id_kulturzeit3sat „kulturzeit“ 4.3.2015

Im letzten Jahr wurden in vielen Medien historische Parallelen zum Jahr 1914 beschworen. Diese waren manchmal erstaunlich, manchmal weniger. Kunststück, denn die transatlantisch gesteuerten Medien picken sich immer gerade das heraus – und quetschen es in ihre Ideologie – was ihnen am besten in ihr Weltbild passt.

Ganz und gar nicht in ihr Weltbild passt zweifellos das, was wir hier als Analogien des Völkermords an den Armeniern zu den heutigen Vorgängen in der Ostukraine dokumentieren.

In der selbsternannten „kulturzeit“ vom 4. März wird neben der üblichen Agitatition gegen die Türkei ausnahmsweise einmal die Rolle Deutschlands bei diesem Völkermord beleuchtet und die Parallelen zu den heutigen Vorgängen in der Ostukraine sind mehr als frappierend – sie sind atemberaubend. Was aber der Redaktion des antirussischen Hetzmagazins natürlich nicht auffiel.

Kurz zur politischen Ausgangslage, vor dem Genozid an den Armeniern:

„Am 14. November 1914 trat das Osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg gegen die Entente ein, zu der auch Russland gehörte. Getrieben vor allem von pantürkischen Vorstellungen, aber auch von dem Wunsch, die Gebiete zurückzuerobern, die das Osmanischen Reich in früheren Kriegen an Russland verloren hatte, befahl die osmanische Regierung Ende 1914 eine groß angelegte Offensive im Kaukasus. Diese endete jedoch bereits um die Jahreswende 1914/15 mit einer verheerenden Niederlage in der Schlacht von Sarıkamış. Im Zuge der russischen Gegenoffensive gingen dem Reich weitere Gebiete verloren.[40]

Einige Armenier unterstützten die russische Armee in der Hoffnung auf Unabhängigkeit, und armenische Freiwilligenbataillone kämpften auf russischer Seite. [41] Beides verstärkte bei der jungtürkischen Führung „das Zerrbild eines angeblichen armenischen Sabotageplans.[42]“ Obwohl die Mehrheit der armenischen Zivilisten und Soldaten gegenüber dem Osmanischen Reich loyal geblieben waren, machte die Staatsführung die Armenier nun kollektiv für die militärischen Probleme in Ostanatolien verantwortlich. Sie nahm den russischen Einmarsch als Vorwand, das Gros der armenischen Bevölkerung zu deportieren, was unter den gegebenen Umständen einem „Massenmord gleichkam“.[43](wikipedia)

Jetzt bitte den obigen Text erneut lesen, in Gedanken 100 Jahre weiterspringen und das Osmanische Reich durch die Ukraine ersetzen!

Aghet

Bild anklicken 3sat- Mediathek 8:23 min

 Sprecher: „Gesichter, gezeichnet von unendlichem Leid. Diese Kinder haben einen Völkermord überlebt. Während des 1. Weltkrieges löscht das Osmanische Reich das Armenische Volk aus. 100 Jahre später weigert sich die türkische Regierung noch immer, die Massenmorde und Deportationen von Armeniern, als Genozid anzuerkennen.“ (kulturzeit)

Sprecher: „Im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin lagern hunderte Dokumente, die die systematische Vernichtung des armenischen Volkes belegen. Doch nicht nur das, sie zeigen auch, welche Rolle Deutschland bei diesem Völkermord gespielt hat, denn der wichtigste Bündnispartner der Osmanen im 1. Weltkrieg war das Deutsche Kaiserreich.“

RolfHosfeldRolf Hosfeld: „Es [das Deutsche Kaiserreich] hat sich in dieser Frage extrem moralisch gleichgültig verhalten gegenüber dem, was dort passiert.“

JürgenGottschlich

Jürgen Gottschlich: „Meiner Meinung nach ist die politische Rückendeckung, die Deutschland damals den Jungtürken auch bei der Durchführung des Völkermordes gegeben hat, ist mehr, als dass sie nur zugeguckt haben.

