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ardzdfErinnert sich jemand, wann zuletzt in „Panorama“ oder „Monitor“ über den NSU-Komplex berichtet wurde? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich wissen es die Redaktionen des berlintreuen Staatsfunks selber nicht. Im Falle von Panorama war es nach unseren Recherchen der 5.7.2012 – vor ziemlich genau drei Jahren also. Im Falle von Monitor konnten wir in Mediathek, auf der Webseite und per Suchmaschine unter den Schlagworten „NSU“ oder „NAZI“ nicht einen einzigen Bericht finden. Falls doch berichtet wurde, vielleicht unter der Schlagzeile „Dönermorde“?

Diese bezeichnende Ignoranz gegenüber der größten Verbrechensserie der Nachkriegszeit mit unübersehbaren Verbindungen in den tiefen Staat, bestätigt das vernichtende Urteil über entpolitisierte „Politmagazine“ der ARD. Eine Suche nach denselben Schlagwörtern im Archiv des ZDF-Magazins Frontal21 ergibt überhaupt keine Treffer zum Schlagwort „NSU“ und einen einzigen Bericht über Nazis in Halle zum Schlagwort „NAZI“. Eine Bankrotterklärung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Aufgabe es ist:

Auftrag

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1Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.
2Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben.

Wie ARD und ZDF am Montag die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zur besten Sendezeit erfüllten, zeigt sich beim Blick ins Programm.

ARD 20.15 Uhr: Ziemlich beste Freunde – Spielfilm (2011)

ZDF 20.15 Uhr: Schneewittchen muss sterben – Krimi (2012)

Man muss die beiden Spielfilme nicht langwierig rezensieren, um zu wissen, dass es sich um weitestgehend banale und gesellschaftlich unbedeutende Fiktionen handelt, die dem Kern des Programmauftrags in keinster Weise gerecht werden. Panem et circenses.

Abseits von ARD und ZDF gibt es aber noch richtig guten, spannenden und gesellschaftlich höchst relevanten Journalismus, der – anders als die 90% Verblödung, Gleichschaltung und Sedierung durch die Öffentlich-Rechtlichen – gesellschaftlich heikle Themen anpackt und mitunter exzellent aufbereitet. Es sind Reportagen und Dokumentationen, die in der Regel von freien Journalisten und Produktionsfirmen hergestellt werden und bestenfalls im Spätprogramm oder den Nischensendern ausgestrahlt werden, wo sie dank niedriger Einschaltquoten keinen gesellschaftlichen Schaden anrichten, den ÖR aber dennoch als Feigenblatt dienen können.

Zu diesen journalistischen Highlights, die wir hier in unregelmäßiger Folge herausstellen wollen, zählt die buchstäblich brandaktuelle Dokumentation:

Der Film von can.do.berlin richtet den Blick auf mysteriöse Todesfälle, skandalöse Vorgänge, Widersprüche und offene Fragen im Zusammenhang des NSU-Komplex:

In unserer Dokumentation “Kampf um die Wahrheit – der NSU und zu viele Fragen” begleiten wir jene Menschen, die an der Aufklärung des NSU-Komplexes arbeiten. Als 2011 in einem Neubaugebiet bei Eisenach ein Wohnmobil brannte und darin die toten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden wurden, werden Waffen und Bekennervideo gefunden. Es scheint, dass die Ceska-Mordserie und der Mord an einer Heilbronner Polizistin geklärt sind. Doch seitdem sind die Fragen und nicht die Antworten mehr geworden. Warum wurden Tatorte beräumt, Beweisstücke verloren oder gar vernichtet? “Immer dann, wenn die Ermittlungsbehörden anders als gewohnt handeln”, so sagt Dorothea Marx, die Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses in Thüringen, “dann gehen bei mir die Warnlichter an.” Unsere Dokumentation wurde von den Sendern 3SAT und zdf.info produziert und lief in Erstausstrahlung Anfang Juli 2015.

Wer die 45 Minuten gesehen hat, der weiß, dass diese Doku in ARD oder ZDF zur besten Sendezeit hätte ausgestrahlt werden müssen, wenn die Verantwortlichen Programmplaner ihrem Informationsauftrag hätten gerecht werden wollen, anstatt das deutsche Publikum vorsätzlich mit fiktionalem Gedöns aus der Mottenkiste zu bespaßen, um es dumm und ruhig zu halten.

Aus diesem Grund wurde diese wichtige Doku am Montag Abend erst um 22.25 Uhr auf 3sat ausgestrahlt, statt um 20.15 Uhr in ARD oder ZDF. Eine niedrige Einschaltquote war damit ebenso garantiert, wie verhindert wurde, dass die brisanten Inhalte am nächsten Tag in den Print- und Onlinemedien thematisiert würden und dort womöglich noch mehr Aufmerksamkeit und öffentliche Diskussionen erregt hätten.

Es gibt also noch kritischen und gesellschaftlich relevanten Journalismus, aber er findet sich bestenfalls und aus politischen Gründen im Abseits von ARD und ZDF.