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Angstmacherei und wie wichtig es ist, die Massen über die wahre Agenda im Dunkeln zu lassen

Von Russell O’Phobe an alle Journalisten, die an Geschichten mit Russland-Bezug arbeiten.

von                                                   Übersetzung FritztheCat

Liebe Freunde und Kollegen,

Zu Beginn meines Schreibens möchte ich auf einige erfolgreiche Geschichten hinweisen, die wir in den vergangenen Wochen gelesen haben. Es folgt danach eine nach meiner Einschätzung notwendige Warnung zu den vor uns liegenden Herausforderungen.


Ich muss sagen, dass ich persönlich ganz besonders erfreut bin, dass sich so viele von Euch so aufmerksam an meine Regeln des Mediengrundkurses Teil 1 hielten (Die kunstvolle Anfertigung einer Gruselgeschichte über Russland). Dasselbe gilt für meinen letzten Brief (Die Wiedererlangung der Medienhoheit). Unser Mediengrundkurs war eindeutig erfolgreich und es scheint, als würden viele meiner Punkte voll angenommen. Das haben wir Euch zu verdanken.

Ich möchte gerne ein Beispiel herausgreifen. Wir können alle davon lernen. Die Huffington Post lieferte vor kurzem ein wunderbares Stück mit der Überschrift: „Was würde passieren falls Russland das transatlantische Seekabel durchtrennt?“ (FAZ, BILD, WELT, N24, …) Ein großartiger Anfang, findet Ihr nicht? Panik? Jawohl! Eine verstörende Frage ohne jeden Wahrheitsgehalt? Jawohl! Davon ausgehen, dass die Russen so unaussprechlich finster sind, dass sie das Internet lahmlegen würden? Jawohl! Die perfekte Überschrift um eine Gruselgeschichte zu beginnen.

Die gesamte Geschichte ist ein kunstvolles Meisterwerk. In meinem Grundkurs habe ich darauf gedrungen, immer wieder die U-Boote in die Geschichten einzustreuen – das hat so einen Geruch von Kaltem Krieg – und ich habe Euch ermutigt, Sätze wie „es gibt eine zunehmende Besorgnis…“ zu benutzen. Also HuffPo hat meine Erwartungen dazu, wie man bestimmte Dinge hervorzaubern kann wenn man nachdenkt, übertroffen. Ein Beispiel:

„Jüngste Berichte legen nahe, dass am Grunde des Ozeans etwas Bedrohliches vor sich geht. Gemäß Quellen im US-Geheimdienst gibt es zunehmende Befürchtungen, dass Russland in der Lage sein könnte, das weltweite Internet lahmzulegen…Einige deuten sogar an, dass diese mysteriösen Tiefsee-Aktionen der Beginn eines „Neuen Kalten Krieges“ sein könnten.“

Kapiert? Jüngste Berichte! Von wem? Steht nicht drin. Warum nicht? Nicht nötig! Sind die Quellen glaubwürdig? Wen interessiert das! Ihr seht wie es läuft? Man spinnt sich etwas im Kopf zusammen – wie wär’s damit: die Russen haben eine Technik erfunden, wie man bei bestimmten Personengruppen geistige Krankheiten hervorruft – jetzt muss man nur noch auf andere „Berichte“ verweisen und ein paar zugkräftige Phrasen einbauen, z.B. „mysteriöse Aktionen“ oder „finstere Züge“, und schon habt Ihr eure Geschichte!

Wie wäre es damit?

„Beunruhigende Berichte deuten darauf hin, dass tief unter dem Kholat Syakhl – dem ‘Berg der Toten’ – Russland unter Wladimir Putin seit Jahren WMDs – Massendepressionswaffen entwickelt. Diese Waffen können anscheinend aus bis zu 1.500 km Entfernung bei Menschen im Westen eine Massendepression auslösen. Man hält es für möglich, dass dies eine Erklärung für die ständig zunehmenden Depressionen und sogar Demenz im Westen sein könnte. Quellen aus dem US-Geheimdienst blablabla…“ Fertig.

Aber zurück zum Internetkabel-Schlitzen. Wir haben in der Redaktion schon etwas geschmunzelt als wir das hörten. Denn die Frage, was passiert, falls Russland das transatlantische Datenkabel durchtrennt, hat eine einfache Antwort: sie würden sich ins eigene Fleisch schneiden. Wir könnten zumindest unsere Erzählweise ungehindert von diesen nervtötenden Bürgern verbreiten, die ständig unsere Erzählung in Frage stellen. Mmmh, eigentlich gar keine schlechte Idee. Kabel durchtrennen. Schiebt es den Russen in die Schuhe. Und Schluss mit dem armseligen Internet, in dem auch noch unsere Geschichten bestritten werden! Muss den Vorschlag demnächst einmal den Jungs beim GCHQ vorlegen.

