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id_kulturzeitDer Holocaust als unabwendbares Schicksal – ohne Ursachen, ohne Planung, nicht menschengemacht, sondern ein Los übermächtiger Götter? Wer das behauptet, offenbart nicht nur ein krudes Menschen- und Weltbild, er verhöhnt die Opfer, schützt die Täter und will ganz bewusst wahrhaftige Ursachen verschleiern und vernebeln.

Ein Moderator des öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der einen solchen Unsinn verbreiten würde, könnte sich zu Recht eines Sturms der Entrüstung sicher sein, denn Judenverfolgung, -vertreibung und -vernichtung waren nicht unabwendbares Schicksal allmächtiger Götter, sondern Folge eines über Jahrhunderte kultivierten Antisemitismus, instrumentalisierter Hetze und gezielter Propaganda – der Holocaust war Menschenwerk, systematisch geplant und ausgeführt. Was für die Ursachen des Holocaust selbtverständlich ist, gilt offensichtlich nicht für die Verbrechen des Westens in der islamischen Welt.

Ernst Grandits ist ein alter Bekannter der Propagandaschau. Ein dümmlicher Schwadroneur vor dem Herrn, immer für antimuslimische Ressentiments oder primitive Hetze gegen jedwedes Feindbild gut, das ihm transatlantische Kriegstreiber vor die Nase halten. In der Anmoderation zu einem Beitrag (7:08min) über die aktuellen Entwicklungen im Iran bemüht Grandits ein Zitat von Johann Gottfried Seume, um die tatsächlichen Ursachen von Krieg und Terror im „Orient“ vorsätzlich zu verschleiern:

kulturzeit_Grandits_OrientGrandits: “ ‚Schmerz und Freude liegen in einer Schale; ihre Mischung ist des Menschen Los.‘, schrieb Johann Gottfried Seume. Dies gilt auch für die Menschen im Orient, der seit Jahrzehnten durch Krieg, Krisen und Terror geprägt ist.“

Grandits ist gerade gerissen und angepasst genug, dass er weiß, dass er für eine solche Relativierung mit Blick auf den Holocaust Proteste des Zentralrats, Ohrfeigen im Feuilleton und ernste Gespräche mit Vorgesetzten ernten würde. Nicht im Traum würde er es wagen, derlei prä-aufklärerischen Unsinn mit Blick auf die jüngste europäische Geschichte zu verbreiten.

Aber wenn es darum geht, Verbrechen des Westens in den Ländern des Nahen Ostens zu verschleiern, dann ist jede noch so dümmliche Nebelkerze willkommen. Dann verschwinden westliche Coups gegen gewählte Präsidenten, Kriegstreiberei, Massenmord und Flüchtlingselend hinter einem rassistischen Bild vom unzivilisierten „Musel“, der nicht zur Demokratie fähig wäre. Schicksal, was sonst?

Dieses rassistische Bild vom Islam unterscheidet sich in Wahrheit nur unwesentlich vom europäischen Antisemtismus. So wie der Antisemitismus in den Kirchen gepredigt und von einem verbrecherischen Staat instrumentalisiert wurde, wird heute das Bild vom unzivilisierten und „demokratieunfähigen“ Muslim verbreitet, um eigene Verbrechen (Putsch im Iran, Kriege im Irak, Libyen, Syrien, etc) aus der öffentlichen Wahrnehmung zu halten oder mit kolonialistischer Attitüde zu rechtfertigen.