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Ein scharfes BBC-Interview mit einem Saudi-Loyalisten zeigt die erste aller journalistischen Pflichten:
die Kontrolle der eigenen Seite

von                                         (Übersetzung FritztheCat)

Die andauernden Gräueltaten Saudi Arabiens und seiner „Koa­li­tions­part­ner“ strahlen machtvoll – und schreck­lich – auf die USA und Großbritannien aus. Nicht nur weil diese beiden Länder ganz allgemein zu den engsten Verbündeten des Saudi-Regimes gehören, sondern auch weil sie die saudischen Despoten großzügig mit Waffen und Geheim­dienst­er­kennt­nissen beliefern, die dazu benutzt werden, eine große Anzahl an jemenitischen Zivilisten zu töten.

Die amerikanische und die britische Regierung quellen nur so von Loyalisten für das saudische Regime über. Erinnert sich jemand, wie Präsident Obama einen Staatsbesuch in Indien (wo er ironischerweise Indien über religiöse Toleranz und Frauenrechte belehrte) buchstäblich beendete und nach Riad zum toten König flog, um ihm zusammen mit hochrangigen Vertretern beider Parteien die letzte Ehre zu erweisen?

bbc1399Einer dieser Loyalisten des saudischen Regimes, der konservative Abgeordnete Daniel Kawczynski, war Freitag abends bei BBC Newsnight zu Gast und wurde vom Moderator James O-Brien er­bar­mungs­los zur Unterstützung des sau­di­schen Kriegs im Jemen befragt. Und zur Unterstützung durch die britische Regierung und die privaten Rüs­tungs­firmen des Landes.

Der BBC kann man zu Recht alles mögliche vorwerfen, aber dieses Interview war ein Musterbeispiel dafür, wie Journalisten Politiker und andere Mächtige befragen sollten. Das ganze Interview ist sehenswert, O’Brien pocht mehrmals darauf, dass Kawczynski zu den Kriegsverbrechen des saudischen Regimes (das er unterstützt) Stellung bezieht. Aber ich möchte hier einen ganz bestimmten Punkt betrachten.

Jedes mal wenn er über die Kriegsverbrechen gefragt wird, die seine Regierung mit Waffen und anderem Gerät beliefert, ignoriert Kawczynski das Thema und will stattdessen wissen, warum die BBC nicht über die bösen Houthis berichtet, jene Rebellengruppe, die von den Saudis bekämpft wird und von denen die Saudis behaupten, dass sie vom Iran kontrolliert werden (fragwürdig). Ein ums andere mal fragt O’Brien nach der Rolle Großbritanniens bei den saudischen Kriegsverbrechen, und immer wieder versucht Kawczynski das Thema zu wechseln, warum die BBC nicht über den Iran und die Houthis berichtet. „Ihr bei Newsnight habt ein Programm, und niemand soll euch bei Eurer Berichterstattung in die Quere kommen. Euer Programm richtet sich gegen die Koalition der Golfstaaten…Warum zeigt Ihr keine Berichte von den Massakern…der Houthi-Stämme?“

Nach seiner Anmerkung, dass die BBC über Gewalt der Houthis berichtet habe, erklärt O’Brien einen Kernpunkt seiner Ausrichtung auf saudische Verbrechen:

„Es dreht sich nämlich bei dieser Untersuchung darum, ob Waffen von britischen Firmen womöglich bei der Ausübung von Kriegsverbrechen Saudi Arabiens beteiligt waren…die Houthis sind nicht unsere Verbündeten und nicht unsere Kunden. Daher ist es nicht im Sinne des öffentlichen Interesses, wenn britische Journalisten an dieser Stelle untersuchen, ob Houthis dies oder jenes getan haben. Wir verkaufen Waffen an Saudi Arabien.“

Die Erklärung O’Briens enthält einen wichtigen Punkt: Hauptaufgabe eines Journalisten sollte es sein, Missbrauch im eigenen Land und bei seinen Verbündeten offenzulegen und zu kontrollieren. Wie O’Brien sagt, dem „öffentlichen Interesse“ ist wesentlich besser gedient, wenn man auf die schlechten Taten der eigenen Regierung schaut und nicht auf die Taten fremder Regierungen, für die man nicht verantwortlich ist und auf die man wenig oder keinen Einfluss hat.

Das sollte offensichtlich sein – ein Grundsatz. Aber das Gegenteil ist der Fall: der weitaus größte Teil der Berichterstattung in den Medien des Westens – und für die außenpolitische Berichterstattung in den USA generell – klingt in etwa so: „heh, schaut mal, was unsere Feinde, die da drüben, wieder alles anstellen!“ Schwierig, das Ganze in Zahlen auszudrücken. Aber als jemand, der einen Großteil seiner Aufmerksamkeit den US Medien und den Diskussionen von „außenpolitischen Experten“ widmet, würde ich sagen, dass sich 95% dieser Unterhaltung um das schlechten Benehmen unserer Gegner drehen und vielleicht fünf Prozent um die Verfehlungen der USA und seiner engsten Verbündeten. Im Grunde das genaue Gegenteil zum Standpunkt des „öffentlichen Interesses“, den O’Brien zu Recht verteidigt.

