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„Journalist“ ist ein branchenbezogenes Medienmagazin des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) – der Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten.

In seiner aktuellen Ausgabe widmet sich das Magazin in 10 Fällen der Frage, ob es sich noch um unabhängigen Journalismus handelt oder nicht. Ist doch toll, könnte man meinen. Ob es sich hierbei aber tatsächlich um eine funktionierende Kontrolle der Medien oder nicht doch um eine fadenscheinige Alibiveranstaltung handelt – wie wir sie derzeit aus einer Reihe pseudokritischer Diskussionen aus Kreisen der Journalisten kennen – wollen wir hier einmal beleuchten.

Keine Überraschung: Bei Werbung für Pommes klingeln die Alarmglocken – bei politischer Propaganda hingegen stellt man sich blind, taub und stumm.

Dazu schauen wir uns nur an, welche Medien und welche Inhalte das Magazin unter die Lupe genommen hat. Die konkreten Fälle lassen wir inhaltlich weitestgehend außen vor. Wir wollen hier also nicht abwägen, ob eine tagesschau-Sprecherin Werbung für McDonalds machen darf, sondern ob das Magazin „Journalist“ mit der Auswahl der untersuchten Fälle tatsächlich eigene Unabhängigkeit und kritische Grundhaltung bewiesen hat.

Hier also die Liste der von „Journalist“ untersuchten Grenzfälle:

  • In der Süddeutschen Zeitung erschien Ende März eine redaktionelle Sonderseite über das Thema Immobilienfinanzierung. Ein Baufinanzierer, der in einem der Texte vorkommt, ist gleichzeitig der Anzeigenkunde dieser Seite. Lesen Sie hier mehr zum Fall.
  • RTL- und n-tv-Moderatorin Annett Möller trägt in ihrer Sendung Kleider ihrer eigenen Modelinie. Möller macht zwar im Fernsehen keine Werbung für ihre Kleider, online aber schon. Lesen Sie hier mehr zum Fall.
  • Edition F verlinkt in einem Text über Businessmode die passenden Onlineshops. Sollte es zum Kauf kommen, verdient Edition F mit. Lesen Sie hier mehr zum Fall.
  • stuttgarter-zeitung.de veröffentlicht ein redaktionelles Themenspecial. Vier von sieben Texten sind PR-Texte und geben einseitige Produktempfehlungen.
  • Geo geht zusammen mit Nicko Cruises 2016 auf Flusskreuzfahrt. Die Redaktion wird eingespannt.
  • Focus Online veröffentlicht eine Native Ad. Thema: Wucherungen in der Gebärmutter. Der Anzeigenkunde: ein Pharmaunternehmen.
  • NDR-Moderatorin Judith Rakers eröffnet eine McDonald’s-Filiale.
  • Curved.de berichtet über die Mobilgeräteindustrie. Hauptfinanzierer von Curved: E-Plus.
  • Die Forum Media Group sucht einen stellvertretenden Chefredakteur, der auch werbliche Beiträge recherchieren und texten soll.
  • Werbliche Texte eines Heilpraktikers aus Mönchengladbach erscheinen immer wieder in der Presse. Auch in Bild der Frau.

Näheres zu den einzelnen Fällen kann man bei Meedia nachlesen. Dort schreibt Stefan Winterbauer, dass es sich um „komplett unterschiedliche Fälle“ handele. Das ist im Detail betrachtet richtig. Aber es geht in den Grenzfällen grundsätzlich immer darum, ob journalistische Arbeit noch als unabhängig angesehen werden kann, wenn die Journalisten – oder das Medium – , durch ihre Arbeit Geld oder geldwerte Vorteile bekommen oder erhoffen können, die sie in ihrem Blick auf das Thema korrumpieren könnten.

In diesen Fällen ist journalistische Arbeit kein Journalismus mehr, sondern schnöde Werbung. Um die Rezipienten nicht in die Irre zu führen, müssten diese Hintergründe offen gelegt werden.

Was auf den ersten Blick auffällt

Mit dem geschulten Blick eines medienkritischen Beobachters fällt sofort auf, dass nicht ein einziger politischer Grenzfall betrachtet wurde. Zufall? War nicht kürzlich Markus Söder „Gaststar“ einer Soap im Bayrischen Rundfunk? Soll das etwa keine soeder_dahoam3240Werbung für Söder und die CSU gewesen sein? Haben Markus Söder und die CSU nicht etwa doch politische  und damit handfeste finanzielle Vorteile von einem nicht als Parteienwerbung gekennzeichneten Auftritt, in dem der „Heimatminister“ zur besten Sendezeit, in einem als unverfänglich wahrgenommenen Sendeumfeld die Arbeit seiner Partei preisen kann? Und warum sollte der private Auftritt einer Judith Rakers bei der Eröffnung der Pommesbude eines US-Konzerns grenzwertiger sein, als die schamlose Eigenwerbung eines regierenden Politikers im zwangsgebühren-finanzierten Staatsfunk?

