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Wiedererlangung der Medienhoheit nach der russischen Syrienintervention

Zur dringenden und sofortigen Verteilung an alle Auslandsabteilungen der Mainstreammedien – von Russell O’Phob (sic!)

von                                                Übersetzung FritztheCat

Mark Toner aka. Russell O’Phobe Pressesprecher des US State Departement

Liebe Freunde und Kollegen,

Ihr erinnert Euch an meinen Mediengrundkurs vom September, die kunstvolle Anfertigung einer Gruselgeschichte über Russland? Ich halte es für geboten, mich erneut an Euch zu wenden, um sicherzustellen, dass noch alle an Bord sind. Und um Euch das Vertrauen und die Werkzeuge zu geben, unsere Geschichte weiterzuspinnen. Viele von uns arbeiten schon seit ca. zwei Jahren hart daran, sie unters Volk zu jubeln.

Kein Zweifel, wir haben viel erreicht. Ich weiß, dass viele von Euch hart arbeiten, damit der Leser seine tägliche Dosis an Berichten über „russische Aggression“ und „russische Invasionen“ bekommt. Und so lange die Russen nirgends einmarschiert waren – sei es in der Ukraine oder im Baltikum oder auch sonst wo – konnten wir der Welt aber auch alles erzählen. Dass sie in die Ukraine einmarschiert seien, oder dass sie kurz davor stünden, in Litauen oder Polen einzumarschieren. Das war lustig – damals. Meine Abteilung führte eine Liste darüber, welche Zeitung die meisten Ukraine-Invasionen bot. Ich weiß, man soll nicht prahlen, aber wir waren mit insgesamt 57 der Sieger.

Aber natürlich hat sich die Lage in den letzten drei Wochen dramatisch verändert. Womöglich auf eine Art und Weise, die wir uns gar nicht vorstellen können. Offen gesagt ist die Lage jetzt nicht mehr ganz so verrückt. Ich denke man kann sagen, dass wir in den letzten drei Wochen in Gefahr liefen, unsere Story komplett zu vermasseln und es scheint mir – ich bitte um Entschuldigung falls ich falsch liegen sollte – dass eine echte Verwirrung darüber herrschte, wie wir die Lage wieder hinbiegen können. Völlig verständlich. Schaut, es ist eine Sache, die Leser mit etwas wie „russischer Aggression“ zu erschrecken, wenn das russische Militär eigentlich gar nichts unternimmt. Aber was soll man tun, wenn sie tatsächlich damit anfangen, einer Terrororganisation das Lebenslicht auszubomben? Einer Organisation, der WIR seit einem Jahr angeblich das Lebenslicht ausbomben, aber ohne Erfolg?

Vor einem Monat habe ich Euch gesagt, wie wichtig es ist. Jetzt ist es doppelt – nein dreimal so wichtig. Entschuldigt meine Nervosität, aber der Einsatz ist hoch. Und ganz ehrlich: der Gremlin im Kreml hat uns alle miteinander in den letzten drei Wochen syrisch verarscht.

Bevor wir zu unseren positiven Möglichkeiten kommen, lasst mich eine Warnung aussprechen. Es ist zwar selbstverständlich, was ich sagen werde, aber ich sage es trotzdem, um sicher zu gehen: Bitte, bitte, bitte – keine Geschichten mehr über Invasionen in der Ukraine! Diese Story hat eineinhalb Jahre gut funktioniert, solange es keine Invasion gab. Aber jetzt sieht die Welt, wie es aussieht, wenn das russische Militär losschlägt. Ich denke, keiner kauft uns eine 58. Geschichte über eine Ukraineinvasion ab. Schreibt darüber am besten gar nichts.

Wie gehen wir also jetzt vor, nachdem diese Lümmel Jagd auf ISIS machen als gäbe es kein Morgen? Und unsere Seite läuft Gefahr, sich restlos zu blamieren. Zu den langfristigen Maßnahmen komme ich später. Kurzfristig bitte ich Euch, klaren Kopf zu bewahren und die Grundlagen korrekt anzuwenden.

Viele von Euch haben so gehandelt, und ich bin Euch dafür dankbar. Zum Beispiel hat der Gebrauch von vollkommen unbestätigten Behauptungen, die schnell wieder vergessen sind, in den letzten Wochen gute Dienste geleistet. Ich rede über Behauptungen, wie die von den Zivilopfern, sie kamen kurz vor den ersten russischen Luftschlägen. Ich weiß, ein paar von Euch haben bezüglich solcher Behauptungen noch Bedenken, aber dazu gibt es keinen Grund. Ob das wahr oder gelogen ist, das geht im Pulverdampf des Krieges schnell verloren. Keine Sorge, Ihr werdet keine Rechenschaft ablegen müssen. Auf der anderen Seite brennen sich solche Geschichten ins Langzeitgedächtnis des Lesers, viel länger als der Fälschungsbeweis der Gegenseite, also seid innovativ und kreativ mit diesen Geschichten.

