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Das Ausmaß der Einseitigkeit, der unverfrorenen Des- information, der gezielten Diffamierung und Destabilisierung Griechenlands und die damit verbundene Irreführung der Zuschauer durch ARD und ZDF nähert sich dem an, was man von billigstem Boulevard- und Klientel-Journalismus deutscher Gossenblätter wie der BILD gewohnt ist.

Staatsfunk in Reinform. Ohne den Hauch von Kritik an der deutschen Regierung. Immer auf Linie mit den durch nichts demokratisch legitimierten „Institutionen“, die in verschlossenen Hinterzimmern dem griechischen Volk seit Jahren eine menschenverachtende Austeritätspolitik aufzwingen, deren „Erfolg“ es war, die Wirtschaftsleistung zu schrumpfen, die Menschen ins Elend zu stürzen und dabei die Verschuldung des Landes noch weiter in die Höhe zu treiben.

Am Samstag fand an der TU Dortmund eine ganztägige Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zur Medienberichterstattung über Griechenland statt.

Wie ‚einäugig‘ ist die deutsche Medienberichterstattung zu Griechenland?

Die in sechs Vorträgen präsentierten Analysen von Talk-Shows und Medienberichten brachten erwartungsgemäß Verheerendes zutage:

TU Dortmund Griechenland240

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Als Anspielung auf Hart aber Fair trug der erste Vortrag den Titel „Pleite, Beleidigt, Dreist – Müssen wir diese Griechen retten?“. Nicht nur zugespitzt, sondern auch ernst gemeint seien die Themennamen der Polit-Talksendungen, die sich mit Griechenland beschäftigen, sagten Matthias Thiele, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der TU Dortmund, und Rainer Vowe, Medienwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum. Dazu zeigten sie in ihrem Vortrag Ausschnitte aus politischen Talkshows.

Sie kritisierten Diskussionsrunden wie Anne Will, Maybrit Illner oder Hart aber Fair, sowohl auf inhaltlicher als auch auf bildlicher Ebene. Als Beispiel wurde unter anderem das bekannte Video des Mittelfingers Varoufakis’ angesprochen. Nach Thiele und Vowe agieren die Moderatoren parteilich statt objektiv und bemühen sich nicht um Vermittlung und Lösungen. Das Fernsehpublikum erhält keine ausreichende Informationen und ist daher in seiner Meinungsbildung eingeschränkt.

„Es wird sich lustig gemacht über die neue griechische Regierung.“

Stattdessen würden Politiker wie der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis von den Medien als „Halbstarker“ dargestellt, seine Partei Syriza sei schon vor den Parlamentswahlen im Januar lächerlich gemacht worden.

Griechenland – „Die griechische Kuh, die es vom Eis zu schieben gilt“ – ist für Thiele und Vowe ein „Sprechbild“ der Medien, ähnlich dem medialen Bild von Lehrern und „griechischen Schülern“, die ihre Hausaufgaben machen sollen. Politik und Journalismus sind von Bildern und Symboliken dieser Art abhängig. Jürgen Link, Literaturwissenschaftler, sprach in seinem Vortrag in diesem Zusammenhang von einem „symbolischen Rahmen“.

Elementar ist dabei die „Wir-Sie-These“. „Wir“, das sind die Deutschen, manchmal auch die Europäer. „Sie“, das sind die Griechen. Dieser Sprachgebrauch spiegelt sich in den deutschen Medien insbesondere in den Schlagzeilen wider. “Und DIE wollen UNSER Geld?” titelte zum Beispiel Bild.de am 20.06.2011. Das „wir“ steht für Normalität, das „sie“ für das Abnorme. Dadurch entstehen laut Link unterschiedliche Normalitätsklassen. Link kritisiert, dass es als „normal“ angesehen werde, dass Griechenland „sich nach unten korrigieren und sich an Armut gewöhnen solle“ – während es unvorstellbar wäre, wenn diese Forderung sich an Deutschland richten würde.

