rt_logo„Propaganda-Bullhorn“ pöbelte US-Außenminister John Kerry ĂŒber RT und wurde damit fast schon zum Maskottchen des russischen Senders, der sich zum Ziel gesetzt hat, die einseitige anglo-amerikanische Propaganda und Desinformation in der Welt zu durchbrechen. Mit Fakten belegen konnte das US-State Departement die große Klappe des eigenen Chefs freilich nicht. Dennoch gehen die Angriffe auf RT weiter, denn „die Vorstellung von Medien, die die US-Propaganda nicht nachplappern, ist fĂŒr die US-FĂŒhrung inakzeptabel“, so Noam Chomsky, der RT vergangene Woche ein Interview gab, in dem er mit den US-Medien genauso abrechnete, wie mit einer US-Politik, die sich notorisch ĂŒber internationale Gesetze hinwegsetzt, wĂ€hrend sie die Einhaltung dieser Regeln durch andere Staaten einfordert.

Das ist fĂŒr uns deshalb so interessant, weil man die Machenschaften und Methoden der US-Propaganda nahtlos auf die deutschen Vasallenmedien mit ihren klandestinen transatlantischen Netzwerken ĂŒbertragen kann. Einige Tage nach dem Interview hat zerohedge einen Artikel mit Transkript veröffentlicht, das wir nun dankenswerterweise in einer Übersetzung von FritztheCat hier veröffentlichen können. Wer des Englischen mĂ€chtig ist, dem sei natĂŒrlich das Originalinterview empfohlen. Begriffe wie weaponization of information kann man nicht schadlos ins Deutsche ĂŒbertragen, aber zusĂ€tzliche Anmerkungen werden gegebenenfalls auf sprachliche Malaisen verweisen, um Chomsky sinngemĂ€ĂŸ wiederzugeben.

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FĂŒr RT fĂŒhrte das Interview Alexey Yaroshevsky – youtube (23min)


Alexey Yaroshevsky

Alexey Yaroshevsky

RT: Professor, meine erste Frage wĂ€re ĂŒber eine aktuelle Kongressanhörung [am 15. April, offizielle Bezeichnung: ‚Kampf gegen Russlands Medienkrieg‘] Dort sagte der Ausschuss- vorsitzende fĂŒr auswĂ€rtige Angelegenheiten, Ed Royce: „Die russischen Medien entzweien jetzt unsere Gesellschaften und ja – sie setzen ihre Information als Waffe ein.“ Wie entsteht so etwas? Ist das echte Furcht oder die Furcht vor alternativen Meinungen im Äther?

Noam Chomsky: Zuerst muss man sagen: er spricht von den russischen Medien. Aber wenn er nur annĂ€hernd ehrlich wĂ€re, dann mĂŒsste er von den amerikanischen Medien sprechen, und dann wĂŒrde es stimmen. Schauen sie sich die New York Times an – die grĂ¶ĂŸte Zeitung auf der Welt. Ein Beispiel: Der heutige AufhĂ€nger ist das wacklige Nuklearabkommen mit dem Iran. Und einer der oberen Analysten der Times schreibt ein NachdenkstĂŒck. Er behandelt darin die HauptgrĂŒnde fĂŒr das Misstrauen gegen den Iran, die Verbrechen des Iran. Das ist sehr interessant zu lesen.

Der wichtigste Vorwurf lautet, dass der Iran den Nahen Osten destabilisiert, weil er Milizen unterstĂŒtzt, die amerikanische Soldaten im Irak getötet haben. Das ist das Gleiche wie wenn 1943 die Nazipresse die EnglĂ€nder beschuldigt hĂ€tte, dass sie Europa destabilisieren, indem sie Partisanen unterstĂŒtzen, die deutsche Soldaten töteten. Mit anderen Worten: Wenn die USA einmarschieren, Hunderttausende töten, ihr Land zerstören, Glaubenskonflikte entzĂŒnden die jetzt den Irak und die ganze Region zerreißen, dann nennt man es „Stabilisierung“. Wenn jemand gegen diese Angriffe aufbegehrt, dann nennt man es „Destabilisierung“.