Zuerst war es nur ein Bauchgefühl, als eine riesige, wütende Protestwelle amerikanischer Journalisten gegen die iranische Regierung wegen der dreimonatigen Inhaftierung der amerikanisch-iranischen Journalistin Roxana Saberi anschwoll (bis ein iranisches Berufungsgericht ihre Freilassung anordnete). Nicht die Wut an sich war bemerkenswert: dass Journalisten die Pressefreiheit und ihre Kollegen verteidigen ist eine natürliche und ehrenwerte Sache. Was so bemerkenswert daran ist: die Regierung ihres eigenen Landes – die Vereinigten Staaten – haben Journalisten jahrelang und ohne Anklage inhaftiert, darunter ein Journalist von Al Jazeera, der sieben Jahre in Guantanamo saß. Aber dazu gab es absolutes Stillschweigen. Es wurde kaum darüber berichtet. Wie kann man sich als amerikanischer Journalist so auf die Gängelung der iranischen Presse versteifen und gleichzeitig Gängelung durch die eigene Regierung total ignorieren?

Dieses Vorkommnis zeigte mir einen kritischen Punkt: es macht Spaß – und es ist einfach – die schlechten Taten jener Länder aufzubauschen und zu verdammen, welche von unserer Regierung zu den Bösen gezählt werden. Nicht ganz so lustig und einfach ist es, die schlechten Taten der eigenen Regierung oder seiner Verbündeter aufzubauschen oder anzuprangern. Der Journalismus ist viel wertvoller und dem öffentlichen Interesse ist weit besser gedient, wenn man Letzteres und nicht Ersteres betreibt. Darauf hat O’Brien hingewiesen.

Und es entspricht der Wahrheit, denn Journalisten können effektiver als Wachhunde für ihre Regierung dienen, als über die Regierungen weit entfernter verfeindeter Länder. Aber trotzdem reißen alle die Augen auf, wenn es um die schlechten Taten anderer Regierungen geht. Und dann werden sie verunglimpft, herabgewürdigt und damit geschwächt. Im Grunde machen das alle Regierung so. Es nennt sich Propaganda. In den meisten Ländern erfahren die Bürger sehr viel über die schlechten Taten feindlicher Regierungen. Wovon man viel zu wenig erfährt sind die schlechten Taten der eigenen Regierung. Ein wirklich brauchbarer Journalismus würde eben das beleuchten. Das wäre Journalismus der informiert – und nicht die eigene Propaganda verstärkt.

Es gibt viele Gründe warum sich Leute lieber den schlechten Taten anderer widmen und nicht den eigenen. Ein Hauptgrund ist strategischer Natur: wenn sich die Amerikaner mit den schlechten Taten Putins, Nordkoreas, Irans oder dem Bösewicht des Monats und den Ungerechtigkeiten dort beschäftigen, dann beschäftigen sie sich mit etwas das sie nicht beeinflussen können. Im Gegensatz zu den schlechten Taten der eigenen Regierung und den Ungerechtigkeiten in der eigenen Gesellschaft. Die permanente Lenkung der Menschen auf die schlechten Taten anderer Völker ist sowohl ablenkend als auch verzerrend. Sie führt zu dem Eindruck, dass schlechte Taten (wie die Inhaftierung von Journalisten) eigentlich nur bei Denen, und nicht bei Uns, geschehen können.

Eine mindestens so große Rolle spielen psychologische Faktoren: Menschen fühlen sich selbst besser, wenn sie andere verurteilen können anstatt sich selbst. Deshalb ist beißendes, abwertendes Geschwätz ein wahrer Volkssport. Es beruhigt einen einfach, wenn man andere kritisch aburteilen kann. Es hat einen Grund, warum die Bibel die Menschen daran erinnert „nimm erst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du den Splitter im Auge deines Bruders entfernen“. Es ist eben eine universelle Versuchung, die eigenen Fehler zu ignorieren, das ist wesentlich angenehmer und befriedigender.

Keine dieser Regeln ist allgemeingültig, es braucht ein paar Warnungen. Es ist von Vorteil wenn man die Aktionen feindlicher Regierungen kennt. Wir wollen auch aus diesen Ländern berichten, und die Journalisten in diesen Ländern machen ihren Job, wenn sie das Verhalten der eigenen Regierung durchleuchten. Auch sollten die schlechten Taten gegnerischer Länder nicht unter den Tisch gekehrt werden oder verharmlost werden. Denn das wäre wiederum Täuschung und Propaganda. Und zu manchen Zeiten produziert das Fehlverhalten anderer Regierungen solch großes menschliches Leid, dass ein gemeinsames Vorgehen möglich und gerechtfertigt ist. Und dann kann man sich damit auch intensiv beschäftigen.