Die rund 40 Zuhörer reagierten zum Teil emotional auf die Vorträge. So war eine Zuhörerin geplättet von der “gewaltigen Gewalttätigkeit der Talkshows, die man jetzt voll in die Fresse bekommt.” Eine andere Zuhörerin berichtete, dass sie Polit-Talkshows als “Körperverletzung” wahrnehme.

Die Vortragenden appellierten, dass die deutsche Medienlandschaft nicht nur ihr „deutsches Auge“ benutzen, sondern auch ihr „griechisches Auge“ öffnen soll, um eine fairere Berichterstattung über Griechenland gewährleisten zu können. (Quelle)

Das WDR-Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ berichtete am Samstag über diese Veranstaltung und noch in der Anmoderation pöbelte Max von Malotki gegen das von der griechischen Regierung geplante Referendum:

Malotki: „Das kann man jetzt als urdemokratischen Zug betrachten. Kann man aber auch – um nochmal zum Fußballbeispiel zurückzukommen – so beschreiben, dass Griechenland sich vor dem Elfmeterschießen entschlossen hat, das Tor aus dem Stadion zu tragen.“

Die erwiesene – und in den Vorträgen detailliert herausgearbeitete Einseitigkeit und Desinformation der deutschen Medien über die Krise in Griechenland – bezeichnet Malotki kurzerhand als „These“. Der anschließende Bericht straft ihn Lügen, denn es handelt sich nicht um eine These, sondern um erwiesene Fakten, die so unzweideutig sind, wie die Drehung der Erde um die Sonne. Eine These wäre hingegen – man könnte es auch eine absurde Behauptung nennen -, dass Malotki ein unabhängiger Journalist sei.

Auch die verharmlosende Behauptung in der Ankündigung des Beitrags auf der Webseite des WDR, es handele sich nur um die Verbreitung von „Klischees„, ist eine vorsätzliche Verharmlosung auf der Meta-Ebene. Es sind natürlich keine „Klischees„, die verbreitet werden, sondern gezielte, politisch motivierte Narrative, die der Diffamierung, Diskreditierung und Schwächung der griechischen Regierung dienen, sowie der Rechtfertigung und Stützung der Politik der deutschen Regierung und der EU.

WDR5_toenetextebilder_griechenland486Hier der Mitschnitt des Beitrags, in dem einige Dozenten zu Wort kommen:

Medien- und Literaturwissenschaftler Matthias Thiele über die Talk-Shows und vermittelten Bildlichkeiten in ARD und ZDF:

Thiele:Diese Titel sind schon echt der Hammer, wenn man sich überlegt, da hätte ich schon am liebsten immer aufgehört, aber ich habe mich tapfer gehalten. Aber solche Titel: »Griechenland am Abrund – Stolpert die Regierung Tsipras einen Schritt nach vorn?«, »Athen gegen Alle – Scheitert der Euro?«, »Putin, NATO, Griechenland – Wer spaltet Europa?«, »Geduld am Ende – Großer Knall um Griechenland«…

Eine dieser Dominanzen, eine dieser Hegemonien, wie Griechenland betrachtet wurde, war eben ganz am Anfang: die griechische Regierung, das sind Anfänger, die im Grunde vom Regieren keine Ahnung haben. Die sind nicht regierungsfähig. Dann kamen weitere Aussagen und Bildlichkeiten dazu, so ein Komplex ‚Schule‘, also aus der Oberlehrerperspektive. So wurde gesagt: Die machen die Hausaufgaben nicht. Die liefern nicht. Die sind nicht lernwillig. Die wollen Regeln nicht befolgen. Sie wollen die Schuld der Schulden nicht tragen. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen. Sie bewegen sich nicht auf uns zu. Sie können nicht verhandeln….“

Das vernichtende Urteil – angesichts dieser Propaganda und Desinformation – kommt zum Schluss:

