Schlagwörter

, , , , , , , , ,

SZ240Hans Leyendecker hat seine journalistischen Ver­dienste, die will ihm niemand nehmen. Aber was man in den letzten Jahren von ihm, der mehr durch substanzloses Geschwätz in Talkshows auffällt, denn durch „investigative Recherchen“, hört und liest, ist größtenteils Stammtisch, wenn nicht gar betreutes Wohnen. Da bekommt ein alter Gaul sein Gnadenbrot in Form von Zeilenhonorar und öffentlich-rechtlichen Sendeminuten – so der Eindruck.

Der neuste Unsinn aus Leyendeckers Nachsinnen über die Welt ist eine billige Anschmiere der Plattform wikileaks. Leyendecker veröffentlicht keinen Aufruf, will dem offensichtlich politisch Verfolgten und seit Jahren mit Hausarrest psychisch und physisch malträtierten nicht beispringen, keine öffentliche Diskussion über die rechtsmissbräuchliche Verfolgung eines Jour­na­listen in der EU lostreten, er will nichts anderes, als wikileaks ans Bein pinkeln und das auf eine so schäbige Tour, dass man sich fragt, ob Leyendecker nicht selbst gekauft ist.

Anlass für Leyendeckers Elaborat in der neoliberalen und staatsnahen Süddeutschen Zeitung ist eine Belohnung von 100.000€, die wikileaks jenem Informanten zugesichert hat, der einen Entwurf der geheimen TTIP-Unterlagen ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Ein in jeder Hinsicht ehrenwertes und aufklärerisches Ansinnen, das sich gegen Geheimniskrämerei und anti-demo­kratische Prozesse innerhalb der EU richtet und sich die Methoden des Systems, Politik zu kaufen, zunutze macht.

leyendeckerDie Online-Plattform Wikileaks setzt 100.000 Euro für Dokumente aus –
das passt weniger zur Lehre vom selbstlosen Informanten, sondern erinnert an altbekannten Scheckbuch-Journalismus.
(SZ)

Um wikileaks‘ Versuch, einem möglichen Informanten die Entscheidung, die Dokumente zu leaken, durch eine Belohnung schmackhaft zu machen, in eine anrüchige Ecke zu stellen, fährt Leyendecker krude Vergleiche auf.

Wahr ist aber auch, dass auch der Scheckbuch-Journalismus seine Risiken hat. Der Skandal um die Hitler-Tagebücher hat den Verlag Gruner + Jahr umgerechnet gut viereinhalb Millionen Euro gekostet und, schlimmer, den Stern die Reputation für lange Zeit. Der Spiegel fiel auf ein gefälschtes Waldheim-Telegramm herein. Ein Gauner hatte in den Neunzigerjahren eine Depesche fabriziert, die eine internationale Debatte über die angebliche Beteiligung des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim an Kriegsverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus auslöste. Der Betrüger hatte für das Papier 50 000 Mark bekommen….

Das US-Klatschportal TMZ.com etwa soll, so heißt es, viel Geld für Informationen ausgeben, die man am besten von Krankenhauspersonal oder Polizisten bekommt…

Bei den verdienstvollen Davies-Recherchen kam auch heraus, wie intensiv Boulevard-Blätter in England die Landschaft pflegten. Polizisten erhielten häufig Bares für Informationen zugesteckt…

Hanebüchen sind die Vergleiche deshalb, weil die Dokumente bekannterweise existieren und nicht – wie die „Hitlertagebücher“ – von Gaunern überhaupt erst erfunden wurden. Wikileaks ist auch kein Medienkonzern, der mit Sensationsgeschichten Geschäfte macht, wie der Spiegel, Stern, FAZ oder die Süddeutsche, deren den Verstand benebelnde Gier nach geldwerten Informationen systembedingt ist und Gauner deshalb geradezu anzieht, sondern eine Non-Profit-Organisation mit dem Ziel, geheime Dokumente der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Deshalb geht es auch nicht um den Kauf von „Exklusivrechten“, wie Leyendecker in einem weiteren irreführenden und breit ausgewalzten Beispiel anführt, sondern um eine unentgeltliche Veröffentlichung zugunsten der Allgemeinheit. Zu guter Letzt könnten 100.000€ wohl kaum den gewieftesten Fälscher dazu veranlassen, im Keller einen gefakten Entwurf des Abkommens zu basteln, der in der Lage wäre, halbwegs informierte Menschen zu täuschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wikileaks einem Betrüger auf den Leim geht, tendiert gegen Null.

Ob das Kaufen von Informationen ethisch korrekt ist oder nicht und ob man solchen Informationen trauen darf, ist eine Frage, die häufig auf Kongressen diskutiert wird, wenn sich Journalisten über den eigenen Beruf, über ihren Alltag und die Umstände der Arbeit austauschen.

Wer sich beruflich mit diesen Fragen beschäftigt und sich sogar dezidiert auf Kongressen darüber austauscht, sollte die Unterschiede in Inhalt, Motivation und Zielsetzung der nicht zu vergleichenden Fälle kennen. Ob eine whistleblower-Plattform eine Belohnung für den Leak eines konkreten, politisch höchst bedeutsamen Dokumentes aussetzt oder ob sich sensations- und geldgierige Redaktionen von Betrügern an der Nase herumführen lassen, sind völlig unterschiedliche Dinge. Selbst wenn der SPIEGEL eine Million Euro als Belohnung aussetzen würde, um dann einen möglichen Leak exklusiv zu vermarkten, wäre das etwas vollkommen anderes als das peinliche Fiasko des STERN, dem es mit den Hitler-Tagebüchern nicht um Aufklärung politischer Skandale oder einem Dienst an der Demokratie ging, sondern – wie einem Klatschportal TMZ – um Sensation, Aufmerksamkeit und Auflage. Hätten sich die vermeintlichen Hitler-Tagebücher nicht als plumpe Fälschungen herausgestellt, wäre es dann falsch gewesen, ein paar Millionen für diese geschichtlichen Dokumente hinzublättern?

Es ist eben nicht immer das Gleiche, wenn Geld für Informationen ausgegeben wird. Auch der Staat kauft seit langem Informationen von Insidern, wenn es darum geht, Verbrechen wie Steuerbetrug aufzuklären. Leyendecker selbst wird von der SZ dafür bezahlt, Informationen zu beschaffen und er täte gut daran, sich genau darauf zu konzentrieren, anstatt diejenigen zu diskreditieren, die seinen Job besser machen und aus ehrenwerten Motiven handeln.

Als die US-Botschaft letztes Jahr 20.000 Dollar für Pro-TTIP-Propaganda auslobte, da las man von Hans Leyendecker nichts in der SZ. Möglicherweise, weil Kollegen oder er selbst das großzügige Angebot nicht ablehnen konnten. Für 20.000 Dollar bekommt man schließlich eine Menge Windeln, wenn man selbst nicht ganz dicht ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass diejenigen, die die SZ maßgeblich durch Werbung finanzieren, beispielsweise BMW, ein großes Interesse daran haben, dass das sogenannte Freihandelsabkommen zustande kommt. Sollte dies die wahre Motivation hinter Leyendeckers unverdaulichem Eintopf sein, dann erklärt sich zumindest, warum und für wen er sich in diesem Fall an den Herd gestellt hat.