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counterpunchWarum der Westen den Informationskrieg verliert
DIE UKRAINE: EIN MUSEUM DER KREATIONISTEN

von Ivaylo Grouev 

Deutsche Übersetzung von FritztheCat

„Die Halbwahrheit ist die feigste der Lügen“
– Mark Twain

Wenn ich die Berichterstattung der Ukraine-Krise in manchen angesehenen westlichen System-Medien verfolge, dann habe ich das Gefühl als wäre ich in einer Führung durch ein Naturkundemuseum. Nicht irgend ein Naturkundemuseum, sondern ein ganz besonderes – ein Museum der Kreationisten.

Wer nicht darüber Bescheid weiß, hier ein paar Fakten: In den USA gibt es über 30 davon und zwei in der kanadischen Provinz Alberta – dem Geburtsort der ‚Reform Partei‘, unter dem heutigen Namen ‚Fortschrittliche Konservative Partei‘ seit 2006 an der Macht (beide Parteinamen sind grob irreführend).

Eines der neuesten Museen der Kreationisten in den USA befindet sich in Petersburg, Kentucky, ein 6.500qm großes Gelände „auf dem neuesten Stand“. Ein wahres Prunkstück der Technik, vergleichbar mit dem Besten was Hollywood zu bieten hat: lebensgroße computergesteuerte Flugsaurier, lebensechte Schreie des „König der Eidechsen“ – dem Tyrannosaurus Rex – umgeben von überglücklichen und sorgenfreien Roboterkindern von Adam und Eva. Es wird Sie vielleicht überraschen dass diese 27 Millionen Dollar teure Einrichtung keinen Verlust macht, im Gegenteil – über 715.000 Besucher aus der ganzen Welt waren bereit, dafür $30 Eintritt zu bezahlen.(1)

Und was hat das Ganze mit der Berichterstattung über die Ukraine zu tun?
Die erste Parallele: die Tatsachen, die Aussagen, die Beweisstücke. Grundsätzlich stimmt die beeindruckende Ausstellung in Petersburg mit den neuesten Erkenntnissen der modernen Paläontologie überein, die Größe und Form der Knochenfragmente und Skelette. Genauso wie die ziemlich glaubwürdige Darstellung der lebensgroßen majestätischen Dinosaurier; jedes davon wäre eine stolze Zierde für ein Naturkundemuseum. Auch die Ursprünge von Adam und Eva werden sehr realistisch dargestellt und zur Darstellung der frühesten Siedlungsgeschichte der Menschheit wäre darüber jeder ehrgeizige Museumskurator froh.

Das einzige Problem: es ist alles pure Fälschung! Es ist eine bekannte Tatsache dass die Welt nicht 5.000 Jahre, sondern 13.2 Milliarden Jahre alt ist und dass Menschen, Amöben, Wale und Bakterien die die Ruhr verursachen nicht in sechs Tagen erschaffen wurden, bevor Gott sein verdientes Wochenende antrat. Nun, wo ist hier die Ukraine?

Im Zentrum Kiews hat, wie manche Leser vielleicht schon wissen, eine Open Air- Ausstellung eröffnet, komplett mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Maschinengewehren und niedergebrannten Fahrzeugen – als Beweis für die russische Invasion der Ostukraine. Die Echtheit dieser Exponate steht außer Frage – es handelt sich um echte Panzer, echte gepanzerte Fahrzeuge, echte Maschinengewehre und echt niedergebrannte Autos. Jedoch ist der fehlende Bestandteil, wie in einem Museum der Kreationisten, der Zusammenhang.

Ja – die endlosen Fakten und Beweisstücke über die Ukraine-Krise haben wir in der Berichterstattung der westlichen Systempresse gelesen, gesehen und gehört, und es hat uns tief getroffen. Wir sahen die Bilder von Bewaffneten, von Soldaten, zerbombten Häusern, ausgebrannten Autos und Panzern und auch die Trümmer eines Passagierflugzeuges. Flüchtlingsschlangen, Armut, alte Leute in Kellern ohne Nahrung und Elektrizität – viele grausige Fotos von Leichen und abgetrennten Gliedmaßen. Das alles ist echt und gibt die herzzerreißende menschliche Tragödie wieder die sich gerade in der Ukraine abspielt. Mit der Präsentation dieser Realität gibt es jedoch ein Problem: die allgemeine Erzählweise bietet ein verzerrtes Bild der wahren Zusammenhänge: So wie die Kreationisten harmlose Dinosaurier präsentieren (vermutlich völlig harmlose babysitternde Pflanzenfresser, denn im Paradies gibt es keine Gewalt) so präsentiert die westliche Systempresse ihre „Beweise“. Folgt man der Logik der ukrainischen Version der Schöpfungsgeschichte, so wird das pro-westliche, liberale und demokratische Regime in Kiew alle wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen in dem von Korruption geplagten Land lösen. Dazu müssen aus deren Sicht alle Tatsachen und Beweise sorgfältig arrangiert werden – wie es auch ein hingebungsvoller Museumsleiter in einem Kreationistenmuseum machen würde. Und wie in einem Kreationistenmuseum stellen diese Ausstellungsstücke eine unüberwindliche Herausforderung für jede Logik dar. Die meisten, wenn nicht alle Fragen, bleiben unbeantwortet.

