DemocracyNow_bannerVideointerview auf Democracy Now! mit David Talbot, Autor des neuen Buches „Des Teufels Schachbrett: Allen Dulles, die CIA und der Aufstieg von Amerikas geheimer Regierung“

Der Aufstieg von Amerikas geheimer Regierung oder
Das tödliche Vermächtnis des Ex-CIA-Direktors Allen Dulles

13.10.2015                                                         Übersetzung FritztheCat

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Amy Goodman: Es sind jetzt mehr als 50 Jahre vergangen seit Allen Dulles als CIA-Direktor zurücktrat. Aber sein Vermächtnis lebt weiter. Zwischen 1953 und 1961, während seiner Amtszeit, hat die CIA die Regierungen des Iran und Guatemalas gestürzt, ist in Kuba einmarschiert und war an der Ermordung von Patrice Lumumba beteiligt, Kongos erstem demokratisch gewählten Führer.

David_Talbot_Devils_Chessboard170Eine neue Biographie über Allen Dulles beleuchtet, wie seine Zeit bei der CIA mithalf, den gegen­wär­tigen nationalen Sicherheitsstaat zu formen. Der Biograph David Talbot schreibt: „Die Handlungen von Allen Dulles quälen das Land noch heute. Die Suche nach der amerikanischen Seele ist ein ständiger Kampf. Und viele Handlungen während Dulles Regentschaft bei der CIA tragen daran Schuld.“ Und weiter: „Experimente zur Ge­dan­ken­kontrolle, Folter, politische Morde, außer­or­dent­liche Über­stel­lun­gen (Anm.d.Ü.: Entführungen) und Massenüberwachung von US-Bürgern und Verbündeten – Dulles hatte all diese Werkzeuge in seinem Koffer.“

Nun, David Talbot ist jetzt bei uns, um über sein neues Buch zu reden, „Des Teufels Schachbrett: Allen Dulles, die CIA und der Aufstieg von Amerikas geheimer Regierung“
David ist der Gründer und frühere CEO und Chefredakteur von Salon. Er ist auch der Autor des Bestsellers „Brothers: The Hidden History of the Kennedy Years“.

Schön dass Sie bei uns sind, David.

David Talbot: Freut mich auch, Amy.

Amy Goodman: Ein erstaunliches Buch. Chelsea Manning, Edward Snowden – wie hängt das mit Allen Dulles zusammen, dem CIA-Direktor mit der längsten Amtszeit?

David Talbot: Wie ich in dem Buch schreibe und worauf Du eben hingewiesen hast, sind alle Praktiken, mit denen wir derzeit als Land kämpfen, die Geheimdienste, die Sicherheitsmaßnahmen – und ich darf die Schlachtfelder Zentralamerikas hinzufügen, von denen ihr vorheriger Gast sprach, in Guatemala und so weiter – all das hat seine Wurzeln nicht im 11. September, sondern in der Dulles-Zeit und dem Kalten Krieg. Er war ein Mann der dachte dass er über dem Gesetz steht. Er dachte, Demokratie dürfe man nicht den Händen des amerikanischen Volkes oder seiner Repräsentanten lassen. Er war Teil dessen, was der berühmte Soziologe der 50er, C. Wright Mills, die High Society der Macht nannte. Und er dachte, dass er und sein Bruder, und Leute dieses Schlags das Land führen sollten.

Amy Goodman: John Foster Dulles, Außenminister.

David Talbot: Genau. Sie waren natürlich ein dynamisches Duo: sein Bruder, Foster, wie sie ihn nannten, war Außenminister unter Eisenhower, und er war der Chef der CIA. Ein Doppelschlag.

Amy Goodman: Hören wir Allen Dulles mit seinen eigenen Worten, er spricht 1965 zur Verteidigung der CIA-Aktionen.

