts zu fürchten – weder in Deutschland, noch in der Türkei. Wer sich diesem systematischen Maulhurentum in Deutschland widersetzen würde, wer unbequeme Fragen stellt oder dem nachgeht, was die staatstragende Lügenpresse in vorauseilendem Gehorsam als „Verschwörungstheorien“ tabuisiert, der würde in Staats- und Konzernmedien nicht nur keine Karriere machen, sondern in kürzester Zeit Hartz4 beantragen müssen.

Es ist also – anders als in der Türkei, wo es auch echte, mutige Journalisten gibt – in Deutschland gar nicht nötig, Redaktionen von der Polizei verwüsten zu lassen, weil man in den sogenannten Leitmedien nahezu ausschließlich Hofberichterstatter und Büchsenspanner findet, deren Opportunismus und Servilität so weit geht, dass sie die eigenen Kollegen fertig machen, wenn die es wagen sollten, aus dem Korpsgeist der Berliner Paladine auszuscheren.

Ein Ranking der Pressefreiheit ist also immer auch ein Ranking des Maulhurentums und es besagt nicht nur, dass die türkische Regierung unbequemen Journalisten das Leben zur Hölle macht, sondern auch, dass es in der Türkei überhaupt einen unbequemen Journalismus gibt, der die Staatsmacht herausfordert.

Wie das systematische Maulhurentum in Deutschland aussieht, haben wir hier in über 1000 Beiträgen dokumentiert und man kann es erneut an einem Prachtexemplar der Propaganda und Desinformation festmachen, bei dem die Unterschiede zwischen deutschen Maulhuren und echten Journalisten besonders deutlich werden.

Es geht um die brisante Frage der Unterstützung der IS-Terroristen durch den türkischen Staat. Das russische Verteidigungsministerium hatte diesbezüglich eine große Pressekonferenz abgehalten, auf der Satellitenbilder präsentiert wurden, die die unter IS-Kontrolle stehenden Ölanlagen und Kolonnen von LKW zeigten, die das schwarze Gold in großen Mengen in die Türkei schaffen. Allein die Tatsache, dass diese Pressekonferenz in der deutschen Lügenpresse und den Staatssendern ARD und ZDF so weit es ging unter den Teppich gekehrt wurde, weil die Türkei ein NATO-Partner ist und deutsche Soldaten sich von dort aus am „militärischen Engagement“ gegen den IS beteiligen sollen, ist ausreichender Beleg für das systematische Maulhurentum der deutschen Journaille.

RadioEins_Tuerkei_IS519Noch einen Tag vor der russischen Pressekonferenz sendete der staatliche RBB am 1. Dezember in seinem Radio­pro­gramm „Radio Eins“ ein RadioEins_Tuerkei_IS1979Gespräch mit den ARD-„Korres­pon­den­ten“ Thomas Bormann in der Türkei und Bernd Großheim aus Moskau, in welchem beide die kurz zuvor von Vladimir Putin geäußerten Vorwürfe in Richtung Erdogan als „Gerüchte“ in Abrede stellten. Die Webseite ist mittlerweile gelöscht, aber den Mitschnitt haben wir gesichert.

Großheim: „… es gibt natürlich schon länger Gerüchte, dass es da Kontakte gibt zwischen der Daesh, dem Islamischen Staat, und der Türkei und das da möglicherweise Öllieferungen auch geflossen sind, aber jetzt werden diese Vorwürfe aus Moskau zum Beispiel nicht belegt, also es heißt, wir haben hier Beweise, dass es diesen Handel gibt, zwischen der Türkei und Daesh, aber wir verraten nicht, was es ist, diese Beweise, wir zeigen sie nicht….“

Frage: „Herr Bormann, warum ist sich Erdogan denn seiner Sache so sicher, [dass man ihm nichts nachweisen kann] aus Prinzip oder mit Berechtigung?“

