Schlagwörter

, , ,

Im ersten Teil über das Blöken der Schafe haben wir hier einen Blogbeitrag von „Kurzhaarschnitt“ vorgestellt, der – aus der Mitte der Gesellschaft kommend – etwas Empathisches und politisch Korrektes zum Flüchtlingsproblem beitragen wollte, sich aber als unfähig und vor allem unwillig zeigte, die Ursachen von Flucht zu hinterfragen.

Shaun-The-Sheep525

In einem aktuellen Artikel auf den Nachdenkseiten schildert Autor Joke Frerichs eine Beobachtung, die viele kritische Mitbürger aus Alltag, Umwelt, Freundeskreis oder Familie kennen: Man trifft auf Schafe, die den Müll aus den Medien nachblöken, wie Madrassenschüler den Koran, orthodoxe Juden den Talmud oder christliche Fundamentalisten Bibelsprüche. Kein Zweifel, dass auch die alten Damen, die der Autor hier beobachtete, eben jener „Mitte“ entstammen, die man als Schafsherde betrachten kann, die von der Herrschaft manipuliert und gelenkt wird.

Plötzlich sind sie beim Thema Griechenland. Ich hatte es schon befürchtet. Eine von ihnen hat eine dieser Talkshows im Fernsehen gesehen, die seit Wochen nahezu allabendlich über den Bildschirm flimmern. Jetzt stimmen alle mit ein und eine übertrifft die andere mit abfälligen Kommentaren über die faulen Griechen, die an unser Geld wollen; die doch selbst schuld sind, dass es ihnen schlecht geht und die dazu noch undankbar sind, da doch unsere Regierung alles tut, um ihnen zu helfen usw. Mich wundert nicht die Schlichtheit ihrer „Argumente“ und der Grad an Dummheit. Sie sind der Widerhall dessen, was die Medien seit Monaten verbreiten: von der vornehmen FAZ bis zur primitiven, menschenverachtenden BILD. Was mich wundert, ist das Fehlen jeglicher Empathie für die Menschen in Griechenland. (nds)

Die Empathie, die Frerichs zu Recht vermisst, kann man den Damen nicht grundsätzlich absprechen – für ihre Kinder und Enkelkinder haben sie ganz sicher Empathie – diese Empathie ist ihnen allerdings mit Blick auf Griechenland von den Medien regelrecht ausgetrieben worden. In einer monatelangen Kampagne haben Medien von ARD über BILD bis ZDF die Deutschen gegen die „faulen“ Griechen aufgehetzt, wie Joseph Goebbels, Julius Streicher und Konsorten die Deutschen einst gegen Juden, Kommunisten, „Asoziale“ und alles „Nicht-Arische“ in Stellung brachten.

Bei aller Fassungslosigkeit über die kalte Borniertheit der Damen, muss man sich darüber klar werden, dass es sich hier um Opfer der Medien handelt, die ihre eigene Manipulation und Lenkung nicht erkennen. Wer ein bisschen Fantasie hat, weiß, dass man mit einer gegenteiligen Kampagne das exakte Gegenteil hätte erreichen können.

Wäre statt Hetze, Lügen und Desinformation über Griechenland – die den Sinn hatte, nordeuropäische Banken, Versicherungskonzerne und Zinshaie vor Verlusten zu bewahren und den Euro stabil zu halten – die Wahrheit gesendet worden, hätte man den deutschen Bürgern täglich erklärt, dass das Geld nicht den Griechen zugute kommt, hätte man sie täglich mit den Elendsbildern griechischer Krankenhäuser, Schulen und Obdachloser konfrontiert, statt mit der einseitigen Desinformation und Hetze eines Rolf-Dieter Krause oder der BILD-Zeitung, dann hätte Joke Frerichs ein vollkommen anderes Gespräch miterlebt. Dann hätte er Damen gehört, die sich gegenseitig ihre Erschütterung geschildert hätten und von denen einige vermutlich Geld gespendet und sich bei „ihren“ Politikern beschwert hätten.

Diese Macht der Medien, die die Macht von Politikern und sogar von Parteien bei weitem übersteigt, muss man sich immer wieder bewusst machen. Eine Merkel oder ein Obama könnten von den Medien in wenigen Wochen aus dem Amt getrieben werden, haben ihrerseits aber nicht die geringste Handhabe gegen Lügen, Desinformation und Hetze.