Allen Dulles: „Der Gedanke, dass sie (Anm.d.Ü.: die CIA) zwingend ruchlos sei, ständig mit dem Umsturz von Regierungen beschäftigt sei, dieser Gedanke ist falsch. Geschenkt. Aber es gibt Zeiten – es gibt Zeiten, in denen sich die US-Regierung mit Entwicklungen anderer Regierungen konfrontiert sieht. Wie die Situation in Vietnam, (sie) hat das Potential, die – die Sicherheit und die Geborgenheit und den Weltfrieden zu gefährden. Und dann bittet sie (Anm.d.Ü.: die Regierung) die Central Intelligence Agency, in dieser bestimmten Situation für sie zu handeln…Zu keiner Zeit hat sich die CIA mit irgendwelchen politischen oder geheimdienstlichen Aktivitäten beschäftigt, wenn es nicht von höchster Stelle genehmigt war.“

Amy Goodman: Das war Allen Dulles 1965. „Zu keiner Zeit“, sagt er. Also, erzählen Sie uns von der Geschichte, die so eng mit der heutigen verknüpft ist. Häufig kennen jene Länder, deren Führer gestürzt wurden, die Geschichte anders als sie die Amerikaner kennen.

David Talbot: Das stimmt.

Amy Goodman: ’53, ’54, erzählen Sie davon.

David Talbot: Und natürlich war Allen Dulles ein vollendeter Lügner und er hat, wie Sie wissen, sehr geschickt die Medien manipuliert, die amerikanischen Medien. Speziell in diesem Interview wurde er tatsächlich mit ein paar harten Fragen konfrontiert, von John Chancellor von NBC News. Und da hat er noch hinzugefügt: „Wissen Sie, ich versuche den Kongress darüber zu informieren was ich tue“. Das war auf Chancellors Frage: „Gibt es eine politische Aufsicht über die CIA?“. „Aber jedes mal wenn ich zum Kongress gehe“, sagt er (und jetzt plaudert aus dem Nähkästchen der CIA), würden die Kongressmitglieder sagen „Nein, nein, nein, wir wollen das gar nicht wissen. Am Ende plaudern wir noch etwas im Schlaf aus.“ Das war natürlich seine Ausrede.

Ja, Regierungen nach Belieben zu stürzen – ich denke, eine der tragischsten Geschichten des Buches ist die Geschichte von Patrice Lumumba. Er war dieser junge, charismatische Anführer, die Hoffnung auf einen kongolesischen Nationalismus. Und er wurde durch einen von der CIA unterstützten Militärcoup gestürzt, später gefangen genommen und brutal ermordet. Vor dem Church-Kommittee in den 70ern erzählte die CIA: „Ah, wir haben versucht, ihn zu töten, zu vergiften, aber wir sind eine Bande die nicht so zielsicher ist. Im Ermorden sind wir nicht so gut.“ Also das war viel zu bescheiden. In Wahrheit wissen wir jetzt, dass die Leute, die Patrice Lumumba zu Tode geprügelt haben, nachdem er geschnappt worden war, auf der Gehaltsliste der CIA standen.

Nun, Allen Dulles hat diese Tatsache vor John F. Kennedy über ein Monat lang verheimlicht. Während seiner Kandidatur war Kennedy ein Befürworter, ein Unterstützer des afrikanischen Nationalismus. Die CIA wusste genau: ist John Kennedy erst mal vereidigt und im Amt, dann würde er Lumumba helfen, der war zu der Zeit in Gefangenschaft. Und ich glaube dass seine Exekution, seine Ermordung, rasch passieren musste, bevor Kennedy ins Weiße Haus einzog. Diese Information wurde dann dem Präsidenten über einen Monat vorenthalten. Die CIA hat sich die ganze Zeit den Präsidenten widersetzt, besonders im Falle Kennedys. Sie dachten, er sei jung, man könne ihn manipulieren und man müsse ihn nicht wirklich ins Vertrauen ziehen.

Amy Goodman: Wir haben also die CIA, die international Nachrichtendienst betreibt. Und sie vertuschen – nun, Sie sagen sie vertuschen. Warum glauben Sie dass Kennedy nichts wusste?