Aber grundsätzlich ist es die Aufgabe der Journalisten (und in dem Zusammenhang auch der Bürger), das Hauptaugenmerk auf die schlechten Taten der eigenen Regierung zu richten, nicht die der anderen. Folgendes Zitat von Noam Chomsky, dem man jahrzehntelang vorhielt, zu viel Zeit mit den schlechten Taten der eigenen Regierung und Gesellschaft zu vertrödeln, bringt es auf den Punkt:

„Meine eigenen Bedenken richten sich hauptsächlich gegen jenen Terror und jene Gewalt die mein eigenes Land verursacht, und das aus zweierlei Gründen. Erstens, weil wir die Hauptquelle der internationalen Gewalt sind.“

„Aber mehr noch aus einem wichtigeren Grund, nämlich, ich kann etwas dagegen tun. Und wenn die USA anstelle als Hauptquelle nur für zwei Prozent der Gewalt auf der Welt verantwortlich wären, dann wäre ich für diese zwei Prozent verantwortlich. Das ist eine einfache moralisches Einschätzung. Das heißt, der moralische Wert der eigenen Aktion hängt von den erwarteten und vorhersehbaren Folgen ab. Es ist ein Leichtes, die Grausamkeiten anderer zu verurteilen. Das hat in etwa den gleichen moralischen Stellenwert wie die Verurteilung von Grausamkeiten die im 18. Jahrhundert stattfanden.“

Es ist nicht nur einfach, „die Grausamkeiten anderer zu verurteilen“. Es ist auch ein einträgliches Geschäft: strategisch, propagandistisch, psychologisch und emotionell. Deshalb ist es so weit verbreitet. Das galt in den USA für Jahrzehnte und tut es immer noch: schreibt man über Invasionen, Bombardierungen, Unterstützung von Tyrannen und Folter durch die eigene Regierung, dann wird man sofort von einem Nationalisten aufgefordert, sich stattdessen mit Russland zu beschäftigen. Sonst muss man es ertragen, als Agent des Kreml beschimpft zu werden. Das erklärt auch die Besessenheit, mit der von manchen im Westen der Islam als Hauptursache für Gewalt und Aggression beschrieben wird – und nicht die eigene Regierung. So funktioniert die Taktik: die Sünden der eigenen Regierung werden klein geredet indem man auf jemanden zeigt, der noch Schlimmeres macht.

Reinstes Stammesdenken in seiner klassischen und primitivsten Form: die Anderen sind immer die Bösen. Aus journalistischer Sicht ist dieses Verhalten feige und inkonsequent: Amerikaner und andere Westler wurden Jahrzehnte mit dämonisierender Sprache über US-Gegner, von Russland über Iran bis China und Moslems, durchtränkt. In den USA zu sitzen und diese allgemein akzeptierten Sichtweisen aus Eigeninteresse und Selbstverliebtheit nachzuplappern, ist von geringem Wert und weder besonders mutig noch interessant. Was den Amerikanern fehlt – es ist traurig – ist der journalistische Fokus auf die schlechten Taten der eigenen Regierung. Eine direkte Herausforderung an die propagandistischen Banalitäten mit denen man sie fütterte, damit sie ihre eigene Seite verherrlichen können.

Dieses hervorragende Interview des BBC-Gastgebers ist ein exzellentes Beispiel für die Tugenden eines widersprechenden Journalismus. Darüber hinaus zeigt es deutlich, wie wertvoll Journalismus ist, wenn er die schwierigsten Sachen anpackt: nämlich, auf die schlechten Taten der eigenen Seite hinzuweisen und jene zur Verantwortung zu ziehen, die im eigenen Land an der Macht sind sowie ihrer engsten Verbündeten – ein Hinterfragen der ach so geliebten und verehrten Glaubensgrundsätze der eigenen Gesellschaft.

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Der britische Parlamentsabgeordnete Daniel Kawczynski droht mittlerweile der BBC und dem Produzenten Ian Katz wegen des Interviews mit einer Klage. Besonders hat ihn erzürnt, dass Katz nach dem Interview Dokumente twitterte, die belegen, wie Kawczynski für einen Besuch eine „Spende“ vom saudischen Außenminister entgegennimmt. Es kommt häufig vor, dass die lautesten Kriegshelden so sensible Blümchen sind.


Glenn-Greenwald-Original_350Glenn Greenwald (* 6. März 1967 in New York City) ist ein US-amerikanischer Journalist, Blogger, Schrift­steller und Rechtsanwalt. Weltweite Bekanntheit erlangte Greenwald, als er die von Edward Snowden im Jahr 2013 übermittelten Dokumente zum streng geheimen NSA-Über­wachungs­programm PRISM auf­be­rei­tete und Anfang Juni 2013 in der britischen Tageszeitung The Guardian zusammen mit einem Interview Snowdens veröffentlichte. Aufgrund dieser und folgender Berichte ist er eine der zentralen Figuren der Globalen Überwachungs- und Spionageaffäre. Seit Februar 2014 ist er als Hauptautor der publizistischen Website The Intercept tätig. Greenwald ist Gründungsmitglied der Freedom of the Press Foundation mit Sitz im Vorstand (Board of Directors).