Zweierlei Maß und Whataboutism

Man wird immer wieder mit den gleichen Sätzen konfrontiert. Stört man sich am Messen mit zweierlei Maß, wird einem schnell der Vorwurf gemacht, dass man ablenken möchte. Dem Vorwurf der Heuchelei wird mit einer schwurbeligen Verschwörungstheorie von einem kremlgesteuerten Whataboutism begegnet. Wagt man zum Beispiel auf massive Kritik an Russland den Einwurf „ja nun, die Amerikaner haben aber auch …..“ dann geht es los:

Nur weil die Amerikaner etwas tun, heißt das noch lange nicht, dass alle das dürfen.

Oder

Ja, die Amerikaner machen Fehler, das heißt doch nicht, dass es den Russen das Recht gibt, genauso zu handeln.

Oder

Wir reden über Russland und ihr kommt immer mit Amerika. Das hat doch damit nichts zu tun, ihr wollt nur ablenken.

Aber natürlich ist es so: wenn die „Führungsmacht“ der Welt etwas tut, dann hat das Signalwirkung. Man erinnere sich an „mit uns oder gegen uns“ beim Anti-Terror-Krieg. Die USA gehen voraus und alle folgen.
Und so ist es nun mal, wenn man rechtsstaatliche Prinzipien verinnerlicht hat: gleiches Recht für alle.
Das heißt ja nicht, dass ich russische Bomben sympathischer finde als amerikanische. Es heißt nur: wenn die Führungsmacht beispielhaft vorlebt, dass Völkerrecht, UN Charta und Menschenrechte optionale Einrichtungen sind, dass diese im eigenen Sinne interpretiert werden, dass diese als Waffe eingesetzt und zur Verteidigung ignoriert werden, dann hat das Wirkung.

Man kann nicht erwarten, dass alle sich an Regeln halten und selbst chronisch dagegen verstoßen. Solch ein Verhalten hebelt die Regeln aus. Dann muss man eben damit leben, dass auch andere sich nicht länger daran gebunden fühlen.

Warum deutsche Journalisten sich der Logik nicht nur verschließen, sondern auch all jene anfeinden, die es wagen, auf die eklatanten Unterschiede der Bewertungsgrundlagen für Handlungen verschiedener Regierungen hinzuweisen oder sich gar darüber echauffieren, erschließt sich mir nicht.

So hat man kein Problem damit, dass die USA 2013 erklären, das Budapester Memorandum sei kein rechtsverbindlicher Vertrag, sondern ein politisches Bekenntnis, und ein Jahr später Russland Verstöße gegen eben genau dieses Papier als Vertragsbruch vorwirft.

Ebenso ist es unproblematisch, dass entgegen der UN Charta (Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten) der US Kongress auch mal gerne die Regierung eines anderen Landes für abgesetzt erklärt.

Auch wenn die USA Rebellen unterstützen (Syrien) hält niemanden davon ab, sich darüber zu beklagen, wenn die Russen die Rebellen in der Ostukraine unterstützen.

Und es ist vollkommen selbstverständlich, dass die USA ihre Interessen verteidigen – empörend ist es, wenn die Russen das auch tun.

Nachdem Russland sich nun dazu entschlossen hat, in Syrien einzugreifen, wird der Empörungsjournalismus auf die Spitze getrieben.

Die Luftschläge der USA (und ihrer Freunde) waren meist nicht mal mehr eine Nachricht wert. Zivile Opfer gibt es bei Bombardements offenbar auch nur, wenn russische Geschosse einschlagen.

Dass es auch keinen mehr interessiert, dass man in Syrien ohne jede Legitimation bombt, das ist nur noch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des weltpolitischen Eisbechers.

Und deshalb kann ich Herrn Hitschler von der SPD auf seinen Ruf „Putin darf nicht bombardieren wen er will“ ganz entspannt entgegnen: doch, das darf er. Er darf das ganz genauso wie es die Amerikaner dürfen. Das ist eben das Problem, wenn man Maßstäbe setzt. Die gelten dann nun mal. Ich find es nicht schön, dass alles und jeder bomben und schießen darf, aber das ist nun mal die Welt in der wir leben.

