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Ein Beitrag von Mischa Strogow im Propagandamelder:

Kaum ein Journalist polarisiert in der aktuellen Debatte so wie die ARD – Korrespondentin Golineh Atai, die zusammen mit einem Kollegen für Russland, die Ukraine und den Rest der ehemaligen Sowjetunion zuständig ist. Die Kommentare der sympathisch und klug wirkenden Frau mittleren Alters mit der sanften Stimme sind gefürchtet. Weniger wegen des Inhalts, da unterscheidet sie sich ihre oft hermetisch wirkenden Argumentationsketten nur in Nuancen von den Kollegen, für mich ist es die Art, wie sie Meldungen in ruhigem Ton vorträgt, der Spin, den sie mit einem herablassenden Lächeln, sarkastischer Betonung oder einem höhnischen Zucken im Mundwinkel, einer sonst neutralen Nachricht verleihen kann.

Deswegen hat es mich einige Überwindung gekostet, die 2 Stunden Interview anzuhören, die Marco Herack mit ihr geführt und hier auf Denktagebuch veröffentlicht hat.

Marco Herack scheint ein aufgeweckter junger Mann zu sein, der aus seinem Herzen keine Mördergrube und aus seiner Herkunft kein Hehl macht. Mir ist er als einer der Autoren des „Wost“ – Blogs der FAZ bekannt, der allerdings kürzlich eingestellt wurde.
Mit seinem Atai – Interview ist ihm wirklich ein erstaunliches Stück Journalismus geglückt, in dem die Interviewte in all ihrer Sensibilität, Zerrissenheit und auch Begrenztheit sichtbar wird.

Da es um den „Informationskrieg“ geht, läßt Herack zunächst die Atai geduldig all die Versatzstücke der westlichen Kriegspropaganda aufzählen: „Trollfabriken“, russische Soldaten im Donbass, die Soldatenmütter, Putin der Schwindler… Ob er ihr tatsächlich oder nur vermeintlich glaubt, bleibt offen und so fühlt sie sich wunderbar bestätigt und redet und redet, nur gelegentlich unterbricht sie sich selbst mit ihrem bekannten sarkastischen Lachen. Eine Stimmung, wie sie unter Kollegen herrscht, die vielleicht auf den Beginn einer Pressekonferenz warten, sich die neusten Twitter – Meldungen von „Interpreter“ oder von Soros‘ „Ukrain Crisis Media Center“ zeigen oder sich anderweitig an russischen Schandtaten gütlich tun.

Dabei wird schnell klar: Atai ist auf einer Mission in Feindesland, sie ist die Kundschafterin der Rechtschaffenheit und der Zivilgesellschaft, die hereingelegt und getäuscht werden soll, vor der man Dunkles versteckt und Inszeniertes herzeigt. Deswegen darf sie keine Schwäche, keine Sympathie zeigen für den Gegner, den Feind, das Ziel ihres Auftrags. Und so sind ihr die Russen nicht mehr als williges Wachs in den Händen Putins, nicht mal die Opposition ist genug Opposition, zu desolat, zu nationalistisch. Keine Chance, „irgendwo anzudocken“. Nicht mal die nette ältere Stadtführerin auf der Krim, von der sie freundlich nach Hause zum Essen und Feiern mit der Familie eingeladen wird, findet vor ihren Augen Gnade: verhetzt von russischer Propaganda.
Auch die russische Diaspora im Baltikum ist ihr lediglich eine gefährliche Manövriermasse für „Putins Expansion“. Und ganz verstörend: Schwule und Lesben, die unter den Klängen der Nationalhymne eine russische Fahne auf einer privaten Datschen-Party hissen. Wie kann das sein, sind die nicht verfolgt?

Geschickt stößt Herack immer wieder in die schwarzen Löcher von Atais Geschichtchen und plötzlich stockt der Gesprächsfluß. Keine Antwort. Ist auch eine Antwort.