Bormann: „Ich denke, mit Berechtigung. Es haben ja schon viele Journalisten versucht, genau aus diesen Gerüchten handfeste Beweise zu machen, aber alles, was man dabei herausbekommen hat, ist, dass die Terrormiliz Islamischer Staat sozusagen alte Handelsstrukturen genutzt hat, dass also das Öl irgendwohin geliefert wurde, wo es vom Osten Syriens schon immer hingeliefert wurde [und das macht keinen Unterschied, ob die Türkei das dem syrischen Staat oder dem IS abkauft, oder was?] zum Beispiel in den Irak und jetzt gibt es die Gerüchte, dass kurdische Zwischenhändler im Nordirak dann das Öl vom IS abnehmen, raffinieren und dann vielleicht über den Iran in die Türkei schicken. Aber so wie das hier in der Türkei behauptet wurde, dass Putin gesagt habe, er habe Beweise, dass da Konvois von Tanklastern direkt vom IS-Gebiet in Richtung Türkei fahren, diese knallharten Beweise gibts nicht – eben nur Gerüchte über diese Umweg und Zwischenhändlerrouten.“

Frage: „Aber es hieß doch vor Tagen, dass genau ein solcher Lasterkonvoi bombardiert worden sei und das wurde als militärischer Erfolg verbucht durch die Russen.“

Bormann: „Ja, das war aber, da möchte ich fast sagen, das war so eine Radio Eriwan-Meldung. Das stimmt im Prinzip, es wurden Lastwagen bombardiert, aber erstens hatten die kein Benzin geladen, sondern Zement und Holz, zweitens waren das keine türkischen Lastwagen, sondern syrische Lastwagen und drittens war es auch in einer anderen Gegend, wo gar nicht diese Ölförderungen sind, also es wurden zwar Lastwagen getroffen, aber die hatten überhaupt nichts mit ölschmuggel zu tun…“

Nun hat außer dem RBB auch niemand behauptet, dass diese Lastwagen etwas mit Ölschmuggel zu tun hatten, sondern mit Waffenschmuggel. Der Angriff, von dem hier die Rede ist, ereignete sich am 26. November in Azaz, Syrien, kurz hinter der türkischen Grenze. Ob es überhaupt die Russen waren oder doch syrische Kampfjets scheint nicht klar zu sein, allerdings hat die türkische Cumhuriyet unter Berufung auf syrische Quellen berichtet, dass es sich um einen Waffentransport handelte. Türkische Hilfsorganisationen haben jedenfalls dementiert, dass es einer ihrer Konvois gewesen sei, der dort bombardiert wurde.

„Gerüchte“, falsche Fährten und dann auch noch die Unterstellung, Russland hätte den Abschuss seines eigenen Kampfjets „provoziert“. Das ist dann für die ARD-Maulhure Großheim plötzlich plausibel…

Frage: „Herr Großheim in Moskau, welche Strategie verfolgt denn dann Russland mit der Türkei? Also wenn man jetzt die Verletzung des Luftraums in Betracht zieht, dann legt das ja fast nahe, dass die Eskalation bewusst in Kauf genommen wurde.“

Großheim: Das kann durchaus sein. Viele sagen, dass ist möglicherweise eine Art Testballon gewesen, wie weit man gehen kann. Es gibt auch Theorien, das zum Beispiel das ein…ja ein Testballon ist, wie weit man gehen kann, was die NATO angeht… äh zum Beispiel. Da gibts ja auch schon seit einiger Zeit immer wieder Grenzverletzungen auch von russischer Seite im Baltikum zum Beispiel oder in anderen Gegenden und da gibt es eben diese Theorie, Testballon für die NATO, um sie womöglich auseinanderzudividieren….“

Wie gesagt, so klingt ein Staatsfunk, wie ihn Erdogan sich erträumt, einen Tag vor der russischen Pressekonferenz, die dann am selben Abend in ARD und ZDF totgeschwiegen wurde.