Und weil es dem einen oder anderen so langsam zu dumm wird, baut man nun ganz auf Empörung und Verschwörung.
Keiner soll den Eindruck haben, Russland könnte irgendetwas gut machen, oder einfach genauso wie die Amerikaner.

Auf N24 hat man sich in den Nachrichten heute massiv darüber empört, dass die Russen Abwehrmaßnahmen ergreifen und die eigenen Einrichtungen und Flugzeuge in Syrien schützen. Man erläuterte, dass russische Kampfflugzeuge wie den „Luftüberlegenheitsjäger“ SU 27 oder Migs in Syrien nutzt. Das machen sie nicht etwa, um eigene Leute zu schützen, sondern weil sie so faktisch eine Flugverbotszone einrichten.

Süffisant wird dann gefragt: ja was befürchten die Russen, wer sie denn angreifen würde. Ja wer nur, in Syrien gibt es allerhand Möglichkeiten. Und dass die Russen sich absichern, so weit dies in einem Krieg überhaupt möglich ist, sollte man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen.

Ich jedenfalls haben das „versehentliche“ Bombardieren der chinesischen Botschaft in Ex-Jugoslawien nicht vergessen. Von dem man inzwischen weiß, dass es Absicht war, weil man die Überwachungsanlagen der Chinesen außer Gefecht setzen wollte.

Nein. Die Russen dürfen sich nicht schützen. Da steckt ein finsterer Plan dahinter.

Der wird auch von der Zeit im Artikel: „Putin baut seine Festung im Mittelmeer“ beschrieben.

„Im Spätsommer war das Ende des Diktators Baschar al-Assad absehbar. Er war belagert in Damaskus, eingekesselt in Aleppo und bedrängt in der Mittelmeerregion um Latakia. Seine Milizen waren demoralisiert und geschwächt. Russland rettet mit seiner Militärintervention am Boden, zu Wasser und in der Luft den alawitischen Diktator, dem der Sturz drohte oder zumindest der in Verhandlungen festgelegte Abschied von der Macht. Er ist noch mal davongekommen.”

Ich kann mich nun nicht so daran erinnern, dass das Ende von Assad in greifbare Nähe gerückt wäre. Ich muss die Nachrichten verpasst haben. Aber schön, dass die „Assad muss weg-Front“ eine Exitstrategie gefunden hat: wenn wir nun mit Assad sprechen müssen, dann nur, weil die Russen ihn halten und schützen. Sonst wäre der Mann schon längst Geschichte.

Interessant ist auch die Bezeichnung Milizen für die regulären syrischen Truppen.

Die Militärintervention der Russen „am Boden, zu Wasser und in der Luft“ finde ich hochspannend. Und ich dachte, dass Bodentruppen von Putin und der Duma ausgeschlossen wurden. Und ich dachte auch, in den Nachrichten nur von „Luftschlägen“ gelesen zu haben. Von Bodenoffensiven wurde bislang auch nicht berichtet. Aber der Autor hat bestimmt ganz tolle Quellen.

Aber der Höhepunkt dieses Abschnitts ist doch der „in Verhandlungen festgelegte Abschied von der Macht“. Da wird es spannend. Wer hat denn den „Abschied von der Macht“ Assads mit wem verhandelt?
Ist der selbstgefällige Ruf „der muss weg“ jetzt schon eine Verhandlung?

Und für alle die es nicht verstehen wollen wird auch gleich noch mal behauptet:

„Russische Truppen verstärken Assads Regimemilizen im Kampf gegen die Opposition, russische Boden-Luft-Raketen und Jagdflugzeuge könnten demnächst auch Fassbombenangriffe des Regimes gegen die Zivilbevölkerung absichern.“

Russische Truppen verstärken überhaupt nichts! Sie unterstützen vielleicht (und auch keine Milizen, sondern die syrische Armee), aber sie verstärken sie nicht. Das würde nämlich heißen: Russen in der syrischen Armee. Und das wird es nicht geben.

