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meedia_logoDas liest man höchst selten: Journalisten entschul­digen sich wegen einer vorschnellen Meinung. Das ist geradezu vorbildlich, aber die Hoffnung, dass dieses Vorbild Schule machen könnte, dürfte naiv sein.

Das Bild der toten Flüchtlinge, eingepfercht in einen Kühllaster, war extrem schockierend. Dass es ausgerechnet von einer Boulevard-Zeitung gedruckt wurde, die zwar den Firmenschriftzug auf dem Laster, nicht aber die Toten verpixelte – eine Tatsache, die von quasi sämtlichen Medien ignoriert wurde – machte die Angelegenheit zusätzlich fragwürdig.

Meedia und andere Medien kritisierten die Veröffentlichung und holten sich moralische Unterstützung durch Verweis auf Beschwerden beim Presserat und die Einschätzung vermeintlicher „Experten“. Wir hatten das hier als verlogene Empörung kritisiert und mittlerweile – nachdem das nicht minder schreckliche Foto eines kleinen ertrunkenen Jungen öffentlich wurde – hat man bei Meedia nicht nur umgedacht, sondern Georg Altrogge, Geschäftsführer und leitender Redakteur von Meedia, entschuldigt sich sogar für die Fehleinschätzung und wirft die richtigen Fragen auf.

Bereits vor einer Woche hatte die Veröffentlichung eines Fotos, das zusammengepferchte Leichen von Flüchtlingen in einem bei Wien gefundenen Kühllaster zeigt, für Diskussionen in der Branche gesorgt. MEEDIA hatte die Publikation durch das österreichische Boulevardblatt Kronen Zeitung als “pervers” bezeichnet – und damit falsch gelegen. Die Vokabel war impulsiv gewählt und dem Thema nicht angemessen. Es wäre unsere Aufgabe gewesen, die damit zusammenhängende Problematik zu thematisieren und nicht vorschnell Partei zu ergreifen. Als verantwortlicher Redakteur entschuldige ich mich dafür, dass wir in diesem Fall unseren Job schlecht gemacht haben. Bild veröffentlichte das Foto einen Tag später, auch Spiegel TV zeigte es bei seiner Magazin-Sendung zur Flüchtlingskrise. (meedia)

Das verdient Respekt. Besonders in Zeiten massiver Medienkritik ist das Eingeständnis einer falschen Einschätzung – für das die ARD, wenn sie überhaupt einmal Fehler eingesteht, 4 Monate braucht – ein Zeichen von Menschlichkeit, Rückgrat und gesundem Berufsethos.

Nicht minder bemerkenswert ist die von Altrogge formulierte Kritik am verlogenen Umgang mit dem Foto des ertrunkenen Jungen bei Spiegel Online:

Bei den meisten Portalen war die Tragödie um den ertrunkenen Flüchtlingsjungen der meist gelesene Artikel, so auch bei Spiegel Online, wo die Headline lautete: “Ein Bild, eine Botschaft”. Da ist es allerdings ziemlich merkwürdig, dass genau das Bild, um das es geht, von der Redaktion ausgespart und statt dessen die Szene mit Worten beschrieben wird. Zugleich räumt die Redaktion ein, dass die Bilder des toten Flüchtlingsjungen “um die Welt gehen”. Ist das für einen verantwortungsvollen Nachrichtenjournalismus alternativlos, wie Chefredakteur Florian Harms offenbar glaubt? Oder eher doch ein großer Fehler, weil die suggestive Kraft des Bildes und damit eine elementare Chance, den Leser im Innersten zu erreichen, unterschlagen wird? Wie wird der gedruckte Spiegel mit dem Foto umgehen? Er wird es aller Erfahrung nach zeigen, im Heft oder – nicht einmal ausgeschlossen – auf dem Titel. Es gäbe dafür gute Gründe.

Spiegel Online verweigert sich in dieser Sache. Fragen bleiben: Ist der mit Absicht schönfärbende “constructive journalism”, von dem der SpON-Chefredakteur beseelt zu sein scheint, im Kern nicht eine unangebrachte Bevormundung der Leser und eine Zensur der Wirklichkeit? Soll dies Rolle und Selbstverständnis des modernen Journalismus sein? Handelt es sich nicht viel mehr um einen unverantwortlichen Weichspülgang im Nachrichten-Apparat? Steht uns Redakteuren ein derartiger Eingriff in die Darstellung des realen Geschehens überhaupt zu? (ebd)

Der sogenannte “constructive journalism” ist der unverhohlene Versuch, die „Schafe“ anstatt mit harten Realitäten zu informieren, mit seichtem Boulevard und heiler Welt zu sedieren. Diese hier im Blog bereits mehrfach kritisierte, gezielte Verdummung unter dem Vorwand, Bürgern unbequeme Fakten nicht zumuten zu wollen, wird seit Wochen auch von der ARD vorangetrieben und manifestiert sich in Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF, die den Massenmord mit US-amerikanischen Streubomben durch saudische Kampfbomber im Jemen verschweigen und die Bürger stattdessen in tagesschau, tagesthemen, heute und heute-journal ausgiebig mit Sport, MTV-Music-Awards und sonstigem Unterhaltungsmüll einschläfern.

Opfer_Bodrum

Opfer eines vom Westen forcierten Krieges in Syrien – Ertrunkener Junge am Strand von Bodrum

Wer nur kurz darüber nachdenkt, der wird vielleicht erkennen, dass zwischen dem Versuch, die Bürger hier für dumm zu verkaufen, sie nicht über die eigene Verantwortung an den Verbrechen in Syrien und dem Jemen wahrhaftig zu informieren, und dem toten Kind am Strand von Bodrum, das mit seinen Eltern vor einem vom Westen ange­sta­chel­ten Bürgerkrieg floh, ein direkter Zusammenhang besteht.