David Talbot: Dass er von diesem Mord nichts wusste? Nun, es gibt eine berühmte Fotografie von ihm im Weißen Haus und er bekommt gerade einen Anruf – nicht von der CIA, sondern von UN-Botschafter Adlai Stevenson, der ihm schließlich diesen schrecklichen Mord mitteilt, einen Monat nachdem Lumumba tot und begraben war. Und sein Gesicht, wie Sie in dieser berühmten Fotografie von Jacques Lowe, dem Fotografen des Weißen Hauses, sehen können, ist von Leid zerfurcht. Ich denke es zeigt die schrecklichen Sorgen, die noch in Kennedys Präsidentschaft kommen werden. Wissen Sie: viele Menschen glauben,dass der Krieg zwischen Kennedy und der CIA mit der Landung in der Schweinebucht begann, diesem katastrophalen CIA-Unternehmen in Kuba. Stimmt, ich denke, danach wurde es besonders schlimm. Aber hier sieht man, dass sich die CIA, und zwar vom ersten Tag an, sogar vor seiner Amtseinführung, ihm widersetzt hat.

Amy Goodman: 1953, gehen wir ein paar Jahre zurück. Welche Bedeutung haben die Aktionen der Dulles-Brüder im Iran für das, was wir heute in den US-iranischen Beziehungen sehen?

David Talbot: Nun, es sind wieder einmal die historischen Nachwehen der Dulles-Ära. Der Iran versuchte gerade das Joch der britischen Kolonialisierung abzuwerfen. Großbritannien hat durch die jetzt unter dem Namen British Petroleum bekannte Firma die gesamten Ölressourcen kontrolliert. Und unter der Führung Mosaddeghs, dieses durch das Volk gewählten, beliebten Anführer, begannen sie, die britische Kontrolle einzuschränken. Und damit haben sie die westlichen Ölinteressen verärgert, einschließlich den Dulles-Brüdern. Die Macht der Dulles-Brüder stammt ursprünglich aus deren Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell, der mächtigsten Anwaltskanzlei der Wall Street, und die vertrat eine ganze Reihe von Ölfirmen. Sobald die westlichen Ölinteressen durch Mosaddeghs Versuche zur Wiedererlangung der Eigenständigkeit über die Ölressourcen gefährdet waren, waren seine Tage gezählt.

Und so wurde der Auftrag für den Umsturz der CIA übertragen, Allen Dulles. Es war eine sehr wackelige Situation, Menschen die auf der Straße Mosaddegh unterstützten, gegen die von der CIA unterstützten Kräfte. Der Schah, er war die natürlich die Marionette, der Herrscher über den Iran auf dem Pfauenthron, er ist geflohen, ein besonders tapferer Mann war er nicht. Er flieht nach Rom. Dulles fliegt nach Rom. Der Schah geht shoppen, er genießt das Exil mit seiner glamourösen Frau. Und Dulles hat den Auftrag, ihm etwas Rückgrat zu verpassen, damit der Schah wieder in den Iran kommt, sobald die CIA mit dem Umsturz des populären Führers Mosaddegh Erfolg hat.

Und danach begann eine Schreckensherrschaft im Iran. Demokratische Elemente, die Linke, die kommunistische Partei wurden zusammengetrieben, gefoltert. Und der Schah sitzt mitten in diesem furchtbaren, autokratischen Regime, das, wie wir wissen, während der Carter-Regierung furchtbar gescheitert ist. Und wir zahlen heute noch den Preis für die Bitterkeit des iranischen Volkes gegenüber den Vereinigten Staaten, weil wir uns in deren souveräne Angelegenheiten einmischen.

Amy Goodman: Und die USA machten weiter – die Dulles-Brüder machten im selben Stil weiter, im folgenden Jahr, 1954 in Guatemala?

David Talbot: Das ist richtig. Sie hatten einen Lauf. Sie dachten, sie könnten sich alles erlauben. Ihren Willen überall auf der Welt durchsetzen. Jacobo Arbenz, ein weiterer beliebter, demokratisch gewählter Anführer in Guatemala…

Amy Goodman: Wir haben nur noch zehn Sekunden für diesen Teil.

David Talbot: Der Kennedy von Guatemalas wird gestürzt. Wieder einmal von den Dulles-Brüdern. Zum Teil weil sie Repräsentanten von United Fruit (Anm.d.Ü.: heute Chiquita) waren. United Fruit war eine Großmacht in Guatemala.

Amy Goodman: Dabei belassen wir es, aber es wird noch einen zweiten Teil geben, und wir werden ihn auf democracynow.org einstellen.