Dann ist da noch die „abnehmende Strahlkraft des Westens“, Irakkrieg, Drohnenmorde, Kosovo. Das sind für sie vor allem lästige Fußangeln, die ihr immer wieder von „Verschwörungstheoretikern“ zwischen die schön gereihten Argumente geworfen werden. Und Forderungen nach ausgewogener Berichterstattung oder gar nach den 2 Seiten der Wahrheit stören und sind nur das Vehikel russischer Desinfomation.

golineh_ataiNatürlich sieht Atai auch die eigenen Grenzen bei der Beschaffung und Überprüfung von Informa- tionen. Aber was nicht zu leisten ist oder nicht in die Sendezeit paßt, muß dann eben durch Parteilichkeit – sie nennt es „historische Einordnung“ und „Informationen der Metaebene“ – ersetzt werden. Sicher hat sie sich selbst oft gefragt, wie sie ihre Geschichten „wasserdicht“ bekommt und eine noch bessere „Journalistin“ wird.

Herack: „Die ARD als Institution, die FAZ, sind für mich nicht mehr glaubwürdig, es gibt tatsächlich nur noch den einzelnen Journalisten, den ich mir jeweils einzeln angucken muß.“

Und dann muß sogar Atai zugeben, daß das Grundvertrauen in den Journalismus wohl zerstört ist und nicht wiederkommt. Deutliches Zeichen sind die Programmbeschwerden „unbekannten Ausmaßes und unbekannter Raffinesse“, mit denen sie immer wieder „beehrt“ wird. Danach kann man „die Uhr stellen, das liegt in der Luft“.
Aber wie sich nicht paralysieren lassen, wie weitermachen im Kampf für, ja wofür eigentlich noch? Wie umgehen mit Leuten, die partout an eine „geostrategische Auseinandersetzung“ glauben wollen?

Nach fast 2 Stunden wird es noch mal spannend: Atai stehe ihrem eigenen Berufsstand durchaus kritisch gegenüber, sagt sie, was darin liegen mag, daß sie in einem anderen Land geboren sei, im Iran (sie hat nicht die Kraft, es auszusprechen), und daß sie unzufrieden gewesen sei mit dem medialen Bild, daß von ihrem Heimatland gemalt wurde. Da hat sie auch private Initiative gezeigt, versucht, das Bild im „Mutterhaus“ zu durchbrechen, aber auch über soziale Netzwerke eine Gegenöffentlichkeit zu organisieren im Iran, womöglich mit Hilfe von „Proxies“.

Sie ist klug genug, durchaus Parallelen zur Ukraine und Russland zu ziehen, denn tausenden russischstämmigen Mitbürgern dürfte Atais Berichterstattung ganz ähnlich aufstoßen wie ihr die Verortung des Irans auf der „Achse des Bösen“. Aber mit der konsequenten Leugnung geopolitischer Zusammenhänge kommt sie in ihren Überlegungen eben nicht weiter, kann nicht 1 und 1 zusammenzählen. Was anderen mit iranischer Abstammung, Ken oder Sarah Wagenknecht, durchaus gelingt.

Und so muß Marco Herack wieder helfen: „Es gibt natürlich berechtigte Kritik.., von allen staatlichen Akteuren gibt es Informationen, die gestreut werden.“

Atai versteht nicht, berichtet statt dessen von einer Pressekonferenz in Moskau, auf der einzig die ARD namentlich erwähnt wurde als ein Sender, dessen Glaubwürdigkeit erschüttert sei. Und nur, weil der Sender einmal eine Richtigstellung gebracht und sich so angreifbar gemacht hatte. Das scheint ihr, verständlicherweise, nahe zu gehen: schließlich ist sie in der ARD groß geworden, hat sich ihre Sporen verdient mit den Farbenrevolutionen in grün und orange, es schließlich in die erste Reihe geschafft. Wo sie Ansprechpartnerin ist für die Mächtigen, Meinungsfreudigen und Eloquenten, wo sie sich gut eingebettet fühlt und ausgezeichnet wird. Und noch eine Pressekonferenz, in der sich alle Augen auf sie als Vertreterin der ARD richten. Unangenehm. Beleidigend. Hat sie das nötig?