Zum Thema Telekommunikation – übrigens ist es immer gut, etwas wie „die barbarischen Russen machen sich an moderner Technologie zu schaffen“ in Eure Stücke einzubauen – es gibt da eine andere Sache die sehr schön zeigt, was wir alles machen können. Und auch wie wir damit durchkommen.

Ihr erinnert Euch noch an den Hackerangriff auf das britische Telekom-Unternehmen TalkTalk im Oktober? Als ich davon zum ersten mal hörte, schossen mir schon Schlagzeilen durch den Kopf, wie die Geschichte präsentiert würde: „Steckt Putin hinter dem TalkTalk-Hack?“ „Russland wird hinter dem Telekom-Hack vermutet“. Oder mein Favorit – besonders für die Boulevardpresse: „Putins Crack Hacks in Max Attack“. Die Überschriften schreiben sich praktisch von alleine.

Aber dann habe ich in den MSN Nachrichtenticker geschaut und was muss ich lesen? „Islamische Dschihadisten bekennen sich zu Cyber-Angriff“. Wisst Ihr, das macht mich fuchsteufelswild. Eine Steilvorlage und wir versemmeln sie. Konnte nicht wenigstens einer daran denken, eine russische Verwicklung einzubauen, Himmel, Arsch und Zwirn?

Aber dann – man glaubt es kaum – klickte ich diesen Artikel an und sehe: „TalkTalk Cyber-Angriff: islamische Dschihadisten aus Russland bekennen sich zu Cyber-Angriff“. Liebe Leute, ich gestehe, so habe ich selten lachen müssen. Es treibt mir sogar jetzt noch die Tränen in die Augen. Da bomben die in Syrien die islamischen Dschihadisten in Stücke, um sie daran zu hindern, nach Russland zurückzukommen und dieses Genie von Überschriften-Erfinder schafft es mit einem Tiefschlag, dass es für Nichteingeweihte und Ahnungslose aussieht, als würde Russland islamische Dschihadisten beherbergen, die britische Telekom-Firmen hacken.

Zuerst dachte ich: besser wird’s nicht. Aber dann besuchte ich nochmal HuffPo und las Folgendes:

„Der Cyber-Angriff auf TalkTalk, der womöglich 4 Millionen Kunden im ganzen Land betrifft, könnte von einer Gruppe islamischer Dschihadisten verursacht worden sein. Das sagte ein früherer Detektiv der Londoner Einheit gegen Cyberverbrechen. Gegenüber dem BBC4-Radio sagte Adrian Culley, die Eindringlinge hätten vorige Nacht eine Botschaft online gestellt, in der sie behaupten, Teil einer in Sowjetrussland stationierten islamischen Gruppe zu sein.“

Jaa, da steht wirklich „Sowjetrussland“. Meine Kollegen mussten mich festhalten, sonst wäre ich vom Stuhl gefallen. Die Zeile mit „Sowjetrussland“ stammt offensichtlich aus dieser veröffentlichten Email eines Halb-Analphabeten:

„Wir haben uns den Sicherheitsmaßnahmen des Webs angepasst. Wir sind unaufhaltsam. Wir haben unsere Spuren durch Anonymisierungstechniken verwischt, Unterhaltungen verschlüsselt, private Email-Schlüssel, gehackte Server. Wir werden unseren Kindern beibringen, das Web für Allah zu benutzen…Eure Hände werden mit Blut bedeckt sein…Der jüngste Tag ist nah. Unser wichtigster Kindername ist Mohammed. Wir werden eure Frauen übernehmen. Eure Kinder werden von uns getötet werden, denn sie sind Sch… auf Erden. Wir sind in Sowjetrussland und in der Nähe, eurem Europa, wir kontrollieren Asien, wir kontrollieren Amerika. Bereitet Euch vor, sichert eure Webseiten, sichert eure Grenzen, sichert eure Länder, aber unser Dschihad wird zu Euch kommen!“

Respekt vor dem Journalisten und seinem Redakteur für ihre Tapferkeit und den Einfallsreichtum, eine solche Email als ernsthafte Grundlage für einen Bericht zu verwenden und nicht als durch und durch absurdes Gesabbel einzustufen. Der Knaller ist natürlich, dass die Polizei seitdem mehrere Menschen wegen des Cyberangriffs verhaftet hat, darunter einen 15-Jährigen – aber nicht aus Sowjetrussland, sondern – aus Nord-Irland. Sein Name ist Wladislaw Michailowitsch O’Donnell :)