Thiele: „Es wäre mir glaube ich doch wichtig, dass die Information, das Informative wieder mehr Raum gewinnt – insbesondere beim Griechenland-Diskurs. Es entsteht, sowohl bei der Tageszeitungslektüre, als auch beim Talk-Show-Schauen – soweit man das erträgt sich überhaupt anzugucken, was da passiert – entsteht ein großer Informationshunger, weil, das wird im Moment nicht geliefert…“

Besonders frech und dümmlich: direkt im Anschluss an den Beitrag muss das WDR5-Medienmagazin zur Relativierung des gerade Gesendeten ein Interview mit dem eigenen WDR-Korrespondeten in Athen, Michael Lehmann, präsentieren, der darlegen soll, dass die Medien in Griechenland auch nicht besser seien. Das ist methodisch auf dem intellektuellen Niveau antiislamischer Hetzer, die hierzulande gegen den Bau von Moscheen mit dem Hinweis „argumentieren“, in der Türkei wäre der Bau christlicher Kirchen auch problematisch. ARD und ZDF haben sich selbstverständlich nicht an Medien in Russland, Griechenland oder dem Vatikan zu orientieren – so wenig, wie Deutschland sich an der Türkei zu orientieren hat -, sondern einzig und allein an den Vorgaben des Staatsvertrags. Wäre Malotki nicht so ein erbärmlicher Staatsfunkbüttel, hätte er diesen Vergleich angestellt, anstatt auch noch gegen die griechischen Medien zu hetzen. Wer möchte, kann sich die komplette Sendung hier anhören oder herunterladen.

Die Sendung auf WDR5 war kaum verklungen, da ging es in der ARD am Sonntag erneut mit beinharter Propaganda zur Sache – und zwar sowohl in vermeintlicher Berichterstattung im ARD „Brennpunkt„, als auch in den nahezu unerträglich tendenziösen Talk-Shows.

Theodoros Paraskevopoulos, Gründungsmitglied und Berater von Syriza und einziger Talk-Gast, der die griechische Position vertreten durfte, brachte es gestern bei „Günther Jauch“ – mit Blick auf den in der ARD zuvor um 20.15 Uhr ausgestrahlten „Brennpunkt“ – auf den brennenden Punkt:

ARD_Jauch_Griechenland_Brennpunkt240„Ich habe ja heute auch eine Propaganda-Sendung in der ARD leider gesehen. … Der Brennpunkt, ja. Wobei ich sagen muss,…, die Stellungnahme der Dame [von der Konrad-Adenauer-Stiftung], war die Ausgewogenste von allen.“ (34:40min)

Ein Syriza-Anhänger lobt die Leiterin des Auslandsbüros der KAS in Griechenland? Wer den Brennpunkt gesehen hatte, wusste, was Paraskevopoulos meinte. Was da in der ARD zur besten Sendezeit nach der tagesschau wieder einmal an einseitiger Desinformation gesendet wurde, hatte mit dem Informationsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks so viel zu tun, wie die Berichte der „Deutschen Wochenschau“ mit den realen Geschehnissen an der Ostfront.

Ganz im Sinne der Anti-Demokraten auf Seiten der Euro-Gruppe, agitierte BR-Mann Sigmund Gottlieb sogar mit frechen Lügen gegen das von der griechischen Regierung geplante Referendum:

ARD_Brennpunkt_Gottlieb240Gottlieb: „Das Land steht kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. In dieser Lage überträgt die Regierung die Verantwortung dem Volk und will eine Abstimmung, für die eigentlich die Grundlage fehlt.“

Die Suggestivfragen Gottliebs an die Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Athen, Susanna Vogt, waren Lehrbeispiele für Agitation, Unterstellung und Diffamierung verkleidet als Journalismus:

Gottlieb: „Frau Vogt, man hat das Gefühl, die griechische Regierung treibt das Land aus der Euro-Zone in der die Mehrheit der Griechen aber eigentlich bleiben möchte.“

Gottlieb: „Wieviel politische Vernunft steckt denn eigentlich in einer solchen Entscheidung, ein Referendum herbeizuführen und Abstimmen zu lassen. Ja, worüber eigentlich Abstimmen lassen?“

Gottlieb: „Wieviel Rückhalt hat diese Regierung eigentlich in der Bevölkerung?“

Dass sich ausgerechnet die politisch-ideologisch der Adenauer-Stiftung verpflichtete Vogt, in ihren Antworten ausgewogener, informierter und vernünftiger präsentierte, als der Schmierenjournalist Gottlieb in seinen Fragen, sagt eigentlich alles über den Zustand dieses abgewrackten Staatsfunks.