Hier ein paar Beispiele.
20. Februar 2014: Warum haben ukrainische Polizeikräfte (Berkut) ihre eigenen Leute erschossen? Das sind die Fakten – 18 erschossene Polizisten und über ein Dutzend Verletzte mit Schusswunden.(2) Das spielt in der großen Erzählung keine große Rolle, genauso wie die Frage um den „unbeabsichtigten Brand“ in Odessa am 2. Mai 2014 als 48 Menschen (andere Quellen geben wesentlich höhere Opferzahlen an) bei lebendigem Leibe verbrannten, während jene die aus dem brennenden Haus sprangen von Maidan-Aktivisten zu Tode geprügelt wurden. Und die Polizei stand daneben und griff nicht ein. Warum haben die westlichen Medien der ukrainischen Staatsanwaltschaft nie diese Fragen gestellt? Warum hat die ukrainische Regierung dem Internationalen Gerichtshof eine Untersuchung dieser Angelegenheit verweigert? Warum wurden diese Fragen von den Bollwerken des westlichen Journalismus nie gestellt?

Nicht nur das. Die westlichen Medien zogen es auch vor, die der Logik der ukrainischen „Schöpfungsgeschichte“ widersprechende Tatsachen nicht zu berichten. Die Anstifter und Verantwortlichen des willkürlichen Beschusses von großen Stadtzentren wie Donesk, Luhansk, Mariopol, Kramatorsk, oder Slovyansk bleiben unbekannt. Genauso wie jene die den Einsatz von nach der Genfer Konvention geächteten Waffen wie Weißen Phosphor und Streubomben befehligten. Fragen nach den Absichten der berühmten ATO (Anti-Terror-Operation) mit dem Einsatz schwerer Artillerie, Kampfflugzeugen und Panzern gegen eine beträchtliche Zivilbevölkerung (6.8 Millionen) in Donetsk und Lugansk, mehr als die gesamte Bevölkerung der drei baltischen Staaten (Estland,Lettland und Litauen) – das scheint die westlichen Medien nicht zu interessieren.(3)

Anstelle von Antworten bekommen wir dramatische Bilder; und wieder wird die gleiche Technik angewendet: es fehlt der Zusammenhang. Es wurden Fotos veröffentlicht von russischen Panzern die die ukrainische Grenze überschritten und diese Fotos wurden sogar im US Kongress debattiert (es waren echte Fotos, aber sie zeigten russische Panzer die 2008 die russische-georgische Grenze überschritten). Das Gleiche mit dem Absturz des malaysischen Passagierflugzeuges: Das Gesicht Putins neben den Bildern der Opfer. Selbstverständlich war sein Foto genauso echt wie die Bilder der Opfer dieser Tragödie. Aber über die Aufzeichnungen der Black Box von MH17 fünf Tage nach dem Desaster gab es einen totalen Medien-Blackout. Als Lösung für all diese unbeantworteten Fragen kommt nur eine Sichtweise in Frage – es ist immer die Schuld Putins.

Putin wurde tatsächlich zum „Liebling“ der westlichen Medien: Allein im Jahr 2014 in den USA 5.771 Veröffentlichungen, in Deutschland 8.929 und in Großbritannien 5.209. Das ist eine Menge an Berichterstattung.(4) In diesem biblischen Drehbuch ist der neu gewählte Präsident Poroschenko der Gute und der russische Präsident Putin der Böse. Plötzlich entwickelte Putin das schlimmste Multi-Persönlichkeits-Syndrom und wurde gleichzeitig zu Stalin, Hitler und dem berüchtigten „Jihadi John“ von ISIS. (Dank an CNN, das Rätsel wurde gelöst. Es war tatsächlich Putin).(5) Man muss jedoch sagen, dass die beispiellose Dämonisierung des Präsidenten der Russischen Föderation kein Einzelfall war. Sie steht in einer Linie mit den vorangegangenen Versuchen zur Abstemplung als Bösewicht wie bei Saddam Hussein (der Schlächter von Bagdad), Muammar Gaddafi (der Irre, der tollwütige Hund), Slobodan Milosevic (der Schlächter vom Balkan). Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass alle hohes Ansehen hatten bevor das US Militär im Irak, in Libyen und Jugoslawien zuschlug. Wie für Kreationisten sind für die westlichen Medien (Verteidiger der ukrainischen „Schöpfungsgeschichte“) Raum, Zeit und Logik von geringer Bedeutung. Die einen verdichten das Mesozoikum, das vor 252 Millionen Jahren begann und vor 66 Millionen Jahren endete, mit Leichtigkeit auf ein paar Tausend Jahre. Die Anderen wenden die gleiche Technik mit noch kürzeren Zeitperioden an: 2007 war für das Time Magazine Putin die „Person des Jahres“ – sieben Jahre später wurde aus ihm „Hitler“.(6)