Das ist charakteristisch. In Panama findet gerade der Amerika-Gipfel statt. Schauen Sie sich die Kommentare dazu bei uns [in Amerika] an. Die große Frage ist, wie viel Verdienst Obama daran hat, dass Kuba aus seiner Isolation gebracht wird – in dieser HemisphĂ€re. Es ist genau umgekehrt: Die USA sind isoliert in dieser HemisphĂ€re. Betrachten Sie das letzte Gipfeltreffen in Kolumbien, ein VerbĂŒndeter der USA. Die USA waren komplett isoliert. Es gab zwei große Themen. Die eine war Kuba und das Ende der Isolation. Jeder wollte es. Die USA weigerten sich, zusammen mit Kanada. Das andere Thema war der Drogenkrieg, auf dem die USA bestehen und durch den Lateinamerikanische LĂ€nder geschĂ€digt werden. Sie wollten andere Vorgehensweisen, Dekriminalisierung und so weiter. Und auch hier waren die USA total isoliert. Das waren die zwei Hauptthemen.

Und was den Fortschritt mit Kuba angeht: die werden als noble Gesten beschrieben. Es herrscht der Eindruck, dass wir seit 50 Jahren – und Obama hat es genauso gesagt – seit 50 Jahren versuchen wir, Kuba Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie zu bringen, aber unsere Methoden haben versagt. Also probieren wir halt andere Methoden, um unser edles Ziel zu erreichen. Die Tatsachen liegen auf dem Tisch: Dies ist eine freie und offene Gesellschaft, daher haben wir erstaunlich guten Zugang zu internen Dokumenten. Keiner kann sagen er wusste von nichts. Es ist nicht wie einem totalitĂ€ren Staat wo es keine Aufzeichnungen gibt. Wir wissen was passiert ist.

Die Kennedy-Regierung begann einen sehr ernsthaften Terrorkrieg gegen Kuba.
Das war einer der GrĂŒnde der zur Raketenkrise fĂŒhrte. Dieser Krieg sollte im Oktober 1962 zu einer Invasion fĂŒhren, und Kuba und Russland wussten vermutlich Bescheid. Die Lehrmeinung nimmt heute an, dass dies der Auslöser fĂŒr die Stationierung von Raketen war. Dieser Krieg dauerte jahrelang. Man darf es nicht erwĂ€hnen. Das einzige was man erwĂ€hnen darf ist, dass es auf (Fidel) Castro einige Attentate gab. Und die werden als lĂ€cherliche StĂŒmpereien der CIA abgetan. Aber der Terrorkrieg selbst war echt ernst. Das war eine Anmerkung dazu.

Die andere Sache war natĂŒrlich das erdrĂŒckende Embargo. Wir kennen auch die GrĂŒnde, denn sie sind in den internen Dokumenten ausdrĂŒcklich erwĂ€hnt. Gehen Sie zurĂŒck in dir frĂŒhen 60er als das Außenministerium erklĂ€rte, dass das Problem mit Castro sei, dass er sich erfolgreich der US-Politik gemĂ€ĂŸ der Monroe-Doktrin (1823) widersetzte. Diese Doktrin besagte, dass die USA das Recht besitzen ihre HemisphĂ€re zu kontrollieren. Sie konnten sie nicht umsetzen, aber das war ihre Doktrin. Und Kuba widersetzte sich erfolgreich dieser Doktrin. Aus diesem Grund mĂŒssen wir einen Terrorkrieg beginnen und ein niederschmetterndes Embargo einrichten, was nichts mit Freiheit und Gerechtigkeit fĂŒr die Kubaner zu tun hat. Und es handelt sich um keine noble Geste, höchstens um Obamas EingestĂ€ndnis, dass die Vereinigten Staaten praktisch in ihrer HĂ€lfte der Welt alleine und in dieser Frage isoliert sind.

Aber darĂŒber kann man (in den USA) nicht debattieren. Alles öffentliche Informationen, keine Geheimnisse, alles in öffentlichen Dokumenten zugĂ€nglich, aber nicht diskutierbar.
Wie der Gedanke – und diesen Gedanken darf man gar nicht in Betracht ziehen – dass, wenn die USA ein anderes Land ĂŒberfallen und die sich wehren, ist nicht derjenige, der sich wehrt, der Verbrecher sondern die Eindringlinge. Und wenn, sagen wir Russland in Afghanistan einmarschiert, dann verstehen wir das genau. Wenn die Afghanen sich dagegen wehrten, dann haben wir auch nicht gesagt: das sind Kriminelle, die destabilisieren Afghanistan. Vielleicht hat die Pravda das behauptet, aber ich bezweifle es. Aber bei uns ist das normal.