Scherz beiseite, ich muss nochmal ernst werden. Solche Geschichten sind toll und sie dienen gleich zwei Zwecken. Ein ganzes Land und seinen Führer durch haltlose Panikmacherei zu dämonisieren und gleichzeitig unsere Leser wie Vollidioten zu behandeln. So soll es sein, aber wir müssen aufpassen. Schaut Euch dieses Stück aus dem „Daily Star“ an, da steht mitten unter dem ganzen Tratsch und Klatsch plötzlich: „Exklusiv: Europa wappnet sich gegen eine russische Invasion. Putin massiert Truppen an der NATO-Grenze“.

Nun, einerseits hatten wir es ja nie besser, wenn man solchen Unsinn schreiben darf. Aber andererseits bietet ein kurzer Blick in die Kommentare unter dem Artikel die Erkenntnis, dass immer mehr Leser aufwachen. Einige stellen schon die Frage, wo denn dieses „NATO-Land“ eigentlich sei, wo seine Grenzen sind und ob „Russland verlegt Truppen an die NATO-Grenze“ nicht besser beschrieben wäre mit „Russland besitzt Truppen in Russland“.

Versteht mich nicht falsch, ich habe überhaupt nichts gegen eine ordentliche Prise unehrlicher Panikmacherei – die wird es immer geben –, aber ich möchte Euch an die Grenzen erinnern. Es ist in Ordnung über eine nicht existente Bedrohung für Europa zu berichten, wie wenn Russland kurz vor dem Einmarsch stünde, denn Ihr wisst ja, keiner kann beweisen, dass sie nicht vorhaben einzumarschieren. Aber ein echtes Problem – und da müssen wir wirklich vorsichtig sein – ist Syrien. Freunde, ich hoffe, Ihr wisst wie prekär die Lage ist. Wenn wir nicht aufpassen, könnten wir jederzeit auffliegen. Ich gebe Euch ein Beispiel:

Ihr erinnert Euch, als Moskau mit den Bombardierungen anfing, haben wir und unsere Freunde in der Regierung einen Klasse Job gemacht und der ganzen Welt erzählt, sie würden die falschen Ziele treffen – „moderate“ und Krankenhäuser (konnten wir keine Waisenhäuser unterbringen?), aber keine Terroristen. Aber diese Hundlinge in Moskau machten weiter und haben unseren Trick durchschaut: „Also, wenn Ihr denkt wir treffen die falschen Ziele, dann wisst Ihr ja vermutlich etwas über die richtigen Ziele, also sagt sie uns und wir werden diese Ziele treffen.“

Daraufhin folgte aus Washington, wir verstehen die Gründe gut, nur Funkstille. Ich muss gestehen, das verursachte bei mir eine Woche lang regelmäßige Schweißausbrüche und schlaflose Nächte. Es sah aus, als würde unsere gesamte Erzählweise kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Wenn jetzt schon der einfache Michel die Wichtigkeit der Fragen aus Moskau ahnt und dazu Washingtons stumme Antwort, und was das über die wahren Absichten Washingtons aussagt…da kann ja alles Ungeahnte passieren.

Dankenswerterweise – und ich bedanke mich bei Euch allen – ward Ihr im Großen und Ganzen klug genug, über diese ganzen unangenehmen Dinge zu schweigen und ich dränge Euch dazu, euch weiter an diese Regel zu halten. Wir müssen um jeden Preis verhindern dass die Realität der Lage unserer Erzählweise in die Quere kommt, nicht wahr? Denkt daran: Moskau nie im Zusammenhang zitieren. Berichtet nie korrekt über jene Sorte Mensch, die sie tatsächlich bombardieren. Und das Wichtigste, vermeidet jeden Eindruck, wir würden etwas anderes als ISIS bekämpfen und würden nur einen Scherbenhaufen bereinigen, den wir nicht angerichtet haben und den Moskau jetzt für uns nur noch schwieriger macht.

In meinem nächsten Brief gehe ich vielleicht noch näher darauf ein, was man tun und lassen sollte. Aber es geht mir schon viel besser, da ich mir das von der Seele geschrieben habe. Und vielleicht kann ich auch etwas besser schlafen und bekomme weniger Schweißausbrüche – jetzt wo ich Euch gewarnt habe, Vorsicht walten zu lassen.

Alle Gute
Russ


Mediengrundkurs Teil 1:
Die kunstvolle Anfertigung einer Gruselgeschichte über Russland

Mediengrundkurs Teil 2 :
Die Wiedererlangung der Medienhoheit