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ardzdfIn der staatlich gelenkten „Erinnerungskultur“, die von den gleichgestimmten deutschen Staats- und Konzernmedien verbreitetet wird, war Georg Elser in den vergangenen Jahrzehnten immer ein Paria. Sein knapp gescheiterter Bombenanschlag am 8. November 1939 um 21.20 Uhr auf die Führungsspitze der Nazis im Münchner Bürgerbräukeller, war die Tat eines freien Geistes mit Sympathien für den Kommunismus, der sich in Zeiten politischer Gleichschaltung, offener Hetze und Verfolgung Andersdenkender, nicht nur eine eigene, abweichende Meinung erlaubte, sondern seinen Gedanken und Beobachtungen auch eine Tat folgen ließ, die potentiell den Lauf der Geschichte massiv hätte ändern können – ob zum Guten oder Schlechten wollen wir später betrachten.

Dass bis heute nicht der Freidenker Georg Elser als Vorbild deutschen Widerstandsgeistes gilt, sondern der systemkonforme Opportunist, Feigling, Nazi und adelige Herrenreiter Stauffenberg, sagt mehr über die Kontinuität der deutschen Gesellschaft, als jede verlogene Sonntagsrede deutscher Politiker anlässlich irgendeines Nazi-Gedenktages. Wenn ein verkappter Militärpfarrer wie Joachim Gauck, dessen größte Lebenskatastrophe es war, unter Sozialisten aufzuwachsen statt unter Faschisten, einen wie Stauffenberg als Vorbild ehrt, dann liegen deutsches Obrigkeitsdenken, deutscher Militarismus und deutscher Feudalismus, die zusammengenommen den Humus des Nationalsozialismus darstellen, bleischwer in der Luft.

Da sich nun ein renommierter Regisseur wie Oliver Hirschbiegel erneut der Geschichte Elsers angenommen hat, kommen ARD und ZDF nicht umhin, über den Film zu berichten, Position zu beziehen und die gesellschaftliche Rezeption im Sinne des Staates in geordnete Bahnen zu lenken.

zdf_80Besonders bemerkenswert ist die Einleitung von Christian Sievers im heute-journal. Für Sievers ist nicht bereits die Machtergreifung der Nazis, die Zerschlagung der schwachen Demokratie, die längst stattfindende Verfolgung von Juden, Kommunisten, Sinti und anderen Andersdenkenden oder Minderheiten und auch nicht der Überfall auf Polen eine Katastrophe, sondern die Niederlage der Nazis 1945! Haben sich in den vergangenen Monaten reihenweise verlogene „Journalisten“ der Staatsmedien abgemüht, Vladimir Putin dahingehend misszudeuten, er sähe den Untergang des Sowjetimperiums als Katastrophe an, so sehen wir hier ganz frank und frei einen ZDF-Moderator des heute-journals, der den Zusammenbruch des Dritten Reichs als Katastrophe betrachtet – und nicht etwa dessen Entstehung oder Ausformung:

heute-journal_23.3.15_1Christian Sievers: „Was wäre geschehen, wenn Adolf Hitler bereits 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, gestorben wäre? Wie sähe diese Welt aus, wenn das Attentat im Münchner Bürgerbräukeller damals Erfolg gehabt hätte? Wenn Georg Elser, der Mann, der die Katastrophe schon kommen sah, als Millionen Deutsche Hitler noch zujubelten, ans Ziel gekommen wäre, mit seiner selbstgebauten Bombe.“

Georg Elser sah die Katastrophe nicht kommen, wie Sievers hier behauptet, Elser lebte bereits in einer Katastrophe, in einem deutschen Staat nämlich, in dem politische und religiöse Verfolgung, Gestapo, Willkürjustiz, Bücherverbrennung, Kristallnacht und der Überfall auf Polen Realität waren. Eine Realität, die für jemanden wie Sievers aber ganz offensichtlich noch keine Katastrophe darstellt. Gut, dass wir das hier einmal so offen gesagt bekommen.

Im Weiteren nennt es Sievers dann auch noch erstaunlich, dass „diesen Mann und seine Geschichte immer noch viel zu wenige kennen.“ Dass die Staatssender ARD und ZDF selbst für diese mangelnde Bekanntheit Elsers verantwortlich sind, kann dabei niemand ernsthaft bezweifeln. Der Grund für die mediale und gesellschaftliche Ausgrenzung ist nicht nur Elsers auch im Nachkriegsdeutschland immer noch verpöntes Freidenkertum oder seine zumindest zeitweise Nähe zum Kommunismus. Elser war und ist den Mächtigen und ihren Medien suspekt, weil er nicht in eine Uniform gezwängt und in ihrem Auftrag hatte morden wollen, sondern weil er die Herrschaft selbst zum Ziel auserkoren hatte. So einer ist potentiell auch heute noch gefährlich und das weiß auch Caren Miosga.