Also wenn das Parlament die Militarisierung der Medien studieren will, dann brauchen sie nur auf die erste Seite der Zeitungen zu blicken, da kriegen sie es jeden Tag.

RT: Unser Sender ist regelmĂ€ĂŸig Angriffen ausgesetzt, sogar von Außenminister John Kerry. KĂŒrzlich sagte er: „der Einfluss von RT wĂ€chst“, wĂ€hrend seine Stellvertreterin Victoria Nuland behauptet, dass kein Mensch in Amerika RT anschaut, was wahrscheinlich nicht stimmt. Glauben Sie es geht hier um Geld? Denn wir wissen, dass die BBG (Broadcasting Board of Governors) ein Budget von 750 Mio US-Dollar hat, RT hat 250 Mio US-Dollar, und das ist kein Geheimnis. Oder geht es um etwas anderes?

Noam Chomsky: Ich denke es geht um etwas anderes. Um das Geld machen die sich keine Sorgen. Der Gedanke, dass es einen Sender gibt, der die Menschen erreicht und der nicht das Propagandasystem der USA wiedergibt, ist fĂŒr sie nicht tolerierbar.

RT: FĂŒr die.

Noam Chomsky:  Ja, das ist normal.

RT: Das bringt mich zur Frage nach den Beziehungen USA-Russland. Sind wir schon im Kalten Krieg, Version 2.0?

Noam Chomsky: Es ist gefĂ€hrlich. In den Bulletin of Atomic Scientists gibt es die berĂŒhmte Weltuntergangsuhr. Die gibt es seit Ende der 40er. Diese Uhr steht auf ein paar Minuten vor Mitternacht. Mitternacht bedeutet: wir sind erledigt, fertig. Gerade haben sie diese Uhr zwei Minuten nĂ€her an Mitternacht herangerĂŒckt – es fehlen noch drei Minuten.
So weit stand sie seit den frĂŒhen 80ern nicht, als es eine große Kriegsgefahr gab. Wir wissen heute wie ernst es damals stand. Damals war man sich dessen nicht bewusst, aber es war sehr ernst. Jetzt sind wir wieder so nahe dran. Eine der Ursachen ist die Verschlechterung der russisch-amerikanischen Beziehungen. Sehr bedrohlich. Die andere Seite ist die Umweltkatastrophe, damals haben wir das nicht bedacht. Ja, es ist ernst.

RT: Und das alles wegen der Ukraine-Krise?

Noam Chomsky: Zum Teil. Es geht auch um andere Angelegenheiten in denen sich Russland und die USA nicht grĂŒn sind. So wie die USA-Iran-Krise. Jeder in den Vereinigten Staaten – jeder maßgebende Kommentator, jeder PrĂ€sidentschaftskandidat und so weiter, kĂŒrzlich Jeb Bush – alle sagen, der Iran ist die grĂ¶ĂŸte Bedrohung fĂŒr den Weltfrieden. Das wird stĂ€ndig wiederholt.

In dieser Angelegenheit gibt es auch eine andere Meinung. NĂ€mlich die Meinung der Weltöffentlichkeit, und wir wissen worum es sich handelt, denn die fĂŒhrenden Umfrageinstitute machen Umfragen. Gallup fĂŒhrt internationale Umfragen durch. Und sie stellten die Frage: „Welches Land ist die grĂ¶ĂŸte Bedrohung fĂŒr den Weltfrieden?“ Die Vereinigten Staaten liegen weit in FĂŒhrung. Kein Land kommt in seine NĂ€he. Aber die Amerikaner werden davor beschĂŒtzt. Die US-Medien weigern sich einfach darĂŒber zu berichten. Diese große Umfrage, ich glaube von Dezember 2013, wurde nur im BBC erwĂ€hnt. Aber nicht ein einziges Wort in den großen US-Medien. Also wenn die Welt so denkt, was kĂŒmmert uns die Welt? Wir sagen: der Iran ist die grĂ¶ĂŸte Bedrohung fĂŒr den Weltfrieden, und dann ist das so. Wir können das immer und immer wieder sagen.

