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FOCUS:

Focus_Geschleim

Petra meint:

Ein neuer Höhepunkt journalistischer Kunst.

Sehr fein formuliert. So stilsicher, so analytisch. Aber analytisch kann ich auch. Bitte schön:

Zitat:
„Die Beziehungen des Westens zu Putins Russland werden immer schwieriger. Der Kremlchef ist deshalb auf der Suche nach neuen Verbündeten – und wendet sich nun dem Balkan zu. Berlin ist besorgt.”

Russland hatte sich „dem Balkan“, gemeint ist Serbien, nie abgewandt. Es war ja auch nicht Russland, das ein Trommelfeuer von Verleumdungen auf Serben gestartet hatte, um die Akzeptanz in der eigenen Bevölkerung für eine Bombardierung zu erreichen. Aber das ist ja schon lange her und in Deutschland war das mit dem Vergessen der Vergangenheit schon immer so ne Sache.

Doch was ist los? Hier wird es spannend, denn der Artikel widerspricht sich selbst beziehungsweise zeigt uns nicht, wie beabsichtigt, das Böse das aus Russland kommt, sondern die hässliche Kolonial-Fratze der EU.

Zitate:

Zitat 1
„Eine grundsätzliche Verbundenheit zu Russland und eine Zugehörigkeit zur EU schließen sich zwar keineswegs aus“, sagt Bernhard Kaster, der Vorsitzende der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe, zu FOCUS Online. „Doch Putin sieht das anders.“

Zitat 2
„RUS misst westlichem Balkan strategische Bedeutung zu“, zitiert der „Spiegel“ aus der Analyse mit dem Titel „Einfluss Russlands in Serbien“. Darin ist auch beschrieben, mit welchen Methoden Moskau versucht, Belgrad enger an sich zu binden: enge militärische Zusammenarbeit, russische Gaslieferungen und „Public Diplomacy mit deutlich panslawistischer Rhetorik“

Zitat 3
„Er versucht, historische Beziehungen wieder aufleben zu lassen“, erklärt Balkan-Experte Frei. Denn die Balkanstaaten seien traditionell sehr verbunden mit Russland, es bestehe eine gewisse emotionale Bindung an Moskau.“

Zitat 4
„Wir müssen Geld für Infrastruktur und für die Menschen dort ausgeben, die auf Russland als eine alternative Macht in der Welt schauen.“ 750 Millionen Euro habe Russland so bereits in eine serbische Eisenbahnstrecke investiert. „Es gibt mehrere solcher Investitionsprojekte Russlands im Balkan“, bestätigt der CDU-Abgeordnete Frei.“

Zitat 5
Deutsche Diplomaten zeigen sich verärgert
Mit seiner Strategie fährt der Kremlchef zumindest teilweise erfolgreich. Bei seinem Besuch in Belgrad vor wenigen Wochen wurde Putin mit allen Ehren begrüßt. Der serbische Präsident Tomislav Nikolić verlieh dem russischen Gast sogar den höchsten Orden des Landes. Außerdem weigerte sich Serbien, Sanktionen gegen Russland zu verhängen, wie das die EU getan hat.
Das alles ist Berlin ein Dorn im Auge. „Bilder enger srb.-rus. Verbundenheit aus unserer Sicht unangemessenes Zeichen in dem Moment, in dem SRB seine EU-Ausrichtung betonen sollte“, zitiert der „Spiegel“ die deutschen Diplomaten.

Man betrachte sich nun Zitat 1 und 5. Eine Verbundenheit mit Russland und die Zugehörigkeit zur EU schliessen sich nicht aus. Aber es verärgert die deutschen Diplomaten, dass Serbien sich weigert Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Vielleicht bin ich einfach zu blond. Aber wie kann ich ein Land sanktionieren und diesem gleichzeitig verbunden sein?