Was viel bedenklicher ist und niemandem auffällt

Der schamlose Auftritt Söders – der früher selbst Redakteur beim CSU-Haussender BR war – ist nur ein augenfälliges Beispiel dafür, wie weit es in diesem Land gekommen ist. Bei den Verantwortlichen gibt es nicht das geringste Schuldbewusstsein. Erst im nachhinein präsentiert man sich etwas reuig. Würde aber ein Vladimir Putin ähnliche Mätzchen in „seinem Staatssender“ veranstalten, die deutschen Maulhuren – insbesondere in ARD und ZDF – würden Gift und Galle spucken.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären, denn die klandestine politische Propaganda in ARD und ZDF, die im Falle Söders nur eine groteske Spitze darstellt, ist in Wahrheit gang und gäbe. Sie wird weder von den „unabhängigen“ Journalisten des „Journalist“ thematisiert, noch von einem ebenfalls vom System abhängigen Stefan Niggemeier in seinem oberflächlichen Staubwedel-Blog.

Zu Recht wird es kritisch gesehen, wenn Pharma-Lobbyisten Artikel in den Medien platzieren, die dann als redaktionelle und damit vermeintlich kritische und unabhängige Arbeit verkauft werden. Was aber, wenn es sich nicht um Pharma-, sondern um Polit-Lobbyisten handelt, die die Bürger über politische Hintergründe zu Vorgängen im eigenen Land oder gar des Weltgeschehens  „aufklären“ sollen? Warum sieht das vermeintlich medienkritische Magazin „Journalist“ den (als Werbung offensichtlichen) Pommesauftritt einer Nachrichtensprecherin grenzwertig, hat aber offensichtlich kein Problem damit, dass nahezu täglich in den Nachrichtensendungen und Polit-Formaten der öffentlich-rechtlichen Sender „Experten“ zu Wort kommen, die zu 100% von Regierungen oder Konzernen bezahlt werden?

Die Rede ist von Politlobbyisten der „Stiftung Wissenschaft und Politik„, der „Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik„, des „German Marshall Fund“ und anderer sogenannter Thinktanks, die – finanziert von der Regierung, von fremden Regierungen oder durch das Großkapital – Lobbyarbeit verrichten, wie jeder herkömmliche Pillen-, Handy- oder Autoverkäufer – nur geht es hier um politische und damit potentiell weit gefährlichere Werbung und Meinungsmache, als im Fall von Heilpraktikern, Pharmaunternehmen oder Junk-Food-Konzernen.

Polit-Lobbyisten_ZDF1525Polit-Lobbyisten wie Markus Kaim, Volker Perthes, Constanze Stelzenmüller u.a. werden in den Staatsmedien nicht nur regelmäßig als scheinbar unabhängige Experten präsentiert, die den Bürgern die Lage in Krisengebieten und die aus ihrer Sicht notwendige Politik der deutschen Regierung erklären. Diese Experten arbeiten sogar politische Pamphlete aus, die die Richtung der deutschen Außenpolitik vorgeben.

Dass diese Experten von genau der Regierung bezahlt werden, zu deren Politik sie in den Medien dann Stellung und Meinung beziehen, ist vom journalistischen Standpunkt aus gesehen längst nicht mehr nur grenzwertig, es ist grotesk – und wird obendrein regelmäßig totgeschwiegen. Dass ein „Journalist“ wie Claus Kleber Mitglied des politischen Lobbyvereins „Atlantik-Brücke“ ist, stellt für die vermeintlich kritischen Journalisten des „Journalist“ offensichtlich auch kein Problem dar. Man stelle sich vor, er wäre im Aufsichtsrat der Bayer AG oder bei Volkswagen! Wenn dieser Atlantik-Brücken-Lobbyist Claus Kleber im heute-journal quasi wöchentlich einen von der Regierung bezahlten Markus Kaim oder Volker Perthes zu den Ereignissen in der Ukraine oder Syrien „befragt“, dann hat das mit unabhängigem Journalismus so viel zu tun, wie der Werbeblock vor den Nachrichtensendungen. Es ist lupenreine staatliche Propaganda – nichts anderes.

FAZIT:

Das Magazin „Journalist“ des Deutschen Journalisten Verbands präsentiert den Lesern einen Anschein journalistischer Selbstkritik und ignoriert den politischen Sumpf unter den oberflächlichen Petitessen. Wir kennen diese Methode des Pseudodiskurses aus den öffentlichen Diskussionen der letzten Wochen. Ob das vorsätzlich oder aus Dummheit geschieht, darüber möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Es ist aber alles andere als  Zufall, dass Rakers Pommeswerbung diesem Blog lediglich einen spöttischen Tweet wert war, während die Macher des vermeintlich medienkritischen Magazins daraus einen Fall der Grenzwertigkeit stricken. Deren Botschaft ist: Alles in Ordnung! Das Schlimmste was man uns vorwerfen kann ist Frittenwerbung in der Freizeit. Die Wahrheit sieht anders aus: Nichts ist in Ordnung im deutschen Journalismus. Egal ob Staats- oder Konzernpresse, sie alle sind weder unabhängig, noch unparteilich und schon gar nicht objektiv – nicht einmal ansatzweise. Sie betreiben Meinungsmache im Sinne der Regierung, der Konzerne und einer Besatzungsmacht, die dieses System überhaupt erst installiert hat – und bis heute überwacht. Dass die Webseite des „Journalist“ denn auch von VW-Werbung nachgerade umzingelt ist, macht die Sache nicht besser. Die „unabhängigen“ Journalisten des Verbandes kommen offensichtlich selbst nicht über die Runden, ohne sich zu prostituieren…