Herack: „Die ARD ist ein dankbares Ziel, weil sie eine staatliche Institution ist?“

Atai (energisch): „Die ARD ist eine öffentlich-rechtliche Institution, aber sie wird als strategische Institution eines Staates wahrgenommen.“

Da muß Herack doch schnell zurückrudern: „Ist ja naheliegend, weil es vom Staat finanziert ist, ist es auch eine staatliche Propaganda – Institution.“

Atai (goldig lachend): „Aber sie ist doch vom Gebührenzahler finanziert!“

Damit ist das Thema für sie abschießend behandelt. Und weiter geht es mit für eine Osteuropa – Expertin doch etwas überraschenden Aussagen, etwa „daß die Ukraine geistig so lange in unserem toten Winkel lag und liegt und über die wir immer noch so wenig wissen, daß es da eine selbständige Entwicklung gab, einen Volkswillen, der sich irgendwie ausgedrückt hat“.
So kann man es formulieren und es fällt auf, daß westliche Berichte vom Beginn der Krise an kaum proukrainisch und vor allem antirussisch waren. Sicher, es gab in Kiew wenig Sympathieträger, aber bezüglich Russland konnte man auf die propagandistische Vorarbeit aus 2 Weltkriegen bauen und das Instrumentarium des Kalten Krieges nutzen.

„Was kann man also tun gegen all die russische Propaganda, mit eigener Propaganda antworten ?“, fragt Herack.

Atai: „Vielleicht will das ja jemand provozieren, daß wir selber überreagieren und mit einer offensiven Haltung kommen… Und da ist ja viel Konfusion gestreut worden darüber, wer dieser Bandera eigentlich ist oder was ein OSZE- oder eine Militärmission ist“.

Erklärminuten folgen und sie sinniert über verbesserte westliche Propaganda für bzw. gegen Russland, die ganz grundlegende Themen ansprechen soll, Probleme, die den Menschen den Alltag erschweren, um das Blatt im vermeintlich verlorenen Informationskrieg noch zu wenden. Alternative Medien vielleicht? Ein russischer Internetkanal provozierte letztens die Öffentlichkeit mit der Frage, ob nicht „eine zeitige Kapitulation in Leningrad der Bevölkerung viel Not und Leid erspart hätte“. Wer kann das wissen, den Leningrader Juden vermutlich nicht.

Schafft Atai es, daraus auf die aktuelle Anti – Terror – Mission der Ukrainer zu schließen? Deren Beendigung nicht nur den Menschen im Donbass sondern auch den Soldatenmüttern aller beteiligten Parteien Leid ersparen würde? Leider nein und so geht die Sendung mit ungelösten Fragen zu Ende.

Und ich stelle mir die naive Frage, ob Golineh ein schlechter Mensch ist. Vermutlich nicht, zumindest nach den Maßstäben, die ich für mich selbst in Anspruch nehme. An irgendeiner Stelle eines Konflikts oder Spiels wählt man eine Seite und den allerwenigsten gelingt es, diese noch einmal zu wechseln, das ist sehr deutsch. Aber in einem Informationskrieg gibt es nun mal zwei Seiten und damit auch zwei Wahrheiten, auch wenn Atai nur eine verkündet, die sicher nicht in der Mitte liegt.

Also brauchen wir noch einen zweiten Teil des Interviews, in dem es darin gehen könnte, was sie vielleicht nicht berichtet aus der Ukraine, was sie uns nicht zeigen will, wo das „Mutterhaus“ ein Machtwort spricht und die Richtung vorgibt. Hat sie sich gefragt, was ihre Rolle ist im Krieg? Wen sie manipuliert und wozu? Und kann sie wirklich nur bei den Russen eine Strategie erkennen? Glaubwürdigkeit gewinnt man so nicht!