Caren Miosga: „Wer sollte ein Held sein, wenn nicht dieser Mann?“

ard_logoAuch die ARD schafft es erwartungsgemäß nicht, eine wahrhaftige Erklärung für Elsers Pariatum oder die staatlich verordnete Stauffenberg-Verehrung zu geben. So viel Selbstkritik kann man von einem gelenkten Staatsfunk auch nicht erwarten.

Caren Miosgas Einleitung in den tagesthemen präsentiert die übliche Realitätsverzerrung, um Elsers auch heute noch für jede Herrschaft bedrohliche Tat durch die Hintertür salonfähig zu machen:

CARD_tagesthemen_23.3.15_2aren Miosga: „Ein einfacher Schreiner von der Schwäbischen Alb, der sich ganz allein aufmachte, einen Diktator umzubringen. Wer sollte ein Held sein, wenn nicht dieser Mann?“

Hitler als Diktator? Was formell richtig ist, könnte inhaltlich kaum irreführender sein, denn Hitler war im Spätherbst 1939 auf dem Höhepunkt seiner Macht und auch seiner Beliebtheit im Volk. Hirschbiegels Film erzählt wie sich der Nationalsozialismus in der ganzen Gesellschaft ausbreitet – willig aufgenommen von der großen Mehrheit. Auch wenn Hitler selbst – aus Verachtung für die Demokratie – keine Legitimation durch Wahlen für nötig erachtete, so steht außer Frage, dass er 1939 die Masse der Bevölkerung hinter sich wissen konnte. Die Mehrheit der Deutschen hätte einen gelungenen Anschlag also ganz sicher nicht als Tyrannenmord wahrgenommen und auch Elser ging es nicht darum, einen Diktator umzubringen, wie Miosga suggeriert, sondern darum, größeres Leid durch den sich abzeichnenden Weltkrieg abzuwenden.

Miosgas Verzerrung hat den politischen Hintergedanken, Elsers wahre Motivation, die auch eine gewaltsame Beseitigung einer „demokratischen“ Herrschaft rechtfertigen könnte, zu verschleiern. Wer heute die Gefahr eines Weltkrieges aufziehen sieht, und eine mehr oder weniger demokratisch legitimierte Regierung als Beschleuniger einer solchen Gefahr gewaltsam beseitigen wollte, könnte sich auf Elsers „Heldentum“ berufen – das ist die Angst der Herrschenden und deshalb verdreht Miosga Elsers Motivation in diesem Sinne.

Immerhin kommt Regisseur Hirschbiegel im folgenden Einspieler zu Wort und bringt Elsers entscheidende menschliche Qualität auf den Punkt, die ihn nicht nur von Millionen Deutschen 1939 unterscheidet, sondern auch von den heutigen Journalisten in ARD und ZDF:

ARD_tagesthemen_23.3.15_1Oliver Hirschbiegel: „…ein Mann mit einem komplett gesunden moralischen Kompass, dem einfach das, was da passiert, in seinem Land und in seiner Umgebung, so gegen den Strich geht, dass er aus sich heraus weiß, spürt, dass er was tun muss.“

Dass die heutige Regierung – und ihre moralisch verwahrlosten Büchsenspanner in den Medien – nicht den geringsten ethischen Kompass haben, davon zeugen Hunderttausende Tote, Millionen Flüchtlinge und verwüstete Länder vom Irak bis in die Ostukraine. All diese Kriege finden mit politischer und medialer Unterstützung aus Deutschland statt. Ohne die medialen Lügen wäre auch der Krieg der EU zur Einverleibung der Ostukraine, sowie milliardenteure Sanktionen gegen Russland politisch nicht durchsetzbar. Wer sich heute zum Georg Elser berufen fühlte, könnte angesichts der NATO-Eskalationen problemlos die Gefahren eines Atomkrieges an die Wand malen, um einen Bombenanschlag auf die Köpfe zu rechtfertigen, die er hierfür verantwortlich sieht.

Der entscheidende Punkt aber, den die moralisch verwahrlosten Kriegshetzer und Schreibtischtäter in ARD und ZDF nicht sehen, weil sie selbst Mord und Totschlag immer wieder als legitime Mittel der politischen Auseinandersetzung propagieren, ist ein ganz anderer – und auch der moralisch gefestigte und von ehrenwerten Motiven geleitete Elser hat ihn nicht erkannt.