Die moralische Flexibilität des Autors kennt auch keine Grenzen, wenn er uns erklärt, was die Russen wirklich machen:

„Doch sagt Moskau nicht, es kämpfe gegen die Henker des sogenannten „Islamischen Staats“? Sicherlich. Russische Kampfjets werden in den nächsten Wochen bestimmt auch Stellungen von IS-Milizen bombardieren. Aber das hat nicht Priorität. Zunächst einmal geht es um die Gegner des Regimes ganz generell. Einige davon sind mit Saudi-Arabien verbündet, einige mit der Türkei, einige mit den USA. Dazu kommt die Nusra-Front, das lokale Franchiseunternehmen von Al-Kaida. Sie alle aber kämpfen auch mehr oder weniger gegen die IS-Schergen.“

Ja nun, also Al-Kaida, der grosse Feind, das organisierte Grauen. Jetzt ist es offenbar nicht mehr ganz so dolle schlimm. Um den syrischen Ableger (al-Nusra-Front) zu beschreiben, bedient man sich einer verbalen Verniedlichung „lokales Franchiseunternehmen“. Und der Kampf gegen Al-Kaida hat zu ruhen, denn die kämpfen ja auch gegen den IS, das hat Priorität.

Dem Autor dieses Machwerkes ist sicher nicht bewusst, dass er damit etwas fordert, das den IS überhaupt erst ermöglicht hat, sich so auszubreiten. Gute Feinde, Schlechte Feinde. Ja, Al-Kaida ist schlimm, aber wenn die auf IS schießen, dann schießen wir nicht auf sie. Das war der Gedanke beim IS: ach je, die sind schlimm, aber die schießen auf Assad. Also erst mal still halten.
Radikale Islamisten sind radikale Islamisten. Unter welcher Marke die gerade firmieren ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Und wenn man als Maßstab nimmt, wer von Saudi-Arabien unterstützt wird, der darf nicht angegriffen werden, dann hätte man Al-Kaida ja nie bekämpfen dürfen.
Ja und mal ehrlich: wenn sich die USA mit solchem Pack gemein macht, dann darf man nicht jammern, wenn jemand daherkommt und den gewalttätigen Marionetten der USA einfach mal die Fäden durchschneidet.

Übrigens wird auch die Türkei erwähnt. Dass die allerdings unter dem Vorwand den bisher – sagen wir mal – geduldeten IS zu bekämpfen vor allem die eigenen Interessen verfolgt und Kurden beschießt, das spielt keine Rolle mehr. Denn: der große Feind ist auf die syrische Bühne getreten. Was nun passiert, wird ganz und gar in der Verantwortung der Russen liegen. Egal was.

Das ist das Einzige das mich massiv ärgert: die Russen waren so klug, sich aus Irak, Afghanistan 2 und Libyen rauszuhalten. Und so gibt es für das Total-Versagen der westlichen Allianz keine Ausrede. In Syrien hat man nun den Sündenbock.

Der letzte Satz des Artikels mutet fast drollig an:

„Wer mit dem syrischen Regime reden will, braucht sich übrigens nicht mehr für alle Fragen mit dem aussätzigen Assad einzulassen. Die neue Telefonnummer für die alawitische Festung in Syrien beginnt mit 007 495 – das ist die Vorwahl von Moskau. Bei Beschwerden bitte anrufen.”

Wer eine Stellungnahme der Bundesregierung möchte, der musste sich noch nie auf die krätzige Merkel einlassen. Da war schon immer die 001-202 die richtige Vorwahl.
Allerdings sind Beschwerden völlig sinnlos. Denn wer sich beklagt, der bedient sich des „Whataboutism“ und ist ein Kreml-Troll.