Die großen US-Zeitungen – New York Times und Washington Post – haben kĂŒrzlich Leitartikel bekannter Personen veröffentlicht, in denen zur sofortigen Bombardierung des Iran aufgerufen wird. Wie wĂŒrden wir reagieren, wenn zB. Kayhan oder Pravda, oder eine andere Zeitung Artikel von bekannten Personen veröffentlichte, in denen zur sofortigen Bombardierung der Vereinigten Staaten aufgerufen wĂŒrde? Ich denke, da wĂŒrden wir etwas hören. Mit Sicherheit. Aber wenn es bei uns geschieht, dann ist es in Ordnung. Dann ist es normal.

Wenn wir die Konflikte genauer betrachten, dann finden wir auf jeder Seite jede Menge Probleme. Aber bei uns ist die Deutung, dass wir notwendigerweise immer Recht haben und wenn jemand widerspricht, dann hat er keine Ahnung. Ich wĂŒrde nicht behaupten dass es keine abweichende Meinung gibt, es gibt ein paar. Nehmen wir die Ukraine. Die Grundhaltung ist: alles die Schuld der Russen, russische Aggression und so weiter. Man kann aber in fĂŒhrenden Magazinen, nicht in der Systempresse, abweichende Meinungen lesen. Z.B im „Foreign Affairs“, einem fĂŒhrenden Magazin des Establishments,…

RT: John Mearsheimer, richtig?

Noam Chomsky: John Mearsheimer mit einem Artikel auf der Titelseite, dass der Westen fĂŒr die Ukraine-Krise verantwortlich ist.

RT: Der Westen oder die USA im besonderen?

Noam Chomsky: Nun, der Westen bedeutet: die Vereinigten Staaten und alle die mitmachen. Was als „internationale Gemeinschaft“ bezeichnet wird sind die USA und all jene die mitmachen. Nehmen Sie zum Beispiel die Rechtsstreitigkeiten zum iranischen Atomprogramm, wie immer es aussieht. Die Grundhaltung der internationalen Gemeinschaft ist Ablehnung. Was ist die internationale Gemeinschaft? Das was die Vereinigten Staaten darunter verstehen. Die blockfreien LĂ€nder – die große Mehrheit der Weltbevölkerung – haben bei ihrem letzten Treffen – zufĂ€llig war das letzte Treffen in Teheran – wiederholt, dass der Iran unter den Bestimmungen des Nichtverbreitungsabkommens das Recht hat, sein Atomprogramm durchzufĂŒhren. Aber sie sind kein Bestandteil der internationalen Gemeinschaft (fĂŒr die USA). Sie stellen vielleicht die Mehrheit der Welt, aber sie sind nicht die internationale Gemeinschaft. Jeder Orwell-Leser ist damit vertraut. Dazu bedarf es keines Kommentars.

RT: Professor, nehmen wir an die USA seien die Wurzel des Ukraine-Problems. Welchem Zweck dient es am Ende? Was wĂŒrde Washington dabei gewinnen? Die Zerstörung der russisch-europĂ€ischen Verbindungen?

Noam Chomsky: Ich wĂŒrde nicht sagen, dass es nur die USA sind. Dem stimme ich nicht zu. Ich denke es ist vielfĂ€ltiger. Aber ein großer Teil ist, was (John) Mearsheimer (in seinem Ukraine-Artikel im „Foreign Affairs“) beschreibt: Es geht zurĂŒck auf den Zusammenbruch der Sowjetunion, ca. 1990. Damals gab es viele Fragen. Eine Frage lautete: Was wird aus der NATO? Wenn man die Propaganda der Vergangenheit akzeptiert– seit den spĂ€ten 40ern oder 50ern – hĂ€tte man sagen mĂŒssen: die NATO kann weg. NATO wurde fĂŒr den Zweck des Schutzes Westeuropas vor den russischen Horden gegrĂŒndet. Okay, keine russischen Horden mehr, was machen wir jetzt mit NATO? Diese Frage zur Auflösung wurde nicht einmal gestellt. Gorbatschow machte einen bemerkenswerten Vorschlag. Er bot die Wiedervereinigung Deutschlands als NATO-Mitglied an, einem feindlichen BĂŒndnis.Schauen Sie sich die Geschichte des letzten Jahrhunderts an – ein wirklich erstaunliches Ereignis.
Es gab ein ‘quid pro quo’, dass sich die NATO nicht einen Zentimeter nach Osten erweitert. Das war die diplomatische Sprachregelung. Damit war Ostdeutschland gemeint. An eine Erweiterung darĂŒber hinaus hat man gar nicht gedacht. Und natĂŒrlich hat sich die NATO sofort in Ostdeutschland breitgemacht. Gorbatschow war sauer und protestierte, aber die USA ließen ihn wissen, dass es nur eine mĂŒndliche Übereinkunft war – es gĂ€be nichts Schriftliches. Tja, Pech gehabt! Und als Clinton kam breitete sich die NATO bis an die Grenzen Russlands aus, wie Mearsheimer betont.

