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Zugegeben: Auch ich kenne nicht die Wahrheit und es gibt vielleicht auch nicht die eine, allumfassende Wahrheit. Und wenn es sie gäbe, ich wäre wahrscheinlich eine der letzten, die sie erfahren würden. Denn zu einer sorgfältigen Recherche (um die Wahrheit zu finden) gehören zuverlässige Primär, Sekundär- und ggf. Terziärquellen. Über all das verfüge ich nicht. Dazu reicht mein schmales Budget einfach nicht aus. Also bin ich – wie viel andere auch – dazu gezwungen, mir meine „Informationen“ im Internet mühsam zusammenzusuchen. Und auch ich stelle mir oft die Frage: Welche Quelle ist vertrauenswürdig? Gelogen wird hier und da! Der eine macht es halt nur besser, als der andere.
Im Zweifelsfall stelle ich mir erst einmal die Frage: Cui bono (wem zum Vorteil)? Eine Frage, die sich Journalisten viel häufiger am Anfang ihrer Recherchearbeit stellen sollten. Aber im besten Fall aus Bequemlichkeit nicht stellen – schlimmstenfalls nicht stellen wollen. Wie gesagt, für mich ist es sehr schwer, die Wahrheit hinter dem Gesagten und Geschriebenen zu finden. Aber was bleibt, bei all den unzuverlässigen Informationsquellen? Bei den, von den Presseagenturen vorbereiteten Medienhäppchen, die praktisch portioniert und servierfertig feilgeboten werden:
Mir, so hoffe ich: Mein gesunder Menschenverstand …
Was mir bleibt, ist es einen Zeitungsartikel/Filmbeitrag zu sezieren. Sprache und Wortwahl bieten sich dazu als hilfreiche Skalpelle der kritischen Vernunft an. Auch die Auswahl der Bilder sagt viel über den Autoren bzw. dessen Gesinnung. Wichtig ist für mich ebenfalls, was verschwiegen bzw. nicht thematisiert wird.

Ein Paradebeispiel fand ich heute in „Die Welt“ online.
Unter der Rubrik Osteuropa war in der Welt folgende Headline zu finden:

So wappnet sich die Nato gegen Moskaus Aggression
Die Welt Headline
Abgesehen von dem Titel der Headline spricht die Bildauswahl schon Bände. Da sitzt ein offensichtlich US-amerikanischer Pilot mit einer patriotischen Geste in seinem Kampfflugzeug. Untertitelt mit den Worten:

„6000 Soldaten, die in maximal sieben Tagen an einem Krisenherd sein können – das ist die „Speerspitze“ gegen Russland. Die Nato will diese und andere Maßnahmen jetzt in Brüssel beschließen.“

Zu Speerspitze lässt sich der Duden wie folgt aus:
1. Spitze eines Speers
2. wichtigster Exponent, Gesamtheit der wichtigsten Exponenten, besonders einer [politischen] Bewegung o. Ä.
Gut, ersteres kann man mal getrost außer Acht lassen, das ist selbsterklärend. Aber diese 6.000 Soldaten sind demnach Repräsentanten bzw. Vertreter einer politischen Bewegung. Und die, so legt die Wortwahl nahe, richtet sich einseitig gegen Moskau – ergo Russland. Abgesehen davon, dass 6.000 Soldaten nahezu lächerlich sind. Wie wir später noch erfahren haben ja die Russen über 10.000 ihrer Soldaten in der Ostukraine versteckt. Da steht ein klares Feindbild hinter einer solchen Äußerung. Und dann gibt es ja noch die denotative (lexikalische) Bedeutung und die konnotative (wie Wörter assoziiert werden). und die Speerspitze ist i. d. R. das Gute, welches gegen das Böse zu Felde zieht.
Später heißt es dann (über den anscheinend von der Welt für gut befundenen Nato-Generalsekretär Stoltenberg):

120214_2303_Stoltenberg2.jpg„Der Mann wirkt ruhig, er spricht mit leiser Stimme und wählt seine Worte sorgsam. Aber er ist entschlossen.“