In Zitat 2 werden die „Methoden“ Russlands beschrieben. Militärische Zusammenarbeit und Gaslieferungen. Also Gewalt und das einzige das Russland bieten kann, das Gas. Gut, also bei dem Assoziierungsabkommen mit der Ukraine hatte man so als EU auch kein Problem da die militärische Zusammenarbeit reinzupinseln, aber die EU, das sind ja die Guten, die dürfen das. Bei den Russen ist das Böse. Vielleicht verinnerliche ich das sogar noch.

In Zitat 4 dann allerdings, diese grausamen Russen, sie haben 750 Millionen in ne Eisenbahnstrecke investiert. Und sie sind der Meinung, dass man in die Staaten investieren muss, die Russland als alternative Macht sehen.

In der Übersetzung: Staaten, die keine Lust darauf haben, sich durch die USA zu Vasallen machen zu lassen und die lieber ihre Unabhängigkeit wollen, die das alleine aber nicht so gut hinkriegen, weil sonst ne Farbenrevolution ausbricht und sich deshalb an Russland halten, die muss man unterstützen. Denen muss man beim Aufbau der Infrastruktur helfen.

Grausamer Mann dieser Putin. Hat einfach nicht verstanden, wie man das so als Weltmacht tut: da erpresst man mit Verträgen, schliesst Verträge über die Förderung von Rohstoffen ab, die allerdings dem Land relativ wenig bringen und die Abhängigkeit von den USA noch verstärken.

In Zitat 2 kann man lesen, dass Putin dem Balkan eine strategische Bedeutung beimisst. Den Wert hat Serbien für die EU allerdings nicht. Denn in Zitat 5 erwartet man, dass Serbien seine EU Ausrichtung demonstriert. Und nicht dem Russen auch noch einen netten Empfang bereitet und ihm einen Orden überreicht.

Die EU fordert also klare Linie. Nix von Serbien ist strategischer Partner. Nein, ungeachtet der emotionalen Bindung zu Moskau (Zitat 3) hat man dem Kurs der EU zu folgen. Basta. Kein Partner. Keine strategische Bedeutung, Befehlsempfänger.

Jetzt frag ich mich grad, warum ich den Artikel so schlecht fand. Wenn man ihn sehr sehr aufmerksam liest, ist er einer der ehrlichsten, die ich je über die EU-Methoden und das EU-Selbstverständnis gelesen habe.

Aber jetzt muss doch noch auf die Überschrift eingehen:

„Mit Geld, Gas und Geschleime – Wie Putin seine Macht auf dem Balkan ausbaut“

Mit Geld, ok, Investitionen. Ganz schlechte Sache weil es gefährlich ist. Die EU-Gelder, die IWF Kredite sind nämlich immer an Bedingungen geknüpft, die nicht so ganz schön sind. Wie das jüngste Beispiel Ukraine zeigte: die Ukraine musste den Gaspreis für die Verbraucher erhöhen, um Gelder zu erhalten. Es könnte ja sein, dass das eine oder andere Land sieht: Russland investiert, will verdienen und unsere Freundschaft, aber was wir in unserem Land machen ist immer noch unsere Sache.

Mit Gas, das ist ganz böse, weil man selbst keines hat und was noch schlimmer ist, auch selbst das Gas der Russen braucht.

Das Geschleime, das find ich nun wieder spannend. Denn es waren ja die Serben, die Putin einen Orden verliehen haben, die ihn mit allen Ehren empfingen. Das ist ja nun nicht so, dass Putin Moskau in serbischen Farben erleuchten hat lassen, um die Serben zu beschleimen.

Aber der Höhepunkt der propagandistischen Augenwischerei ist für mich ohne Frage: ein Land zu sanktionieren, mit dem man sich verbunden fühlt.

Ich probier das jetzt mal aus: ich hau meiner Nachbarin eine rein, sag ihr aber, dass ich mich ihr total verbunden fühle. Ob das klappt?

So was können sich unsere Medien leisten, weil der Leser inzwischen das intellektuelle Niveau eines Creme-Topfes erreicht hat. Er hat im 3. Absatz bereits vergessen, was er im ersten gelesen hat.

LG

Petra