Und zur gegenwĂ€rtigen Bedrohung, dass die NATO sich die Ukraine einverleibt: Es handelt sich um eine sehr ernste Bedrohung, die kein russischer FĂŒhrer, wer auch immer, einfach hinnimmt. Wie wenn in den 80ern in Mexico ein Umsturz gewesen wĂ€re und die neue Regierung den Beitritt zum Warschauer Pakt verlangt hĂ€tte. Unvorstellbar! Das ist echt ein Problem, nicht das ganze Problem, aber ein Teil davon.

Wie Sie wissen hat das ukrainische Parlament vor kurzem mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit einen Beschluss gefasst, dass sie einen NATO-Beitritt anstreben. Das ist ziemlich ernst. Also – ich meine, dass jene die darĂŒber nachdenken, die UnterhĂ€ndler auf allen Seiten eingeschlossen, wissen wie ein Beschluss aussehen mĂŒsste: Die Ukraine sollte einen neutralen Status bekommen mit dem Bekenntnis aller Seiten, dass es keinem feindlichen militĂ€rischen BĂŒndnis beitreten wird. Das ist komplett machbar – und auch noch gut fĂŒr die Ukraine. Und dann mĂŒssen Schritte zu einer Art „Verminderung der Macht“ kommen: Man kann im einzelnen diskutieren wie viel gemacht werden muss, aber die GrundzĂŒge sind eindeutig. Das könnte eine Teillösung der Krise sein, aber es gibt andere Äußerungen, leider.

RT: Ende letzten Jahres sahen wir wie die USA ohne Zustimmung der UNO mit Angriffen auf ISIS-Stellungen in Syrien flogen. Ziemlich das gleiche passiert jetzt im Jemen. Herr Professor, bedeutet das, dass das internationale Recht, wie wir es immer kannten, ziemlich tot, ziemlich verschwunden ist? Nicht mehr bedacht und gebraucht wird?

Noam Chomsky: Zu behaupten, dass es tot ist, bedeutet, dass es einst gelebt hat. Hat es je gelebt? Schauen wir zurĂŒck, sagen wir in die 80er. Da gab es zwei ResolutionsentwĂŒrfe fĂŒr den Sicherheitsrat, in denen alle Staaten zur Einhaltung des internationalen Rechts aufgefordert werden. Beide EntwĂŒrfe wurden von den USA mit UnterstĂŒtzung seiner Allierten Großbritanniens und Frankreich mit einem Veto belegt. Warum? Alle wussten es, keiner sagte es: die Absicht war, die Vereinigten Staaten dazu zu bringen, das Urteil des Weltgerichtshofes zu akzeptieren, in dem die USA wegen ungesetzlicher Gewaltanwendung gegen Nicaragua verurteilt wurden. Es forderte die Einstellung der Feindseligkeiten und hohe EntschĂ€digungszahlungen. Die USA weigerten sich. Daraufhin kamen die beiden UN-Resolutionen welche die USA mit einem Veto belegten. Das erklĂ€rt Ihnen den Zustand des internationalen Rechts, aber wir können noch viel weiter ausholen.

