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ard_logoWording ist eine mächtige Waffe in der Gehirnwäsche von Bürgern und der Konstruktion einer Realität, die der Herrschaft dienlich ist. Anders, als die in Sätzen konstruierten Verzerrungen oder Lügen, handelt es sich um raffinierte Täuschungen, denen unser Gehirn nur schwer widerstehen kann, weil es sich nicht um die Kernaussage eines Satzes handelt, sondern um eine oftmals unterhalb der Wahrnehmungsschwelle als wahrhaftig vorausgesetzte Prägung eines Begriffs oder Kontextes.

Beispiel: „Die Pistole der Marke „Ceska“, die das NSU-Trio für seine Mordserie verwendete, soll aus der Schweiz stammen.“

Die Aufmerksamkeit des Lesers (oder Hörers) liegt auf der Waffe, ihrer Herkunft und der Mordserie. Stillschweigend wird aber durch das Wording „NSU-Trio“ permanent unterschwellig suggeriert, dass es sich nur um drei Täter handelte, die diese Mordserie planten und ausführten. Durch die systematische Verwendung dieses Begriffs wird diese Lüge als vermeintliche Wahrheit ins öffentliche Bewusstsein gepflanzt, um unbequeme Fragen nach dem ganzen Ausmaß des Verbrechens gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zwei des vermeintlichen „Trios“ sind tot und die Dritte ist im Gefängnis – Fall gelöst!

Wording ist eine Vorstufe zum Neusprech, welches nicht nur einzelne Begriffe umfasst, sondern in der Summe politischer Wortschöpfungen eine neue Sprache erschafft, die das Denken und Empfinden von Menschen komplett auf den Kopf stellt: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke. Das wohl am weitesten verbreitete Beispiel ist die missbräuchliche Verwendung des Wortes „Demokratie“ für ein System, in dem die Bürger rein gar nichts zu entscheiden haben und sich alle vier Jahre in einem freiwilligen Akt der Selbstentmündigung unter die Vormundschaft der Führungsclique einer Partei stellen.

Die Beispiele politischen Wordings in deutschen Medien sind Legion. Man könnte einen veritablen Wälzer darüber schreiben: Regime-Regierung, Präsident-Diktator-Machthaber-Despot, Oligarch-Geschäftsmann, robustes Mandat-Militäreinsatz-Friedensmission-Krieg, Folter-Verhörmethoden, etc.

Allen Journalisten – auch jenen in den Staats- und Konzernmedien, die diese Berufsbezeichnung zu Unrecht führen – ist die Bedeutung des Wordings so bewusst, wie einem Maler die Wirkung und Mischung von Farben. An Texte und Kommentare in den Nachrichtensendungen wird akribisch gefeilt, wissend, dass Millionen Menschen zuschauen, darunter Chefredakteure und jene politischen Machthaber, über die man berichtet und deren Wohlwollen man ausgeliefert ist.

Wenn also Rolf-Dieter Krause, Christian Feld und Judith Rakers in der ARD tagesschau am Mittwoch (ab 3:15min) zur besten Sendezeit folgende Sätze von sich geben, dann ist das kein Geschwätz am Tresen, sondern wohl überlegte Wortwahl und gezielte Meinungsmache:

ARD_TS_03062015_Geldgeber_RakersJudith Rakers: „Ohne finanzielle Hilfen droht Griechenland in weni- gen Tagen die Zahlungsunfähig- keit. Um über einen Weg aus der Schuldenkrise zu sprechen, hat EU-Kommissionspräsident Juncker am Abend zu einem Treffen nach Brüssel geladen…Gemeinsam soll versucht werden, einen Kompromiss zwischen den internationalen Kreditgebern und Athens Regierung zu finden.“

Christian Feld: „…Tsipras will für sein eigenes Reformpapier werben, das jedoch bis jetzt bei den Geldgebern auf keinerlei positive Resonanz gestoßen war… In der Nacht zu Dienstag hatten Frankreich und Deutschland mit der europäischen Zentralbank, dem Internationalen Währungsfond und der EU-Kommission eine gemeinsame Position der Geldgeber gefunden…“

Rolf-Dieter Krause: „… Wenn es nach den Geldgebern geht, dann wird der Präsident der EU-Kommission, dem griechischen Ministerpräsidenten heute Abend die neuen Vorschläge der internationalen Geldgeber erläutern und ihm klarmachen, dass die seine letzte Chance sind, Griechenlands Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden…Die Vorschläge der Geldgeber enthalten dem Vernehmen nach ohnehin Zugeständnisse…allein das würde die Geldgeber künftig zusätzlich etwa 2 Milliarden Euro pro Jahr kosten…“

Der Eindruck, der hier erweckt werden soll, verhöhnt die Realität in zweifacher Weise. Von „finanziellen Hilfen“ für Griechenland ist schon zu Beginn die Rede. Ein einziges Mal taucht der Begriff „Kredit“ auf, während in der Folge ausschließlich von „Geldgebern“ die Rede ist – insgesamt 6 Mal!

Der Begriff „Geldgeber“ suggeriert das exakte Gegenteil dessen, worum es in Wahrheit geht. Er suggeriert, dass es sich um eine Gabe an Griechenland handeln würde. Geben ist aber per definition ein einseitiger Akt ohne jeden Anspruch auf Rückforderung oder gar Bezahlung für die Gabe – womit wir es ja bei einem Kredit zweifellos zu tun haben, denn es werden Zinsen fällig. Den Griechen wird nichts gegeben, es wird ihnen etwas verkauft und zwar Geld und dieses Geld haben sie eines Tages zurückzugeben und obendrein zu bezahlen.

Objektiv betrachtet sind es deshalb nicht die Kreditgeber, die einem Land, einem Konzern oder einer Person „Geld geben„, sondern es ist genau umgekehrt: Nach dem kompletten Vollzug eines Kreditvorgangs, der die Rückzahlung selbstverständlich impliziert, hat der vermeintliche „Kreditgeber“ mehr Geld, als er zuvor „gegeben“ hat. Der Kreditnehmer hat aber weniger, denn er muss nicht nur den gegebenen Kredit, sondern auch Zinsen für diesen Kredit bezahlen.

Es ist, als würde man einen Autoverkäufer als Autogeber bezeichnen – völlig absurd. Hinter dieser semantischen Lüge steckt aber keinesfalls sprachliche Schlamperei, sondern Methode. Es geht zum einen darum, das herrschende System der Gelderschaffung aus dem Nichts und der Kreditvergabe dieses leistungslos erschaffenen Geldes gegen Zinsen nicht infrage zu stellen. Zum anderen geht es darum, die Griechen als undankbare Beschenkte darzustellen, denen die „Geldgeber“ großzügig Gutes täten.