Sprecher: „Der Türkei-Korrespondent der TAZ, Jürgen Gottschlich, hat in deutschen und türkischen Archiven recherchiert. Er ist der Frage nachgegangen, welche Rolle Deutschland bei der Vernichtung der Armenier gespielt hat.“

Jürgen Gottschlich: „Es war eine aktive politische Beihilfe zum Völkermord, um ihre eigenen Kriegsziele durchsetzen zu können.“

Sprecher: „Beihilfe zum Völkermord, so der Titel seines Buches. Eine historische Spurensuche, die die deutsche Verstrickung am Genozid an den Armeniern offenlegt.

Zu Beginn des 1.Weltkrieges geht Kaiser Wilhelm ein geheimes Militärbündnis mit dem Osmanischen Reich ein. Deutschland vermacht dem Waffenbruder zwei Kriegsschiffe. Fortan kontrolliert die Türkei den Meereszugang durch die Dardanellen und blockiert damit einen strategisch wichtigen Seeweg für Russland.

Deutschland_OsmanenDeutschland_Ukrainer

Das Osmanische Reich wird zum entscheidenden Bündnispartner, um Russlands Vormarsch zu beenden. Deutschland soll im Gegenzug das marode Militär des Landes modernisieren. Der deutsche General Bronsart von Schellendorf wird Generalstabschef des osmanischen Heeres. Gemeinsam mit dem mächtigen Kriegsminister Enver Pascha entwirft er Strategien um den Krieg zu gewinnen.

Doch im Winter 1914 erleidet das osmanische Heer im Kaukasus eine schwere Niederlage gegen die Russen. Armenische Soldaten des osmanischen Heeres sollen zu den Russen übergelaufen und damit für die Niederlage verantwortlich sein. Eine Dolchstoßlegende, die nicht nur türkische, sondern auch deutsche Militärs verbreiten.“

Jürgen Gottschlich: „Sie hätten dann anschließend entweder zugeben müssen, dass sie da ein Desaster angerichtet haben oder sie mussten einen Sündenbock präsentieren und sie haben natürlich das Zweite gemacht und die Armenier als Sündenbock präsentiert. Und da war Bronsat auch kein irgendwie Zuschauer, sondern er war unmittelbar beteiligt.“

Türkei_1915Sprecher: „Der innere Feind im türkischen Volk muss entfernt werden, damit der Sieg im Krieg nicht gefährdet ist. Mit dieser Propaganda beginnt der Völkermord an der christlich-armenischen Minderheit im Land. Ab dem Frühjahr 1915 werden hunderttausende Armenier auf Todesmärsche geschickt. Paramilitärische Einheiten massakrieren Kinder, Frauen und Männer.

Ostukraine_2015Die türkische Führungsclique, um den Innenminister Talât Bey, den Kriegsminister Enver Pascha und den General Cemal Pascha nutzt den Krieg, um ihre Vision eines ethnisch reinen türkischen Nationalstaats zu verwirklichen. Die deutsche Reichsregierung ist bestens über die Gräueltaten ihres Bündnispartners informiert. Das zeigen verschiedene Briefwechsel zwischen Diplomaten vor Ort und dem Auswärtigen Amt in Berlin. So schreibt der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Hans von Wangenheim, im Juli 1915:

‚Die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigt, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.‘

Timoschenko_Maidan

Doch Deutschland sieht keinen Grund zu intervenieren, lässt seinen Bündnispartner gewähren. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wehrt Versuche, mäßigend auf den Bündnispartner einzugehen, immer wieder ab. Im Dezember 1915 notiert er in einem handschriftlichen Aktenvermerk:

‚Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten. Gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.‘

Rolf Hosfeld: „Man ordnete das, was im osmanischen Reich mit den Armeniern passierte, einer Mentalität der extremen Kriegführung unter. Man dachte militärisch, man dachte nicht genozidal. Man nahm das in Kauf, weil man den Krieg um jeden Preis gewinnen wollte.“

