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wdr2Ein Kommentar heute vormittag im Staatssender WDR2, zu den sozialen Zuständen in einem der reichsten Länder der Welt, war so vollkommen ungewohnt kritisch, schonungslos und streckenweise zynisch überspitzt, dass man sich als Hörer erstaunt die Ohren rieb.

Ist das noch der gute alte Staatsfunk, in dem systemfinanzierte „Journalisten“ staatstragende, neoliberale und transatlantische Propaganda verbreiten? Gab es womöglich einen Putsch? Im Geiste baumelte Tom Buhrow hoch über den Köpfen einer frenetisch jubelnden Menge an einer der Zinnen des Kölner Doms. Welcher „Journalist“ würde es wohl unter seinem Regime wagen, das gesellschaftsspaltende System der Ausbeutung zu kritisieren, von dem Intendanten und Programmverantwortlichen wie er so feist profitieren?

Völlig perplex lauschte ich den Worten des mutigen Kommentators, der sich in einem der Studios eingeschlossen haben musste, während draußen vor der Tür die Schergen des Regimes mit Brecheisen, Elektroschockern und Zwangsjacke gewaltsam versuchen, sich Zutritt zu verschaffen, um das aufrührerische Treiben zu beenden:

„2,4 Millionen Menschen! Was ist mit denen? Sind das die Facebook-Fans von Mario Barth? Nein, der hat weniger. 2,4 Millionen Menschen unter 65 brauchen hierzulande einen Nebenjob um zu überleben. Das entspricht der zusammengerechneten Einwohnerzahl von Köln, Düsseldorf und Dortmund.

Vor 10 Jahren waren das nur halb so viele Leute. Es gibt da draußen immer mehr Menschen, die so wenig verdienen, dass sie nach Feierabend gar nicht erst nach Hause gehen, denn wenn sie nach ihrem Hauptjob nicht noch Taxi fahren, ist die Wohnung eh weg, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können.

Stellen Sie sich mal vor, Sie liegen im Krankenhaus. Gerade hat Ihnen der Chirurg was Fieses aus dem Körper geschnitten, da klingelt sein Handy. Jemand bestellt bei ihm eine Pizza Hawaii. Er verstaut das Operationsbesteck in ihrer Bauchhöhle, sagt: „Bis gleich“ und fährt die, in der outgesourcten Krankenhauskantine gebackene Pizza aus, bevor sie kalt wird. Im Gehen ruft er Ihnen noch ein youtube-Video auf, das Ihnen zeigt, wie Sie sich selber zutackern. Der Arzt hats gedreht. Es gibt von ihm auch Clips, in denen er zeigt, wie man sich eigenständig Leberflecke oder den entzündeten Blinddarm rausschält – mit Campingbesteck. Von der Werbung, die vor seinen Clips läuft, kriegt er einige wenige Penunsen ab. Es ist übrigens Werbung für den Pizzadienst, bei dem er nebenher arbeitet. Nach Feierabend räumt er dann in einem Backshop noch Rohlinge in den Gärschrank und direkt danach, also frühmorgens, trägt er Zeitungen aus, für Leute, die im Gegensatz zu ihm, Zeit haben, Zeitungen zu lesen.

Das ist jetzt natürlich gnadenlos übertrieben. Noch trifft der Zwang zum zweiten Job – hoffe ich jedenfalls – keine Ärzte. Noch triffts nur Sprechstundenhilfen, Hotelportiers oder Krankenpfleger. Noch trifft die lebensnotwendige Nebenjobfinanzierung des stinknormalen Lebensunterhalts nur 2,4 Millionen Menschen. Aber zum Glück sieht man die ja nicht, im Kino oder im Restaurant oder im Kabarett. Dafür haben die nämlich gar kein Geld übrig und auch keine Zeit, vor lauter Arbeit. Und vor lauter Grübelei, ob sie gerade im Neben- , im Nebeneben- oder im Hauptjob arbeiten. In weiteren 10 Jahren werden das wohl 5 Millionen chronische Nebenjobber sein. Auch ne Möglichkeit Altersarmut einzudämmen: Man lässt die Leute so lange ackern, bis sie pünktlich zum Renteneintritt aus den Latschen kippen.

Und jetzt werfen Sie mir nicht vor, ich sei zynisch! Ich hab mir das System nicht ausgedacht. Ich male mir nur aus, was da kommt – und die Farben dieses Bildes sind echt scheußlich.“ (mp3; 2:54 min)

Noch nicht ganz zu Ende gelauscht, stürzte ich mich ins Internet, um den Namen des Mutigen herauszufinden. In Gedanken ging ich die Gesichter und Stimmen der erbärmlichen Figuren durch, die das Volk regelmäßig im Auftrag der ARD politisch dumm und unmündig halten. Ich durchforstete die WDR-Seite des Polit-Formats „Klartext“. Ein solch wahrhaftiger Kommentar konnte eigentlich nur dort veröffentlicht worden sein. Doch in diesem Refugium vermeintlich „journalistisch unabhängiger Meinungen“ fand sich erwartungsgemäß nur Lobhudelei und servile Regierungspropaganda: Krieg ist gut, Merkel ist alternativlos, die EU ist ein humanitäres Projekt, die USA sind eine Demokratie, Deutschland ist ein Rechtsstaat und ähnlicher Unsinn. Hatte ich versehentlich den Sender verwechselt?

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Nein, hatte ich nicht. Der Witz, der böse Plot kommt nämlich wie immer zum Schluss. Dieser wahrhaftige Kommentar war – und jetzt erklärte sich alles – er war gar kein Kommentar! Es war ein Witz! Genau genommen war es das, was der WDR für einen Witz hält und deshalb auch nur unter dem Label „Kabarett“ durch den Äther schickt. Das, was kein vermeintlicher „Journalist“ des WDR ernsthaft laut und deutlich zu kritisieren wagen würde, war – ich hätte es wissen müssen – Kabarett! Ich war Opfer der eigenen naiven Fantastereien von unabhängigem, kritischen Journalismus in ARD und ZDF. Dabei ist doch völlig klar: in Ländern wie Deutschland, wo der Pöbel mit staatlicher Propaganda dumm und unmündig gehalten wird, damit sich eine kleine Nomenklatura fett und fetter machen kann, wird substanzielle Kritik nur als Lachnummer geduldet. Die Welt war also nicht aus den Fugen geraten. Die Deutschen waren noch so dumm und unmündig wie gestern und vorgestern. Es war kein Buhrow, der am Dom baumelte, sondern der Teufel, der sich über das unmündige Volk den Bauch hält – vor lauter Lachen.