Gegen GroßmĂ€chte kann man internationales Recht nicht durchsetzen. Es gibt keinen Durchsetzungsmechanismus. Sehen Sie sich den Internationalen Strafgerichtshof an, in dem afrikanische FĂŒhrer verhandelt und verurteilt werden, jene FĂŒhrer die die USA nicht mögen. Das Hauptverbrechen in diesem Jahrtausend ist mit Sicherheit die US-Invasion im Irak. Könnte man dies vor ein internationales Gericht bringen? Also, das liegt jenseits jeder Vorstellungskraft. Es gibt in den USA tatsĂ€chlich ein Gesetz, wie Sie vielleicht wissen, vom Kongress verabschiedet und vom PrĂ€sidenten unterzeichnet, in Europa „Niederlande-Invasions-Gesetz“ genannt. Dieses Gesetz ermĂ€chtigt den PrĂ€sidenten, jede Art von Gewalt anzuwenden um einen amerikanischen StaatsbĂŒrger vor dem Gerichtshof in den Haag zu retten. Hat das internationale Recht dazu etwas zu sagen? Ja, hat es. In der Tat sagt das internationale Recht etwas zu den Standardkommentaren die immer wieder von westlichen FĂŒhrern und Obama in Bezug auf den Iran verwendet werden: „Alle Optionen liegen auf dem Tisch“. Das beinhaltet Angriff, die Art von Angriff wie ihn die Systempresse fordert. Es gibt da eine Charta der UNO, und dort wird in Artikel 2 die Androhung oder der Gebrauch von Gewalt in internationalen Angelegenheiten verboten. KĂŒmmert sich jemand darum? Nein. Das internationale Recht ist wie die UNO: Es funktioniert solange die GroßmĂ€chte mitspielen. DarĂŒber hinaus leider nicht.

RT: Zum Schluss zur Dokumentation ĂŒber Sie, welche bald Premiere hat, mit dem Titel „Requiem fĂŒr den Amerikanischen Traum“. Denken Sie der Amerikanische Traum ist zu Ende?

Noam Chomsky: Er ist sicher nicht mehr so groß. Die USA haben mit die geringste soziale MobilitĂ€t in den OECD, den reichen Staaten. Betrachtet man die Befunde der OECD bezĂŒglich sozialer Gerechtigkeit – Zugang zu Krankenversorgung, tatsĂ€chliche Messungen, dann liegen die USA weit hinten, ich glaube gleich neben der TĂŒrkei. Das sind schwere Bedrohungen fĂŒr das, was man den Amerikanischen Traum nennt. Noch immer das reichste und mĂ€chtigste Land der Erde, mit großen Vorteilen. In vielen Belangen sind wir das freieste Land der Erde, wie ich bereits erwĂ€hnte.
Es gibt also auch reichlich positive Aspekte, aber es ist ein sehr ernster Zerfall. Im Grunde ist selbst die amerikanische Demokratie – ein Modell das wir auf der ganzen Welt anpreisen – sehr weit von Demokratie entfernt.TatsĂ€chlich ist dies ein Hauptanliegen der sozialpolitischen Wissenschaften, die Beobachtung der Beziehungen zwischen öffentlicher Meinung und öffentlicher Politik – ziemlich leicht zu beobachten. Man kennt die Politik, es gibt zahlreiche Meinungsumfragen, man weiß welche Meinung die Öffentlichkeit hat. Und im Grunde ist die Mehrheit der Bevölkerung entmĂŒndigt. Ihre ReprĂ€sentanten hören gar nicht mehr zu. Das gilt fĂŒr ca. die unteren drei Viertel der Einkommensskala. Je höher man auf dieser Skala geht, umso mehr Einfluss hat einer. Und eigentlich wird die Politik ganz oben auf der Skala gemacht. Und das ist Plutokratie – keine Demokratie.

Demokratie funktioniert förmlich: Du bist frei, ich bin frei, jeder ist frei seine Meinung zu sagen. Ich kann mich bei der kommenden Wahl entscheiden. Wenn mir danach ist wĂ€hle ich GrĂŒn, ich kann GrĂŒn wĂ€hlen. Es wird wenig Betrug geben, es wird eine ehrliche Sache. Also das Drumherum der Demokratie existiert, man sollte das nicht geringschĂ€tzen.
Aber der Zustand der Demokratie hat sehr erheblich gelitten.

RT: Vielen Dank fĂŒr das Interview Professor Chomsky!