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Medienwissenschaftler Berhard Pörksen hatte im letzten Spiegel ein Traktat „Der Hass der Bescheidwisser“ im Duktus eines Verschwörungstheoretikers veröffentlicht, in dem er die nicht gleichgeschalteten Medien als Bedrohung für eine freie Gesellschaft darstellte. Dabei schaffte es Pörksen den Begriff „Verschwörung“ gleich 20-mal in verschiedenen Varianten einzubinden. Rekordverdächtig!

Im WDR5 Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ sprach Rebecca Link heute um 12.00 Uhr mit Pörksen über den Begriff „Lügenpresse“.

Rebecca Link: „Lügenpresse, Unwort des Jahres ist dieses Wort geworden. Ein Wort, das nicht zum ersten Mal verwendet wird, um unabhängige Berichterstattung [!] zu schmähen. Bernhard Pörksen ist Medienwissenschaftler. Er ist Professor an der Uni Tübingen und kann uns zum Beispiel erklären, Herr Pörksen, nochmal die Basics: Woher genau kommt denn eigentlich das Wort?“

Bernhard Pörksen: „Das Wort ist schon sehr alt. Wir haben die ersten Verwendungen in diesem ideologisch-propagandistischen Sinne im Jahre 1914. Da gibt es das Buch eines gewissen Reinhold Antons“Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse“. Die Nazis, die Nationalsozialisten, haben dieses Wort aufgegriffen. Der Chefideologe des Nationalsozialismus Alfred Rosenberg hat von der verleumderischen Judenpresse und von der Lügenpresse gesprochen, also einen Gegensatz zwischen dem deutschen Volkswillen und der jüdisch-versippten – so sagte man das damals – Lügenpresse konstruiert. Aber auch in der ehemaligen DDR tauchte dieses Wort auf, als ein Schlagwort – ja dann der sogenannten kapitalistischen Lügenpresse. Das war ebenso ein Muster der DDR-Propaganda zur Diskreditierung des Westens. Und heute – wir wissen es, sie wissen es – taucht dieses Schlagwort wieder auf, wird gleichsam wiederbelebt auf den Demonstrationen der Anti-Islam-Koalition, die sich unter dem Namen Pegida nun in Dresden und anderswo versammeln.“

Rebecca Link: „Das Wort ist natürlich auch einfach attraktiv, um es als Instrument zu benutzen, oder nicht? Es ist ja sehr plakativ, also können Sie das nachvollziehen, dass es gut funktioniert?“

Bernhard Pörksen: „Unbedingt! Es ist ein klassisches Schlagwort, das wir hier haben. Die gemeinsame Linie besteht eigentlich quer durch die ideologischen Lager von Rechts nach Links, von ganz Rechts, bis ganz nach Links. Diese gemeinsame Linie besteht in der Pauschalabwertung anderer Standpunkte, anderer Denkweisen. Es ist sozusagen eine sprachliche Chiffre zur Vernichtung von Nuancen, zur Vernichtung von Differenzen und zur Bündelung aggressiver Energie. Das Interessante ist ja, dass hier schon die Herkunft einer Information, eben die Vermittlung durch die sogenannte Lügenpresse, schon die Quelle einer Information, scheinbar als Argumentationsersatz ausreicht. Also man kann dann einfach etikettieren: ja klar, das sagt die Lügenpresse und der Vorteil für den denkfaulen Ideologen: er spart sich die Auseinandersetzung.

Rebecca Link: Wenn wir über die aktuellen Anwendungen reden. Im Moment kommt das Wort ja häufig in Verbindung mit den Pegida-Demonstrationen zur Sprache. Was meinen die denn damit?“

Bernhard Pörksen: „Ich glaube, sie meinen ganz einfach damit ein Gefühl des Manipuliertwerdens von den Journalisten – und interessanterweise sind häufig Qualitätsmedien hier gemeint. Das ist ein Gefühl des Überwältigtwerdens und ein Symptom, ein Symptombegriff, eine pauschale Medienkritik. Medienkrtitik ist ja nicht notwendig schlecht. Aber Medienkritik, die in meinem Sinne vertretbar ist, ist konkret, schmerzhaft und differenziert. Aber hier geht es um eine pauschale Medienkritik des Wortes, also auch ein Symptom für eine ideologisch-radikalisierte Medienverdrossenheit – so könnte man vielleicht sagen.“

Rebecca Link: „Was hier zugrunde liegt, Herr Pörksen, das scheint ja so ne Art Vertrauensproblem zu sein, oder? Viele Menschen vertrauen der Presse, den Medien nicht mehr, befürchten, dass sie eben nicht unabhängig sind. Woher kommt das denn?“

Bernhard Pörksen: „Nein, wir haben eigentlich schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, eine grassierende, eine allmählich schleichende Medienverdrossenheit. Journalisten und Journalistinnen waren noch nie besonders gut angesehen. Mein Kollege Wolfgang Donsbach hat in einer Studie 2009 das erste Mal in einem umfassenden, vergleichenden Sinne auf dieses Phänomen der Medienverdrossenheit hingewiesen. Aber das war lange kein Thema. Es gibt unendlich viele Symposien, Bücher, Tagungen zum Phänomen der Politikverdrossenheit. Über die Medienverdrossenheit wird erst aktuell gesprochen. Und der aktuelle Anlass ist die Ukraine-Berichterstattung, die Berichterstattung über Putin. Hier haben viele Menschen das Gefühl, die Presse berichte nicht objektiv, sie sei voreingenommen, es gebe eine Art systematischen Bias – nun gegenüber Putin eine Wiederkehr der Kalten-Kriegs-Rhetorik. Und es gibt dann – das ist das dritte Element, also Medienverdrossenheit ist ein langanhaltendes, schon lange nachgewiesenes Phänomen. Es gibt die aktuelle Ukrainekonflikt-Berichterstattung, die die Medienverdrossenheit mit neuer Energie versorgt – und dann gibt es drittens aber auch eine ideologisch-radikalisierte Medienverdrossenheit, die dann zu solchen Schlagworten greift, wie Lügenpresse oder aber auch sich in Verschwörungstheorien ergeht und sich in den unterschiedlichsten Foren, aber auch auf dem Buchmarkt dann kundtut und Laut gibt.“