So kam in diesem „Brennpunkt“ kein einziger Vertreter der griechischen Regierung zu Wort, kein unabhängiger deutscher Wirtschaftsexperte, der die Vorgänge unvoreingenommen und verständlich erklärte, sondern nach der CDU-nahen Susanna Vogt folgte ein Interview mit dem Präsidenten des neoliberalen ZEW Clemens Fuest – ein bezahlter Propagandist der deutschen Wirtschaft. Fuest wusste dann auch unter totaler Verdrehung der realen Vorgänge, lautstark gegen die griechische Regierung zu hetzen:

ARD_Brennpunkt_Fuest240Fuest: „Die griechische Regierung ist eine Regierung, die das eigene Volk in Geiselhaft nimmt, einer schlimmen Wirtschaftskrise aus- setzt, nur, um den Rest Europas zu erpressen und ihre Vor- stellungen darüber durchzusetzen, wie Wirtschaftpolitik läuft…“ [Im Hintergrund zustimmendes Gemurmel Gottliebs]

Direkt im Anschluss an das Interview geht es mit Gottliebs Hetze gegen die griechische Regierung weiter:

Gottlieb: „Die Euro-Zone war in den zurückliegenden Jahren ein Raum des permanenten Regelverstosses und der nicht gezogenen Konsequenzen. Obwohl die Bestimmungen, was gegen schwarze Schafe zu tun ist, eindeutig sind. Möglicherweise haben jetzt die Athener Provokationen dazu geführt, dass die Zeiten der permanenten Problemvertagung zu Ende gehen.“

Auch zum Ende der Sendung kommt nicht etwa noch ein Vertreter der griechischen Regierung oder ein unabhängiger deutscher oder griechischer Journalist zu Wort, sondern die versammelte Mannschaft staatlicher ARD-Maulhuren von Berlin über Frankfurt und Brüssel bis Athen. Es beginnt mit der gerade zum Chefredakteur beförderten reaktionären Hofschranze Rainald Becker.

Becker: „Die Hoffnung, dass Premier Tsipras noch einlenkt, ist hier in Berlin gering.“

Gottlieb: „Jetzt zu Christian Feld in Brüssel. Herr Feld, EU-Kommissionspräsident Juncker und Parlamentspräsident Schulz sind mit ihrer Geduld an der griechischen Regierung GESCHEITERT. Gibt es überhaupt noch Aussicht auf so etwas wie ein europäisches Lösungskonzept in dieser dramatischen Situation?“

Feld: „Es ist schon deutlich zu spüren, wie groß die Verärgerung darüber ist, dass Alexis Tsipras dieses Referendum so kurzfristig angekündigt hat. Das hat auch Wohlmeinende ziemlich brüskiert…“

Es würde vollkommen ausufern, das gesamte ranzige Portefeuille der Propaganda eines Wochenendes in ARD und ZDF über die Krise in Griechenland aufarbeiten zu wollen. Ob das der sogenannte „Presseclub“ ist, stündliche Nachrichtensendungen, Talk-Shows, Interviews, Berichte oder Sondersendungen wie „Brennpunkt“ oder „ZDF spezial“ oder eben auch vermeintlich kritische Berichte auf der Meta-Ebene des Mediendiskurses wie in „Töne, Texte, Bilder“: Propaganda und Desinformation des Staatsfunks haben die Qualität eines autoritär regierten Bananenstaates. Nur die Quantität, die entspricht den 8 Milliarden Euro abgepresster Verblödungssteuer.