Weil er sich dieser Macht nicht bewusst ist, kommt Autor Frerichs zu einem fatalen und weit verbreiteten Fehlschluss:

Diese alten Weiber bestätigen mich in meiner Skepsis gegenüber Forderungen nach Volksabstimmungen. Würde das „Volk“ um seine „Meinung“ gefragt, 80 % wären wohl für einen Grexit und für einen Rauswurf der Griechen. Das raubt einem jede Illusion in die Weisheit des Volkes. Wie sagte doch Arno Schmidt schon vor über 50 Jahren: Hör mir uff mit dem Volk. Die wären doch dem Hitler bis nach Sibirien gefolgt. (ebd)

Ein wahrlich verhängnisvoller Irrtum. Statt ein mehr an Demokratie einzufordern, das Bürger bemündigen würde, statt sie zu entmündigen, redet Frerichs – ausgerechnet auf den Nachdenkseiten – der hierzulande faktisch herrschenden Antidemokratie das Wort. Diese antidemokratische Einstellung, die von der Idee gespeist wird, das Volk sei dumm (warum ist es das denn?) und die Eliten wüssten alles besser, perpetuiert genau das System, das Frerichs zu Recht beklagt.

Die „Lösung“ des Problems liegt aber in der Beseitigung seiner Ursachen und nicht in der Unterdrückung der Symptome. Die Ursache für Unmündigkeit, Verschafung und fehlende Empathie der Bürger liegt in der Fähigkeit der Medien, die Bürger tagtäglich im Sinne der wirtschaftlichen und politischen Eliten zu manipulieren und je nach Bedarf gegen Feindbilder aufhetzen oder im Sinne der Herrschaft bis zur totalen Selbstentmündigung zu sedieren.

Hätte es in Deutschland vor 20 Jahren echte Demokratie und einen unabhängigen, kritischen Rundfunk gegeben, das Fehlkonstrukt des Euro wäre niemals zustande gekommen. Niemals hätten die Deutschen auf ihre D-Mark verzichtet, wenn es dafür nicht wirklich gute Gründe gegeben hätte und in einem offenen gesellschaftlichen Diskurs wären die Bedenken der Bürger mit harten Fakten unterfüttert worden.

Wäre Deutschland eine echte Demokratie aufgeklärter, mündiger und wahrhaftig informierter Bürger, dann hätten diese zu Hunderttausenden gegen die menschenverachtenden Kriege des Westens in den islamischen Ländern protestiert. Aufgeklärte Bürger hätten niemals Sanktionen oder einem neuen Kalten Krieg gegen Russland zugestimmt und würden sich mit den Bewohnern der Krim über deren gelungenes, urdemokratisches Referendum freuen, statt Krieg und Bomben für Mord und Totschlag in der Ostukraine zu finanzieren.

Aufgeklärte, mündige Bürger wüssten, dass Deutschland keine Feinde in Europa hat und deshalb auch kein Militär braucht, sondern ein technisches Hilfswerk, das junge Menschen zu Ärzten, Technikern und Helfern ausbildet, statt zu Mördern und das bei Katastrophen im eigenen Land und überall in der Welt Hilfe leistet, statt Panzer und Gewehre an Despoten zu exportieren.

Es wäre ein Leichtes gewesen, ein solches vorbildliches Deutschland zu errichten, dem viele andere europäische Staaten auf diesem Weg gefolgt wären. Dass es nicht so kam, dass hier Rüstungskonzerne, goebbelsche Medien, kalter Krieg und wirtschaftlich verbrannte europäische Erde fröhliche Urständ feiern, das dient nicht dem prekarisierten, manipulierten und für dumm verkauften Volk, sondern genau den Profiteuren in den Konzernen, die die Macht in ihren Händen halten und die Frerichs fatalerweise für geeigneter hält, die Politik dieses Landes zu bestimmen, als dieses Volk selbst.

Echte Demokratie funktioniert aber nur, wenn die Bürger wahrhaftig, ausgewogen und umfassend informiert sind. Empathieunfähigkeit – wie sie sich auch mit Blick auf Flüchtlinge manifestiert – ist Folge von Desinformation und Hetze. Überall dort, wo Migranten und Nicht-Migranten in sozial stabilen Verhältnissen über längere Zeit zusammengelebt haben, wird man Empathie, Freundschaften und familiäre Bindungen finden. Hass und Ablehnung finden sich dort, wo Unkenntnis und Ressentiment zuhause sind.

Der Weg zu echter Demokratie und größtmöglicher Freiheit eines jeden Individuums beginnt also ohne jeden Zweifel mit wahrhaftiger Information. Wer nicht wahrhaftig und bestmöglich informiert wird, kann niemals angemessene Entscheidungen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme treffen. Deshalb kann man echte Demokratie nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt über ein Volk stülpen, das von Lügenmedien manipuliert, aufgehetzt und für dumm verkauft wird.

Deshalb ist es auch nur der halbe Schritt, wenn Jürgen Todenhöfer Politiker zum Teufel jagen will, die Krieg und Elend das Wort reden und befeuern. Der erste Schritt zur Befreiung aus Unmündigkeit und hin zu echter Demokratie ist die wahrhaftige und umfassende Information der Bürger. Ohne diesen Schritt wird es schon aus rein logischen Gründen niemals eine funktionierende, echte Demokratie geben können.