Das alles sind positive Adjektive, mit denen der Autor diesen Kriegstreiber bezeichnet. Später schreibt der Autor der Welt:

„Derzeit befinden sich bis zu 10.000 schwer bewaffnete russische Soldaten in der Ostukraine. Gleichzeitig nähern sich russische Militärflugzeuge immer häufiger dem Luftraum der Nato-Staaten; manchmal verletzen sie ihn auch.“

Das sind nach wie vor unbewiesene Behauptungen! Die Wahrscheinlichkeit, dass die russische Luftwaffe in fremden Luftraum unzulässig eindringt – halte ich für tendenziell bei nahezu Null. Die Luftraumverletzungen auf die der vermeintlich informative Link hinweisen will, erweist sich dann auch als Flop. Es wird auf einen weiteren Artikel der Welt verlinkt, in dem es nur um Spekulationen geht. Da ist kein Wort von einer tatsächlichen Luftraumverletzung zu lesen! Und auch 10.000 Soldaten mit schwerer Bewaffnung sollten doch irgendwie zu beweisen sein. Anscheinend ist das aber eine Geisterarmee. Sie geistert ständig durch willfährige Medien, doch gesehen scheint sie bisher keiner zu haben. Und einen Beweis dafür hat bis heute auch niemand erbracht.
In einer solchen Krisensituation, wie wir sie derzeit in Osteuropa haben, gebietet es die Vernunft – und nicht nur die eines guten Journalisten/Journalistin – sich nur auf 100% sichere Quellen zu verlassen. Mit solchen Äußerungen kann ein nicht mehr wiedergutzumachender Schaden angerichtet werden. Das ist Feuer an die Lunte legen … Und im günstigsten Falle grob Fahrlässig!

Etwas später in dem Artikel heißt es dann:

„Allerdings will das Verteidigungsbündnis trotz der Annexion der Krim und der systematischen Destabilisierung der Ostukraine durch Russland bei der Unterstützung für Kiew keine große Rolle spielen.“

Also, Russland betreibt eine systematische Destabilisierung der Ostukraine! Was betreibt denn die Ukraine und was betreiben die Nato und die europäischen Staaten dort? Und auch kein Wort davon, dass Amerika den Nahen und Mittleren Osten seit Jahrzehnten destabilisiert! Ach ja, ich vergaß kurzfristig: Das sind ja die Guten … Aber in dem Artikel schreibt der Autor über den „russischen Aggressor“, der abgeschreckt werden muss, damit er sich nicht noch das Baltikum einverleibt.
Die Sichtweise der russischen Politik findet nur rudimentär statt. Lediglich ein paar Sätze waren in dem Artikel zu lesen:

„Aus Russland waren unterdessen auch andere Vorwürfe an die Adresse der Nato zu hören. Das Bündnis destabilisiere Nordeuropa, indem es Manöver im Baltikum abhalte und Flugzeuge einsetze, die Atomwaffen transportieren könnten. Diese Tatsache sei „extrem negativ“, sagte der stellvertretende russische Außenminister Alexei Meshkov.“

Das war es – mehr nicht.

Was ich mich allerdings nach wie vor frage: Hat der Welt-Autor Christoph B. Schiltz das mit der Nato-Wunderwaffe ernst gemeint?: Damit meinte er die schnelle, aus 6.000 Mann bestehende Eingreiftruppe – die sich dem „russischen Aggressor“ mutig entgegenstellen soll.Glaubt der Verfasser dieses Artikels, dass sich eine Armee von 6.000 Soldaten aufhalten ließe?
Dass die evtl. negative Rolle der Nato und der EU in der Ukraine-Krise weder überhaupt – noch kritisch hinterfragt wird, versteht sich von selbst. Auch die geplante militärische Unterstützung der Ukraine durch die Nato wird als äußerst positiv dargestellt. Schon jetzt sollen die Nato und die EU ja der Ukraine wirtschaftlich und militärisch unter die Arme greifen. Aber ich persönlich habe dafür auch noch keine Beweise gesehen. Halte es aber nach deren Gebaren für die logische Konsequenz und für durchaus glaubwürdig …
Seriöser Journalismus geht anders …