Sprecher: „Den Krieg um jeden Preis gewinnen, um die Vorherrschaft im Orient zu erlangen. Mit diesem Ziel treibt das Deutsche Kaiserreich auch den Bau der Bagdad-Bahn im Osmanischen Reich voran. Die jungtürkische Regierung stellt dafür zehntausende armenische Zwangsarbeiter zur Verfügung. Die Betreiber der Bahn – die Philipp Holzmann AG und die Deutsche Bank – profitieren. Die Bahn wird zudem zu Deportationen von Armeniern in Richtung syrischer Wüste genutzt. Ab Oktober 1915 entscheidet die türkische Regierung, dass sämtliche armenische Angestellte der Bagdad-Bahn deportiert werden sollen. Den Befehl unterschreibt ein deutscher Offizier. Über 1 Million Armenier werden insgesamt Opfer der genozidalen Politik der Jungtürken. Die deutsche Reichsregierung bleibt tatenlos. Einzelne deutsche Militärs verantworten Deportationen und Massaker. Doch reicht das, um dem Deutschen Kaiserreich eine Beihilfe zum Völkermord nachzuweisen?“

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Jürgen Gottschlich: „Ohne die Deutschen hätten sie es nicht machen können. Also wenn die Türkei neutral geblieben wäre, wär der Druck von den anderen Großmächten viel zu groß gewesen, als dass sie diesen Völkermord hätten durchziehen können. Das konnten sie nur unter dem Schutz der deutschen Politik im Krieg.“

Sprecher: „Deutschland trägt eine Mitverantwortung, doch die derzeitige Bundesregierung lehnt den Begriff ‚Völkermord‘ ab. Hat Deutschland nicht die Pflicht, die systematische Auslöschung des armenischen Volkes – und die eigene Verstrickung darin – klar zu benennen? Zu einer offiziellen Stellungnahme gegenüber ‚kulturzeit‘ waren weder die Kulturstaatsministerin, noch das Auswärtige Amt bereit.“

Rolf Hosfeld: „Es liegt da natürlich eine enorme Amnesie vor, denn es ist seit hundert Jahren Regierungswissen – ich zitier das nochmal – dass die Reichsregierung bereits im Juli 1915 wusste, es ist die erklärte Absicht der türkischen Regierung die ‚armenische Rasse‘ auf dem Territorium der Türkei zu vernichten. Das würde man nach heutigen rechtlichen Maßstäben ohne Zweifel als Völkermord bezeichnen.“

Jürgen Gottschlich: „Wenn die Deutschen sagen würden, ja, wir erkennen das an, damals hat ein Völkermord stattgefunden und wir waren leider auch mittelbar daran beteiligt, dann würde es den Türken natürlich schwieriger fallen, ihre Position durchzuhalten.“

Sprecher: Aghet – die große Katastrophe – so nennen die Armenier den Genozid an ihrem Volk. Doch wer die Wahrheit nicht darüber ausspricht, der fügt Opfern, Überlebenden und ihren Nachkommen erneutes Leid zu.“


Auch der Krieg der „jungukrainischen“ Regierung gegen die Bevölkerung in der Ostukraine wäre ohne politische und finanzielle Unterstützung aus Deutschland völlig unmöglich. Hätten Deutschland und die EU Poroschenko aufgefordert, den Krieg zu beenden und hätten sie notfalls Sanktionen angedroht, wäre das Morden am selben Tag beendet worden. Auch die faschistischen Bataillone, die von ukrainischen Oligarchen finanziert werden, wären dann gestoppt worden, denn auch diese Oligarchen wären finanziell am Ende, wenn sie auf einer Sanktionsliste der EU landen würden.

So wie der Völkermord an den Armeniern, so sind sind auch das Morden und die Vertreibungen in der Ostukraine ohne massive deutsche Unterstützung völlig undenkbar. So wie die deutsche Bevölkerung schon zu Kaisers Zeiten über die Verbrechen desinformiert und manipuliert wurde, so wird auch heute desinformiert und manipuliert, um geopolitische Interessen durchzusetzen. Die Spur der Verwüstungen in der Ostukraine, die tausenden Toten, die hundertausenden Vertriebenen, die gezielte Zerstörung der Infrastruktur, die Einbehaltung von Renten und Sperrung der Energieversorgung sind noch kein Genozid, aber ein Völkerrechtsverbrechen mit freundlicher Unterstützung von Berlin und Brüssel.


Anhang:

Ausführliche Interviews mit Gottschlich und Hosfeld zum Völkermord an den Armeniern und der deutschen Unterstützung.