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ard_logoDie Verbrecher in den westlichen Medien, die in den letzten Jahr­zehnten die publizistisch-bellizistische Vorhut für kolo­nia­lis­ti­schen Krieg und Massenmord in islamischen Staaten von Afrika über den Nahen Osten bis Asien bildeten, haben ein echtes Problem, ihren Konsumenten die Tatsache zu erklären, wie es kommen kann, dass Menschen – insbesondere junge, die im westlichen Kulturkreis aufgewachsen und sozialisiert sind – zu gewalttätigen Fanatikern werden.

Hieß es in den ersten Tag nach dem Anschlag von Paris, soziale Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit bildeten den Nährboden für Radikalisierung und Terror, so hat man nun eine neue, noch irrwitzigere Theorie parat, wonach es „Abenteuerlust“ ist, die westliche Teenager in die Arme islamistischer Fanatiker, in Kriegsgebiete oder gar zu terroristischen Selbstmordanschlägen treibt.

ARD tagesthemen 19.11.2015 (ab: 10:30min)

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Julie Kurz: „Es ist die Suche nach etwas, nach Halt, die Tausende junge Leute in die Arme der Islamisten treibt. Die nutzen professionelle Propagandavideos im Netz, um Faszination von einer anderen Welt – einer Utopie – zu wecken. Das kommt an, bei einer Generation, die viel Zeit in den sozialen Netzwerken verbringt. Sasha Havlicek forscht zu dem Phänomen, dass sich immer mehr minderjährige Muslime Terroristen anschließen.“

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Sasha Havlice:„Es ist ganz klar eine Gegenkultur unserer Zeit und das hat auch viel mit Jugendrebellion zu tun. Wenn man sich die Erzählungen der Teenager anschaut, die nach Syrien gehen, dann sieht man, dass sie zum einen immer jünger werden und dass sie auch eine Art Abenteuerlust haben.“

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Julie Kurz: Abenteuerlust, die im Krieg endet und aus Teenagern Attentäter macht.

Dass das privatfinanzierte „Institute for Strategic Dialog“, für das Havlice arbeitet,  sich selbst als Think Tank sieht, „der für die herrschenden Eliten länderübergreifende Antworten auf geostrategische Fragen erarbeiten“ will, um Europas Handlungsfähigkeit und Einfluss auf der Weltbühne zu stärken“, verwundert nicht. Die naive Erklärung, die man den Propagandamedien hier mit vorgetäuschtem wissenschaftlichen Unterboden liefert, dient – genauso wie das vorgeschobene Narrativ von den sozialen Missständen – der gezielten Ablenkung von den tatsächlichen Motiven der Täter, die in einer verbrecherischen Politik des Westens in der islamischen Welt zu suchen sind.

Die Parallelen zu den 60er und 70er Jahren, als sich westliche Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Vietcong-Führer Ho-Chi-Minh solidarisierten und der Terror der RAF sich aus verbrecherischer westlicher Politik vom Iran bis Vietnam speiste, sind offensichtlich. So wie die 68er keineswegs vorwiegend einer sozialen Unterschicht angehörten und wohl nur in Ausnahmefällen von simpler „Abenteuerlust“ getrieben waren, so ist es auch heute die Empörung über westliche Verbrechen und ein irregeleitetes Gerechtigkeitsempfinden, das junge Menschen zu Tätern werden lässt.

Der Grund für diese gezielten Irreführungen liegt in der Angst der westlichen Verbrecher und ihrer medialen Frontsoldaten, dass noch mehr junge Menschen sich dem IS anschließen könnten, wenn man dessen wahre Motive öffentlich und somit verständlich machen würde. Diese Angst kommt in einem aktuellen Artikel von Yassin Musharbash zum Vorschein, wenn er schreibt:

Im Februar dieses Jahres veröffentlichte der „Islamische Staat“ ein Video, in dem die Dschihadisten dokumentierten, wie sie einen jordanischen Piloten bei lebendigem Leibe verbrannten…

Wie gehen Journalisten mit solch einer Veröffentlichung um? Wie sollten sie damit umgehen?

In vielen westlichen Medien wurden – darüber hinausgehend – zwei weitere Aspekte festgehalten: Dass es sich bei dem Film erstens um Propaganda handle, was eine Art Warnhinweis für die Konsumenten darstellen sollte; und dass zweitens der Mord an Al-Kasasbeh eine Eskalation, einen neuerlichen Höhepunkt der Grausamkeit im Vorgehen des „Islamischen Staates“ markiere – was einer ersten Einordnung oder Bewertung gleichkam. CNN etwa nannte es „das bislang brutalste“ Video des „Islamischen Staates“.

In kaum einem Bericht wurde derweil wiedergegeben, wie der „Islamische Staat“ seine spezifische Mordmethode eigentlich begründet hatte: Damit nämlich, dass al-Kasasbeh als Kampfpilot, der Bomben abwirft, auf genau dieselbe Art und Weise Menschen getötet habe – auch er habe Menschen, die eingesperrt gewesen seien, dem Feuertod anheim gegeben. Seine Hinrichtung durch Verbrennung stelle mithin eine angemessene Form der Vergeltung dar.

Wäre es sinnvoll gewesen, diese Information mitzuteilen, in die Artikel aufzunehmen? Gewiss war die Begründung des „Islamischen Staates“ doch auch Teil der Propaganda?! Und wenn ja: Warum sollte man dem „Islamischen Staat“ zugestehen, auch noch seine Rechtfertigung für solch einen abscheulichen Mord weiterzuverbreiten? So haben offenbar viele Journalisten gedacht – und sich entschieden, an dieser Stelle eine Grenze zu ziehen…

Gezielte Desinformation, aus Angst, dem „Feind“ in die Hände zu spielen, indem man seine Motive öffentlich macht. Dazu braucht es keine staatliche Zensur, denn die Medienbüttel wissen genau, was von ihnen erwartet wird. Wer wahrhaftig informieren würde – und dazu zählt die Information über die Motive des „Feindes“ – der würde ziemlich schnell Probleme bekommen und genauso als „Terrorversteher“ diffamiert, wie man das von den „Putinverstehern“ kennt.

Wenn hingegen Frankreich lautstark „Vergeltung“ ankündigt und mit der Bombardierung Rakkas auch ausübt, dann können genau die gleichen Propagandamedien nicht oft genug darauf hinweisen, dass dieses Morden seine „Berechtigung“ hat. Dass junge Franzosen sowohl aus sozialer Perspektivlosigkeit und Abenteuerlust zum Militär gehen, um dann staatlich sanktioniert zu morden, spielt hierbei medial selbstverständlich keine Rolle.

Die ganze Wahrheit aber ist: Der Terror, der heute aus den verheerten islamischen Staaten zurück nach Europa schwappt, wurde vom Westen zuvor in die islamischen Staaten getragen. Soziale Missstände oder Abenteuerlust, die jetzt aus den dargelegten Gründen in den Vordergrund gerückt werden, spielen nur eine untergeordnete Rolle, wenn sich junge Muslime radikalisieren, zur Waffe greifen oder sich in die Luft sprengen. Dass ein den Geheimdiensten bekannter Verbrecher wie Abdelhamid Abaaoud monatelang ungehindert durch Europa und nach Syrien reisen konnte, um dort ganz im Sinne westlicher Politik ungehindert Syrer abzuschlachten, kann in diesem Kontext nur so erklärt werden, wie man auch den jahrelang unbehelligten Terror des NSU erklären kann: Er war gewollt und man ließ ihn gewähren.