Die Motive anzuzweifeln ist ebenfalls eine gute Praxis und es freut mich, dass so viel von Euch die Behauptung wiederholen, die Russen würden in Wahrheit gar nicht ISIS angreifen. Während ich das schreibe bin ich mir nicht mehr so sicher, wie lange wir mit der Geschichte noch durchkommen, wenn sie weiter ISIS angreifen.

Wir hatten auch einige Musterbeispiele zum Gebrauch der Anführungszeichen. Das freut mich besonders, da ich es in meinem ersten Mediengrundkurs ausdrücklich empfohlen habe. Zum Beispiel ein kürzlicher BBC-Artikel mit folgender Schlagzeile: Syrien-Krise: Russische Raketen aus dem Kaspischen Meer „fallen auf den Iran“. Wunderbare Verwendung der Anführungszeichen. Das ist Eure „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“-Karte, so könnt Ihr praktisch schreiben was Ihr wollt. Aber sollte doch irgendwann jemand Fragen zu Eurem Bericht stellen, dann hebt einfach die Arme und sagt: „Schießt nicht auf den Überbringer der Botschaft, Euer Ehren. Ich habe nur zitiert, das ist alles.“

Auch folgender Artikel ist bemerkenswert für seinen eloquenten Gebrauch von falschen Quellen, hier der Eingangssatz:

„Vier russische Lenkraketen aus dem Kaspischen Meer mit Ziel Syrien landeten im Iran, sagen ungenannte US-Offizielle. Es sei unklar, ob die Raketen Schaden verursachten, sagten sie.“

Meisterhaft, nicht wahr? Ungenannte US-Offizielle! Großartig! Kein Mensch weiß, wo diese Offiziellen arbeiten oder in was sie offiziell sind: Kann das Pentagon sein. Das kann aber auch der Landrat eines Kaffs in Wisconsin sein. Und sie können uns nicht sagen, wohin oder auf was diese Raketen gefallen sind. Spielt das eine Rolle? Wer immer diesen Artikel geschrieben hat, er weiß dass es noch eine Menge Leute da draußen gibt, die einer Phrase wie „US-Offizielle sagen“ noch Beachtung schenken und am Ende tatsächlich daran glauben, dass vier russische Raketen tatsächlich den Iran getroffen haben. Eine wunderbare Geschichte, nicht wahr? Das sind zwei Fliegen mit einer Klappe: der Leser glaubt, dass russische Militärtechnik der Müll aus der Sowjetzeit von 1955 sei. Und dass sie versehentlich Iran eins auf die Mütze geben haben.

Bevor wir zu den langfristigen Maßnahmen kommen bitte ich diejenigen unter Euch, die über die Syrien-Krise berichten, noch dringend darum, nicht zu viel Erklärung einzubauen. Ich sage das, weil wir uns sonst in Gefahr begeben, dass aufmerksamere Leser bemerken könnten, was wirklich passiert. Ich bin darüber in einem anderen BBC-Artikel gestolpert und ich fürchte, er gibt ein perfektes Beispiel, wie man nicht berichten sollte:

„Ein hoher Offizier der al-Nusra Front, mit Verbindungen zu al-Qaida und Kräften in dem Gebiet, gab an seine Rebellengruppen den Befehl, sich zu vereinigen und an allen Fronten einen koordinierten Gegenangriff zu starten. Er sagte, wenn die Rebellen die Initiative an das Regime und die Russen verlören, dann würden sie eine Serie von Rückschlägen einstecken und ihre Zukunft wäre ungewiss.“

Grundgütiger! Hat der Verfasser denn keine Ahnung, welche Erzählung die BBC verbreiten will? Schaut, seit die Russen mit der Bombardierung begannen, war es unsere Botschaft: sie bombardieren die „gemäßigten Rebellen“, richtig? Also wir wissen alle, dass es keine „gemäßigten Rebellen“ gibt. Und dass die von den USA ausgebildeten „gemäßigten Rebellen“ am Ende bei ISIS oder al-Nusra landen, richtig? Aber muss man jetzt denn wirklich den Begriff „Verbindungen zu al-Qaida“ verwenden, um die „Rebellen“ zu beschreiben? Ich bezweifle, dass der Durchschnittsleser zwischen Al-Assad, al-Nusra und Al Gore unterscheiden könnte. Aber den Begriff al-Qaida kennen sie, denn wir haben es ihnen 20 Jahre lang eingetrichtert, dass al-Qaida unser Todfeind ist. Was glaubt Ihr, was passiert, wenn es sich herumspricht, dass eine der Rebellengruppen „Verbindungen zu al-Qaida“ hat? Ich sage es Euch: sogar der dümmste Leser wird sich am Kopf kratzen und fragen: warum zum Teufel haben wir so ein Problem damit, dass die Russen jene Kerle bombardieren, vor denen man uns seit 20 Jahren warnt? Dieser leichtfertige Gebrauch von Begriffen muss aufhören! Oder die ganze Geschichte wird uns um die Ohren fliegen und dann sind wir unsere Jobs los!