Schon in seinem verschwörungstheoretischen Traktat im Spiegel hat Pörksen jeden wissenschaftlichen Anspruch missen lassen. Statt sachlicher Analyse und inhaltlicher Trennung von berechtigter Kritik und ideologischer Radikaldiffamierung der Medien, schnürte Pörksen einen groben Sack pathologisierter Wutbürger, die für rationalen Diskurs – den er selbstverständlich für sich selbst in Anspruch nimmt – nicht mehr ansprechbar seien. Immerhin hat er erkannt, dass hier eine Gefahr für die Gesellschaft ausgeht. Eine Erkenntnis, für die es keinen Medienwissenschaftler braucht.

Pörksens wissenschaftlich-intellektuelles Differenzierungspotenzial erschöpft sich in „den fiebrigen Irren“, die sich eine eigene Realität zurechtschustern und den „Qualitätsmedien“, die die wahre Wahrheit verbreiten. Er erkennt die Ukraine-Berichterstattung immerhin als Brandbeschleuniger, ist aber durchgängig zu feige – oder ideologisch fixiert – diese Kritik zu analysieren und ihre Berechtigungen anzuerkennen – geschweige denn die Ursachen der journalistischen Gleichschaltung und evidenten politischen Propaganda zu hinterfragen.

Auch im WDR5-Gespräch mit Rebecca Link macht Pörksen die schlechte Figur eines opportunistischen Systemrechtfertigers, dem es primär daran gelegen ist, den Misstand nicht zu analysieren, sondern diejenigen zu diffamieren, die die Auswüchse ans Licht zerren. So delegitimiert Pörksen den Begriff „Lügenpresse“ zunächst erwartungsgemäß als national-sozialistisch und real-sozialistisch verseucht, ohne die möglicherweise berechtigte Verwendung sowohl von Nationalsozialisten, als auch in der DDR-Propaganda in Erwägung zu ziehen: Denkverbot! Dass die explizit antifaschistisch verfasste DDR keine Berührungsängste mit einem angeblich von Nazis geprägten Begriff hat, scheint Pörksen nicht zu verunsichern. Besser man stellt sich solche Fragen nicht als Wissenschaftler.

Dass der Begriff auch dezidiert gegen die Nazis verwendet wurde, verschweigt Pörksen. Entweder weil er es nicht weiß oder weil es ihm jetzt gerade einmal ideologisch nicht in den Kram passt. Auch in welchem – vielleicht berechtigten – Zusammenhang die DDR-Propaganda von kapitalistischer Lügenpresse sprach, lässt Pörksen offen. Das Buzzword DDR muss reichen, um den Begriff zu denunzieren.

Viel lieber stürzt er sich in die ganz offensichtlich falsche Behauptung, die heutige Verwendung des Begriffs Lügenpresse gegen die gleichgeschalteten MSM und ÖR, würde aus Denkfaulheit erfolgen, um eine Diskussion von vorneherein auszuschließen. Dass das exakte Gegenteil der Fall ist, dass sich die meisten oppositionellen Medienkritiker geradezu an den Lügen und einseitigen Manipulationen der MSM und ÖR detailliert abarbeiten – wie auch die Propagandaschau dies tut – straft Pörksen Lügen.

Statt sich inhaltlich mit der Kritik auseinanderzusetzen, ist es Pörksen, der pauschalisiert, lügt und obendrein den Kritikern unterstellt, von Sentiments geleitet zu sein und nicht vom Verstand, den ja die sogenannten „Qualitätsmedien“ für sich gepachtet haben – in Pörksens Welt. So haben die Menschen angeblich nur „das Gefühl, die Medien berichten nicht objektiv“. Das mag für viele zutreffen, wird aber durch die akribische Arbeit medienkritischer Blogs und Institutionen mit Fakten bestätigt. Selbst der ARD-Programmbeirat hatte die einseitige Ukraine-Berichterstattung faktenbasiert kritisiert oder will Pörksen auch diesem unterstellen, emotional verirrt zu sein?

FAZIT:
Was sich hier in Person von Pörksen als Medienwissenschaft gerieren darf, ist pauschales und opportunes Denunzieren im Sinne der Herrschaftsmedien – ohne sachliche Basis, ohne Fakten, ohne Analyse.

Als Kontrast sei hier auf das gestrige Gespräch von Jasmin Kosubek mit der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann und Andreas Popp zum gleichen Thema verwiesen. Hermann und Popp analysieren die politische Zielrichtung der Jury, sowie die fehlende demokratische Legitimation und fehlende substanzielle Begründung der „Wahl“ des Unwort des Jahres so treffend wie erschöpfend. Über Kosubeks falsche historische Einordnung des Begriffs am Ende des Interviews, sollte man großzügig hinwegschauen.

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