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ardzdfJede Nachricht in irgendeinem Medium erzählt eine Geschichte, erweckt Bilder, Assoziationen und Emotionen. Jede dieser Geschichten bleibt uns – assoziiert mit diesen Emotionen – im Gedächtnis und prägt unsere Einstellungen und Sichtweisen auf die Welt. Oftmals reicht deshalb ein einziges Foto, um in unserem Kopf eine ganze Geschichte wach werden zu lassen – mitsamt den damit verknüpften Emotionen.

Kasperletheater

Kasperletheater: Die Welt als Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“

Märchen und Mythen sind in vielen Kulturkreisen mit die ersten Geschichten, die das Weltbild von Kindern prägen. Sie prägen unsere Gefühlswelt und unser Wertesystem, denn diese Märchen und Mythen folgen im Allgemeinen einem identischen Schema, das aus einem Problem, einer Herausforderung oder eine Bedrohung besteht, die negative Gefühle wie Angst und Verunsicherung herruft und am Ende auf eine als Erleichterung, Befreiung oder Glück empfundene Lösung hinausläuft – dem Happy End.

Dieses uralte Erzählschema durchzieht auch die Mehrheit aller Spielfilme. Ein Film ohne Happy End wird von uns als extrem unangenehm wahrgenommen, weil ein Konflikt ungelöst blieb oder „das Böse“ siegte – was in unserer konditionierten Wahrnehmung ebenfalls kein bleibender Zustand sein darf.

Dieses emotionale Erzählschema macht sich Propaganda sehr subtil zunutze. Ein Paradebeispiel, wie das funktioniert, präsentierten ARD und ZDF im Laufe dieser Woche. Jeder Leser wird sofort verstehen, was gemeint ist, und dieses Schema in Zukunft selbst erkennen und den Versuch der Propaganda, ihn emotional zu manipulieren, erkennen und reflektieren können.

Zur einen Seite der Propaganda gehört der Aufbau und die gezielte Dämonisierung eines „Feindbildes“. Beispiele hierfür haben wir massenhaft dokumentiert. Der „kulturzeit“-Beitrag über eine Tannhäuser-Aufführung ist nur das aktuellste Beispiel, wie im deutschen Staatsfernsehen ein völlig verzerrtes Russlandbild gezeichnet wird, um die Propaganda vom „bösen Russen“ in die Köpfe der Zuschauer einzuimpfen.

Die andere Seite der Propaganda ist das was Chomsky folgendermaßen beschrieb:

ChomskyNachrichten, die die Bevölkerung verunsichern könnten, werden unterdrückt oder zumindest so abgemildert, dass an der prinzipiell wohlwollenden Einstellung der politischen Führung kein Zweifel aufkommt. … eigene Untaten werden in das milde Licht der Nachsicht getaucht….

Die eigene Seite wird also gezielt beschönigt. Negative Aspekte werden entweder verschwiegen, verharmlost, relativiert oder gerechtfertigt. Wie das funktioniert und wie sich die Propaganda hierzu das „Märchenschema“ zunutze macht, zeigt auf eindrucksvolle Weise ein Beitrag, der im Kulturmagazin „ttt“ der ARD und der selbsternannten „kulturzeit“ auf 3sat gesendet wurde.

ttt_USA_rassismusEs geht um den Rassismus in den USA. Ein Thema, das die deutschen Staatsmedien schwerlich ganz ausblenden können, weil beinahe täglich Menschen von der Polizei erschossen werden, nur weil sie die „falsche“ Hautfarbe haben und weil mittlerweile regelmäßig größere Demonstrationen stattfinden, um diese staatlichen Rassismus anzuprangern.

Es ist vollkommen klar, wie dieser Rassismus politisch ausgeschlachtet würde, wenn er in Russland zuhause wäre. Da es sich aber bei den USA um den Hegemon handelt, dessen Netzwerker die Medien des besetzten Deutschlands seit Kriegsende kontrollieren, muss sich die Propaganda schon etwas besonderes einfallen lassen, um diese Vorgänge „ins milde Licht der Nachsicht“ zu tauchen. An dieser Stelle sollte sich jeder Leser vielleicht selbst erst den 5:52min kurzen Beitrag in der Mediathek anschauen, bevor wir zur Analyse kommen. Wer beim Betrachten das „Märchenschema“ im Hinterkopf behält, wird sich anfangs wundern, wie deutlich der Rassismus dargestellt wird und am Ende aber die Masche sofort durchschauen:

ttt_USA_rassismus1Bild anklicken um Beitrag in der Mediathek anzuschauen oder
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Bemerkenswert ist schon die Mühe, mit der Moderator Moor vor dem Beitrag versucht, Verständnis für den Rassismus der US-Polizei zu erwecken.

Moor: „Das rassistische Vorurteil vieler weißer US-Bürger, Afro- amerikaner würden von Natur aus zur Kriminalität neigen, bewirkt, dass diese Bevölkerungsgruppe permanent unter Generalverdacht steht, dadurch im Alltag benachteiligt und ausgegrenzt wird und sich wiederum infolge davon, teilweise von der Gesellschaft lossagt und tatsächlich auf die schiefe Bahn gerät, was wiederum das Vorurteil der Weißen bestätigt – ein Teufelskreis“

Eine solch verständnisvolle, erklärerische Einleitung wäre zu jedem beliebigen Film-Beitrag über Russland in deutschen Medien undenkbar. Statt Erklärungen oder Verständnis gibt es regelmäßig emotional aufheizende Einstimmungen, die die beabsichtigte Dämonisierung noch zusätzlich verstärken sollen.

Der propagandistische Kniff des Beitrags beginnt aber erst kurz vor Schluss ca. nach 5m10s. Die märchenhafte Wendung, die den Zuschauer am Ende unempört und mit einem Happy End zurücklassen wird, beginnt mit einer Äußerung der porträtierten Autorin Alice Goffman:

Goffman: „Als ich dort lebte hat es keine Proteste ausgelöst, wenn ein weißer Polizist einen Schwarzen erschoss, nur stille Trauer. Das ist heute anders. Die Menschen sind aufgewühlt, demonstrieren gegen den Rassismus, Schwarze und Weiße. Das ist großartig.“

Mit dem nächsten Schnitt bei 5m25s schlägt die zuvor teils dramatische Musik um in einen versöhnenden, schmusigen Sound, wie man ihn aus Kaufhäusern, Fahrstühlen oder Werbevideos für Deos kennt. Der Sprecher verkündet im Duktus eines netten Märchenonkels:

ttt_USA_rassismus_HappyEnd„Die Amerikaner haben einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt. Es gibt heute eine schwarze Mittelschicht. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten debattiert das Land über alltäglichen, systematischen Rassismus. Alice Goffmans sehr persönliches Zeugnis ist – bei aller Härte der Realität die sie beschreibt – auch ein Zeichen der Hoffnung…“

‚Und so lebten sie glücklich bis zum Ende der Tage…‘, möchte man spotten. Zum versöhnlichen Happy End werden Bilder spielender afroamerikanischer Kinder gezeigt (s.o). Botschaft: Alles wird gut. Die Propagandamasche des „milden Lichts der Nachsicht“ dürfte spätestens nach diesem Beitrag jedem Leser deutlich geworden sein. Einfühlsame Erklärungen zur Einleitung und ein Happy End zum Schluss, das den Zuschauer emotional ausgeglichen, wenn nicht gar zufrieden hinterlässt, sind die nicht zufällig, sondern ganz gezielt benutzten Methoden, mit denen ARD und ZDF über Rassismus in den USA berichten.

Der Kontrast zur antirussischen Hetze könnte kaum deutlicher sein.