Wie steht es also um die Langzeitstrategie? In dem oben von mir zitierten BBC-Beitrag findet sich etwas Interessantes, ich denke, wir könnten es uns zunutze machen. Unser Mann in Kiew, Poroschenko, wird folgendermaßen zitiert: „Russland will von Syrien bis zur Ukraine einen Gürtel aus Unsicherheit herstellen.“ Wenn so etwas von einem Politiker kommt, dann ist das eine Herausforderung für uns Journalisten. Also ich finde, wir sollten es nicht den Politikern überlassen uns großartige Geschichten zu erzählen – wir sollten es sein, die sie damit versorgen! Aber Herr Poroschenko hat uns allen mit seinem Gedanken und mit seiner wundervollen Phrase „Gürtel der Instabilität“ einen großen Gefallen getan.

Auf lange Sicht muss das unser Weg sein. Wir sollten ständig von „Instabilität“ und „Destabilisierung“ reden. Unsere Leser dürfen einfach nicht auf den Gedanken kommen, dass Russland dort reingeht, um das vom Westen angerichtete Chaos zu stabilisieren. Einige von Euch werden wahrscheinlich widersprechen und behaupten, das sei schwierig, weil es ja die NATO und nicht Russland war, die im Nahen Osten dauernd rumgefummelt hat. Das stimmt, aber es ist schnell wieder vergessen, und wenn wir das Mem vom „Gürtel der Instabilität“ eintrichtern könnten, vielleicht zusammen mit einem „Bogen aus Destabilisierung“, so schaffen wir es, glaube ich, wieder aus unserem Tief herauszukommen und die Welt dazu zu bringen, den Russen die Schuld an den von uns verursachten Problemen anzuhängen.

Ein Teil von mir stellt sich die Frage – ja, ich weiß, es ist eine hoch riskante Strategie – ob man vielleicht damit beginnen sollte, Gerüchte von „ungenannten Offiziellen“ zu verbreiten, dass die Russen insgeheim für jene falschen Geheimdienstinformationen verantwortlich seien, die die Amerikaner und die Alliierten dazu zwangen, gegen den Irak Krieg zu führen.
Damit könnte man auch gut einen altbewährten Spionagethriller fabrizieren, wenn denn einer so etwas schreiben will. Wenn wir es geschickt anstellen, dann können wir den Russen auch gleich das ganze Zeug anhängen: Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien (vielleicht sogar die Indianer?). Darüber dürft Ihr Euch gerne eigenen Gedanken machen.

Hier noch eine Idee für eine langfristige Geschichte, es ist die Erzählung vom Imperium. Wir sollten öfters davon Gebrauch machen. Ich fand es neulich in einem Interview mit dem Gremlin aus dem Kreml:

„Russland hat nicht die Absicht, ein Imperium zu erschaffen oder die Sowjetunion wiederzubeleben, aber wir müssen unsere Unabhängigkeit und Souveränität verteidigen. Das haben wir getan, und das werden wir in Zukunft tun.“

Ich habe sofort erkannt, wie man sein Dementi – mit einem kleinen Dreh – in das genaue Gegenteil dessen verdrehen kann, was er tatsächlich sagte. Es braucht nur zwei Anführungszeichen, und so habe ich meinen letzten Artikel übertitelt:

Putin: „Russland hat ’nicht die Absicht‘, die Sowjetunion wiederzubeleben“

Ihr seht, was diese zwei Anführungszeichen bewirken? Nicht nur glaubt der Leser jetzt, dass es seine Absicht ist, die Sowjetunion wiederzubeleben. Es erlaubt mir auch, in meinem Artikel wild drauf los zu spekulieren – mit Hilfe einiger „ungenannter US-Offizieller“ – wie er zuerst einen „Gürtel der Instabilität“ errichtet, von der Ukraine bis Syrien. Und dann belebt er die Sowjetunion wieder, dieses mal von Wladiwostok bis Dublin.

Macht weiter mit Eurer guten Arbeit! Vergesst die Grundlagen nicht! Passt auf, dass die Geschichte nicht kippt! Und seht zu, dass wir die ersten langfristigen Themen in Eurer Arbeit zu sehen bekommen!

Alles Gute
Russell