Hätte ein gelungenes Attentat der Geschichte eine positive Wendung gegeben?

Elser_PlakatRichtig ist sicherlich, dass ein gelungener Bombenanschlag die Weltgeschichte in einem Ausmaß geändert hätte, wie man es nur in seltenen Momenten, mit weniger Aufwand erreichen könnte. Hitler war 1939 die zentrale Figur der europäischen Geschichte. Niemand hatte mehr Macht in Europa. Elser konnte zwar zu Recht annehmen, dass ein Attentat, das Hitler und seine Führungsclique beseitigt hätte, die Partei zunächst einmal geschockt und den begonnenen Krieg möglicherweise zeitweilig eingebremst hätte, aber die nationalsozialistische Bewegung oder die Kriegspläne des Großkapitals dauerhaft aufgehalten, hätte er damit selbstverständlich nicht.

Schlimmer noch: es ist ziemlich klar, dass Hitler zu einem Märtyrer geworden wäre. Das deutsche Volk wäre in kollektiver und politisch ausgeschlachteter Trauer noch enger zusammen gerückt und die in der Partei nachrückenden Figuren hätten ihre Treibjagd auf beliebige Tätergruppen, denen man das Attentat in die Schuhe geschoben hätte, noch verschärft. In einer solch aufgeheizten Situation wäre wohl eher kein gemäßigter oder ausgleichender Politiker an Hitlers Stelle getreten, sondern sehr wahrscheinlich ein nicht minder gefährlicher Nachfolger, der unter dem Druck stünde, sich dem „Führer“ als ebenbürtig zu erweisen.

Es ist durchaus plausibel, anzunehmen, dass die europäische Geschichte im Falle eines gelungenen Attentats sogar eine noch viel schlimmere Entwicklung hätte nehmen können. Hätte ein nur etwas weniger größenwahnsinniger Nachfolger das Ruder übernommen, der den Krieg langsamer und damit möglicherweise „erfolgreicher“ aus deutscher Sicht vorangetrieben hätte, dann hätten die Nationalsozialisten ihre Macht in einem Kernbereich Europas konsolidiert, bevor sie den Westfeldzug angetreten hätten, den Hitler schon wenige Monate nach dem gescheiterten Anschlag befahl. Wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Elsers Attentat die nationalsozialistische Herrschaft bestärkt statt geschwächt hätte, und wenn eine etwas umsichtiger agierende militärische Führung womöglich irgendwann in den Besitz von Atomwaffen gekommen wäre, wollen wir uns lieber nicht ausmalen. Ein erfolgreiches Attentat hätte tatsächlich bewirken können, dass „wir“ heute noch im Tausendjährigen Reich leben.

Fakt ist: Im Falle eines erfolgreichen Anschlag Elsers würde heute die Mehrheit von uns gar nicht leben, denn die noch 6 Jahre dauernde Herrschaft Hitlers – und der Verlauf des Krieges – haben die Geschichte Europas so nachhaltig und umfassend beeinflusst, dass unsere eigene Existenz ohne sie überhaupt nicht denkbar wäre.

Ist Elser also ein Vorbild? Ja! War seine Tat richtig? Nein!

Fazit:
Elsers Freigeist, seine Hellsichtigkeit, sein Rückgrat, seine moralische Motivation und sein persönliches, selbstloses Opfer verdienen höchsten Respekt. In dieser Hinsicht kann er als leuchtendes Vorbild dienen. Dennoch muss man seine zweifellos mit besten Absichten geplante und akribisch ausgeführte Tat verurteilen, schon deshalb, weil er die Folgen nicht annähernd abschätzen konnte. Mord – auch vermeintlicher Tyrannenmord – kann nur dann ethisch zulässig sein, wenn man auch die mittelbaren Auswirkungen einer solchen Tat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann und wann ist das schon der Fall?

Die große Mehrheit der sogenannten „Journalisten“ in ARD und ZDF – und das kann man ganz sicher sagen – zeigen aber charakterlich das exakte Gegenteil dessen, wofür Georg Elser steht. Die moralisch verwahrlosten Miosgas, Sievers, Klebers und Slomkas hätten mit ihrem Untertanengeist, ihrem Militarismus und ihrer totalen Unfähigkeit zur Empathie und Selbstreflexion unter Hitler allesamt Karriere gemacht und dessen Ostfeldzug genauso eifrig beklatscht, wie sie heutzutage Kriege gegen den Irak, Syrien oder die Ostukrainer rechtfertigen.