Das Erstaunliche in diesem „Informationskrieg“ ist, wie die westlichen Medien ohne jeden Zusammenhang in einer unerbittlichen Selbsttäuschung zu Märchenerzählern mutieren. Um den Mythos Putin zu festigen werden schreierische Oberschurken-Titelschlagzeilen wie „Putin hat meinen Sohn getötet!“ in ihrer Dramatik bald nicht mehr ausreichen. Da braucht es schon etwas mehr an Sensation: „Putin hat den Sohn Gottes getötet!“ – das würde genau ins Beweismuster des „kreationistischen Medienwesens“ passen. Wo Zeitzonen ganz selbstverständlich verdichtet werden. Putin könnte genauso eine Zeitreise nach Palästina im Jahre Null unternehmen, auf einem freundlichen Flugsaurier nach Golgota fliegen, dem vertrockneten Leib Christi einen tödlichen Stoß versetzen und auf seinem Rückweg ein Frühstück mit Hitler im München des Jahres 1938 einlegen. Ist das weit hergeholt? Natürlich, ebenso wie die Geschichte in der Flugsaurier die ersten Babysitter waren. Genauso wie die Logik des Kurators der Open Air-Ausstellung in Kiew, wo russische Panzer mit ukrainischen Fahrzeug-Identifizierungsnummern gezeigt werden.

Die westlichen Medien berichten Halbwahrheiten und nackte Lügen, bezeichnen das neue Regime in Kiew als „demokratisch“ und die Rebellen als Terroristen. Das Wesen dieser „Propaganda“ ähnelt mehr einem evangelistischen Fernsehprediger aus San Antonio, Texas als der Berichterstattung eines Qualitätsmediums. Manche davon haben eine gewisse Tradition in ihrem Gewerbe. Das ist einer der Gründe warum sie einen rapiden Verlust ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer Marktanteile verzeichnen. Im Gegensatz dazu „explodierte“ die Bloggerszene der sozialen Medien zum Thema Ukraine-Krise indem sie alternative Reportagen, Videos, Zeugenaussagen von der Front und – das Wichtigste – alternative Inhaltsanalysen und Zusammenhänge bietet.

Offensichtlich gibt es ein Verlangen nach einer anderen Form der Berichterstattung und nach „ursprünglichen“ Meldungen aus erster Hand. Ebenso nach einer kritischen Analyse gegenüber der übergeordneten etablierten Erzählung. Einige Medien wie Russia Today (RT) wenden sich speziell an diesen Typus eines rasch wachsenden Publikums im Westen, in Europa und Nordamerika. Kein Wunder dass RT jetzt der zweitbeliebteste ausländische Nachrichtenkanal in den Vereinigten Staaten ist (nach BBC World News) und die Nummer eins in den großen Metropolen wie New York, Los Angeles, Chicago und Washington D.C.
Die globale Reichweite liegt bei beeindruckenden 700 Millionen Zuschauern.(7)

Woher kommt der Erfolg dieses ziemlich „jungen“ Mitbewerbers? Die Antwort liegt in der Propaganda-Aufmachung des Westens: sie erreicht oft Ausmaße die hauptsächlich infantile Jugendliche oder ältere, von sich selbst enttäuschte Evangelikale anspricht. Diese Ausgangslage verspricht bestimmt keinen Gewinn, und es sieht nicht rosig aus für die traditionellen Bollwerke des westlichen Journalismus. Die Bewertungen brechen ein, besonders in der Generation der unter 35-jährigen. Und wenn eines Tages einige von ihnen wie die Dinosaurier aussterben, dann sollte man natürlich nicht einem katastrophalen Asteroideneinschlag die Schuld geben.

Der Grund für ihr Ableben ist offensichtlich. Es handelt sich um eine lang andauernde eklatante Selbstzufriedenheit mit der Großen Lüge und die Weigerung, persönliche und berufliche Rechtschaffenheit anzuwenden. Vergessen wir nicht die einfache Tatsache, dass der Propagandastil a la Fox News „Fakten können sich als falsch herausstellen – Meinungen nicht!“ für einige funktioniert, aber bestimmt nicht für alle. Warum? Um einen berühmten Spruch von Bertoldt Brecht zu zitieren: „Der Mensch hat einen Fehler. Er kann denken.“

Ivaylo Grouev lehrt Politische Wissenschaften an der Universität Ottawa.

Verweise:

  1. Creation Musuem. org
  2. Katchanovski, Ivan. ‘The “Snipers’ Massacre” on the Maidan in Ukraine.‘ February 20, 2015.
  3. Rothoct, Andred. Ukraine Used Cluster Bombs, Evidence Indicates, New York Times, October 20, 2014.
  4. Khlebnikov, Alexey. Russia is now monitoring the world’s mass media for bias. Russia Direct. February 25, 2015.
  5. Jalil, Justin and J.A. Gross. Vlad the beheader: CNN apologizes for Putin gaffe, The Times of Israel, March 1, 2015.
  6. Stengel, Richard. Person of the Year 2007: Choosing Order Before Freedom, Time, December 19, 2007.
  7. RT reaches 700MN viewers worldwide. Rapid TV News. 11 September 2014.