Im WDR-Hörfunk ist es Markus Sambale, der am Abend nach der Pressekonferenz in den „Berichten von heute“ um 23:30 Uhr auf WDR2 und NDR die von Russland vorgelegten Satellitenbilder und -videos relativiert und infrage stellt:

Sambale: „Landkarten aus dem syrischen Grenzgebiet, Videos von LKW-Kolonnen und Satellitenfotos von angeblichen Tanklagern, präsentierte das russische Verteidigungsministerium heute in einer seiner seltenen Pressekonferenzen. Das Alles seien Belege für die drei wichtigsten Routen von Öltransporten aus dem IS-Gebiet in die Türkei, hieß es. Zwar wurde eine Fülle von Dokumenten vorgelegt, doch eindeutige Beweise waren nicht zu erkennen. Auch die Echtheit der Bilder läßt sich kurzfristig nicht überprüfen. Erdogan hatte ähnliche Vorwürfe, die Russlands Präsident Putin gestern geäußert hatte, zurückgewiesen.“

Will Sambale hier suggerieren, das russische Verteidigungsministerim habe die Bilder und Videos gephotoshopped oder handgemalt? Was gibt es an der „Echtheit“ von Satellitenbildern und Videos zu zweifeln, die Hunderte oder insgesamt Tausende LKW und Kolonnen im Grenzgebiet zur Türkei zeigen? Stehen die „in Wahrheit“ irgendwo in Sibirien, nur um Erdogan ans Bein pinkeln zu können, oder was soll hier insinuiert werden?

Wie gesagt, Erdogan wäre glücklich, wenn er nur solch willige Knechte wie Sambale, Bormann oder Großheim hätte, aber es gibt in der Türkei eben auch mutige Journalisten, die seine Machenschaften seit Wochen, Monaten und Jahren aufdecken und dafür reihenweise ins Gefängnis wandern oder gar ermordet werden.

Ausgerechnet die 3sat-„kulturzeit“, die noch am Montag behauptet hatte, der Westen habe bisher beim Krieg in Syrien nur zugeschaut, sendete dann am Dienstag den gekürzten und leicht geänderten Bericht des türkisch-stämmigen Journalisten Halil Gülbeyaz der die Machenschaften Erdogans, seinen Waffenschmuggel nach Syrien und die Unterdrückung der Presse schonungslos aufdeckte. Den kompletten Bericht, der in einer längeren Version am Sonntag im ARD-Magazin ttt ausgestrahlt wurde, gibt es hier auf YouTube.

Normalerweise strahlt die 3sat „kulturzeit“ komplette und identische Wiederholungen ausgewählter Berichte von ttt aus. In diesem Fall wurde der Teil über die russische Pressekonferenz komplett entfernt und der gesamte gesprochene Text hinter dem Bericht mit einigen Änderungen neu eingesprochen. Ein Narr, der denkt, da hätte nach der ttt-Sendung ein Telefon geklingelt!

ttt_06122015_Türkei_IS_Pressefreiheit

Bild anklicken, YouTube!

Hier ein kurzer Ausschnitt, dessen Inhalt man problemlos auf das oben geschilderte Bombardement bei Azaz übertragen kann. Dass weder Syrien noch Russland teure Bomben auf Zementtransporter oder echte Hilfskonvois abwerfen, dürfte einleuchten. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass man auch im Falle Azaz Geheimdienstinformationen über einen Waffenschmuggel hatte:

„Schon im Januar 2014 (sic!) wurden drei LKW nahe der syrisch-türkischen Grenze angehalten. Beladen angeblich mit Babynahrung für Kriegsopfer – wie zynisch! Denn bei der Durchsuchung entdeckten Sicherheitskräfte hochwertiges Kriegsmaterial für Islamisten. Hunderte von Raketen und Granaten. Hatte jemand den Kontrolleuren einen Tipp gegeben? Die Begleiter der Fracht, die festgenommen wurden, waren nicht irgendwelche Leute, sondern türkische Geheimdienstler…“ (youtube)

Januar 2014! Und davon will der Türkei-Korrespondent Bormann nichts gehört haben? Alles nur „Gerüchte“? Erdogan hat damit nichts zu tun, wenn der türkische Geheimdienst Waffen nach Syrien schmuggelt? Und was ist wohl die Gegenleistung? Oder liefert der Sultan aus Barmherzigkeit und rein machtpolitischem Kalkül? Das sind die Fragen, die deutsche Journalisten stellen würden, wenn sie eben nicht die servile Maulhuren wären, die sich auch ein Erdogan wünschen würde.