Schlagwörter

, , , , , , , ,

Heute Morgen, bei unserer täglichen Lagebesprechung in seiner angekokelten Banja, schaut mich Wladimir Wladimirowitsch nach dem ersten Radeberger-Aufguss etwas wehmütig an. Nach einer Weile – man sollte ihn in diesen Momenten besser nicht ansprechen, wenn man nicht mit einem Genickschuss im Garten unter den Rosen verscharrt werden wollte – holt er tief Luft und sagt mit leiser, aber fester Stimme: „Dok, ich hätte auch gerne so einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. So unabhängig und so seriös wie ARD und ZDF, weißt du?
Wie stelle ich das an?“

Ich nicke beipflichtend und zeige – wie immer – vollstes Verständnis. Natürlich kam auch mir schon dieser Gedanke, aber man erteilt dem Präsidenten der russischen Föderation keine Ratschläge, sondern sorgt tunlichst dafür, dass er selbst auf die Ideen kommt, die das Land voran bringen. Immer wieder habe ich ihm deshalb Berichte und Kommentare vermeintlich unabhängiger deutscher Journalisten vorgespielt und der verklärte Blick, der sich dabei in seinen Augen zeigte, war schon nach kurzer Zeit immer weniger von den Erinnerungen an seine Dresdner Zeit geprägt, als von Staunen und Respekt, wie man vordergründig unabhängig erscheinende Journalisten dazu bringen konnte, sich derart selbst zu entleiben, dass sie System und Regierung tagtäglich auch – und besonders dann – rechtfertigten und lobpreisten, wenn die Heuchelei körperlich schmerzhaft wurde und ernsthafte Zweifel an ihrem Verstand aufkommen mussten.

Oft weinten wir gemeinsam, zutiefst gerührt nach einem wunderbar reaktionären und doppelmoralischen Kommentar von Rainald Becker oder wenn in ARD und ZDF wieder einmal Gewerkschafter fertig gemacht wurden. Wir lachten über Claus Kleber und Marietta Slomka, wie sie Lügen und hanebüchenen Unsinn in die Kamera sprachen ohne mit der Wimper zu zucken und ich wusste, schon bald würde er auf mich zukommen, mit der Bitte, ihm auch so ein Spielzeug zu besorgen.

„Glauben die das?“, fragte er mich zwischendurch immer wieder. „Glauben die Deutschen wirklich, das sei unabhängiger Journalismus, das sei Demokratie?“ Er sah mich dabei fassungslos und gleichzeitig fasziniert an – ein sarkastisches Lächeln umspielte seine Lippen. Ich nickte stumm. Fast unmerklich schüttelt er den Kopf, während seine Augen zwischen den auf dem Großbildschirm vor sich hin flackernden tagesthemen und mir hin und her wanderten. Ich wusste, bald hätte ich ihn so weit.

Rossiya und RT in einen „öffentlich-rechtlichen“ Rundfunk umzuwandeln war ein Kinderspiel. Die Pläne hatte ich längst in der Schublade. Seine eigenen Leute in den Aufsichtsgremien zu platzieren, würde ihm großen Spaß bereiten – da war ich mir sicher. Das Problem, das mir am meisten Kopfzerbrechen bereitete, war die Frage der Finanzierung. Er, der Zar, der seine Leute bestens kannte, würde nicht glauben, dass die russischen Bürger freiwillig bereit wären, für so einen Mummenschanz auch noch extra zu bezahlen.

Natürlich macht es objektiv betrachtet überhaupt keinen Unterschied, ob man den Schafen das Geld per Steuer für einen „Staatsfunk“ oder mit einer Zwangsabgabe für einen „unabhängigen Rundfunk“ aus der Tasche zieht, wenn dieser in Wahrheit gar nicht unabhängig ist. Aber die monatlichen Bescheide, die Einzugsermächtigungen, die Zahlungsaufforderungen und der nötige Repressions- und Inkassoapparat, den eine Abgabe nach sich ziehen würde, war ein Problem. Da würden revolutionserfahrene Russen nicht mitspielen.

Mein Plan war deshalb die Einführung eines „kostenlosen, unabhängigen öffentlich-rechtlichen Russfunks“. Rossiya und RT sollten demnach weiter über Steuern und aus der Staatskasse finanziert werden. Wir würden lediglich einige Gremien mit Parteigängern, kremltreuen Popen und bezahlten „Medienexperten“ installieren und in der Duma einen Ausschuss bilden, der die Gelder bewilligte und diese Gremien formell besetzte. Hill & Knowlton hatten bereits eine Kampagne entworfen, mit der wir die Einführung des kostenlosen, unabhängigen Rundfunks auf allen Kanälen ankündigen und als große Erneuerung feiern würden.

Das Programm war in groben Zügen bereits erarbeitet. Netzwerke kremltreuer Journalisten gab es bereits rudimentär und auf informeller Basis. Sie mussten nur noch so straff organisiert werden wie im Westen. Führenden Meinungsmachern würde zukünftig die Mitgliedschaft in der „Eurasienbrücke“ angeboten, einer nach außen abgeschotteten Organisation, in der sie sich mit Politikern und Experten der Sicherheitsdienste – die ihrerseits in direktem Kontakt zum Präsidenten standen – abstimmen konnten. An der Oberfläche würden verdeckt finanzierte Journalistenvereinigungen die Metaebene des gesellschaftlichen Diskurses abdecken. Sie stellten die Experten, wenn es darum ging, das neue System dem Volk als unabhängigen Journalismus zu verkaufen.

Ich war also nicht nur gut vorbereitet, als Wladimir Wladimirowitsch in Gedanken den zweiten Radeberger-Aufguss über den Holzofen goss, ich hatte die fertigen Pläne auf einem USB-Stick im Bademantel. Ich holte tief Luft und sah ihm fest in die Augen. „Wladimir Wladimirowitsch“, sagte ich und musste kurz aufstoßen, „Ich verstehe, was du meinst. Der Gerd ist nicht dumm – auch wenn er dir fast die schöne Banja abgefackelt hätte – aber Wodka, Pravda und Plasma reichen eben nicht zum Regieren. Man muss den Leuten etwas mehr bieten. Man muss sie richtig für dumm verkaufen, nicht nur ein bisschen.“

Der Zar nickte. Jetzt war er Wachs in meinen Händen. Monatelange Arbeit war an ihrem Ziel angekommen. All der Schund aus ARD und ZDF, den wir uns gemeinsam angeschaut hatten. Das unablässige Pacing, die unterschwelligen Suggestionen mit denen ich seine Gedanken Tag für Tag in die gewollte Richtung führte. Nebenbei die Ausarbeitung der Pläne für den neuen „unabhängigen“ Russfunk nach westlichem Vorbild – kostenlos und lupenrein demokratisch. Jetzt musste ich ich ihm nur noch erklären, dass Kleber und Miosga zu dumm waren, russisch zu lernen, denn die – das ahnte ich bereits – würde er am liebsten nach Moskau holen.