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greenwald„Ich respektierte [den Journalisten und Pulitzer-Preisträger] Gellman, nicht aber die Washington Post, die in meinen Augen der Inbegriff eines regierungsfreundlichen Presseorgans ist und die schlimmsten Attribute der politischen US-Medien in sich vereint: übermäßige Regierungsnähe, Ehrfurcht vor dem Sicherheitsstaat, ständiges Totschweigen abweichender Meinungen. Der medienkritische Journalist Howard Kurtz, der lange selbst für die Zeitung tätig war, dokumentierte 2004, wie die Post im Vorfeld des Einmarschs im Irak die Kriegsbefürworter systematisch unterstützte, gleichzeitig die Opposition herunterspielte oder gar nicht erst zu Wort kommen ließ. Die Berichterstattung der Post, stellte Kurtz abschließend fest, sei »auffallend einseitig« zugunsten der Invasion ausgefallen. Und auch danach blieb die Leitartikelseite der Post eine der lautstärksten Befürworter von US-Militarismus, Geheimniskrämerei und Überwachung….

greenwald-die-globale-uberwachungAusserdem wusste ich, dass die Washington Post sich pflichtschuldig an die ungeschriebenen Regeln halten würde, wie die Medien des Establishments mit Regierungsgeheimnissen umzugehen haben. Gemäß diesen Regeln, die es der Regierung ermöglichen, Enthüllungen selbst zu steuern und ihre Auswirkungen zu minimieren oder gar zu neutralisieren, wendet sich die Redaktion zuerst an die Behörden und informiert sie darüber, was sie zu veröffentlichen gedenkt. Sicherheitsbeamte der Regierung erklären den Redakteuren dann lang und breit, wie die nationale Sicherheit durch diese Veröffentlichungen angeblich bedroht werden würde. Man verhandelt darüber, was veröffentlicht wird und was nicht. Im besten Fall ergibt sich dadurch zumindest eine erhebliche Verzögerung. Häufig werden dabei absolut berichtenswerte Informationen zurückgehalten. Das bewog die Post beispielsweise 2005, als sie über die Existenz von Geheimgefängnissen der CIA berichtete, die Namen der Länder, in denen es solche Gefängnisse gab, nicht preiszugeben; auf diese Weise trug sie sogar zum Fortbestehen dieser gesetzeswidrigen CIA-Folterstätten bei.

Nach demselben Schema vertuschte die New York Times über ein Jahr lang die Existenz von NSA-Abhöraktionen ohne richterlichen Beschluss, als deren Reporter Jim Risen und Eric Lichtblau Mitte 2004 darüber berichten wollten….

Hinzu kommt der Ton, in dem die Medien des Establishments über Fehlverhalten der Regierung berichten. Die journalistische Kultur in den USA gebietet es, dass Reporter jegliche eindeutige und konkrete Aussage vermeiden und auch noch so fragwürdige Behauptungen der Regierung in ihrer Berichterstattung berücksichtigen. Stattdessen benutzen sie eine Sprache, die der eigene Kolumnist der Washington Post, Eric Wemple, als »politisch schwer gemäßigt« verspottet: niemals etwas Eindeutiges sagen, sondern sowohl die Rechtfertigungen der Regierung als auch die konkreten Tatsachen in der gleichen Glaubwürdigkeit darstellen, was insgesamt den Effekt hat, dass Enthüllungen verwässert und zu einem häufig ebenso zusammenhang- wie belanglosen Brei verquirlt werden. Vor allem messen sie den Behauptungen von offizieller Seite stets großes Gewicht bei, selbst wenn diese schlicht unwahr oder absichtlich falsch sind.

Ebendieser ängstliche, servile Journalismus war es, der die Times, die Post und viele andere Medien veranlasste, in ihren Berichten über die Verhörmethoden während der Regierung Bush das Wort »Folter« tunlichst zu vermeiden, obwohl sie nicht das geringste Problem damit hatten, wenn die Regierung irgendeines anderen Staates auf der Welt die exakt gleiche Methode einsetzte. Insofern ist es auch nachvollziehbar, dass die Medien die haltlosen Behauptungen der amerikanischen Regierung über Saddam und den Irak weißwuschen, um der amerikanischen Öffentlichkeit einen auf falschen Vorwänden gründenden Krieg schmackhaft zu machen. Die amerikanischen Medien stißen beflissen ins gleiche Horn, statt investigativ tätig zu werden….

Von unserem ersten Gespräch an hatte Snowden unmissverständlich erklärt, dass er den Medien des Establishments seine Geschichte nicht anvertrauen wollte, und hatte dabei wiederholt auf die Verschleierung des NSA-Abhörprogramms durch die New York Times Bezug genommen. Er war inzwischen der Ansicht, dass die Verschleierungstaktik der Zeitung das Ergebnis der Wahlen im Jahr 2004 durchaus beeinflusst haben dürfte. »Dass sie diese Sache unter der Decke hielten, hat den Lauf der Geschichte verändert«, meinte er.
Glenn Greenwald, Die globale Überwachung; Hardcover, Droemer HC 13.05.2014, S.84 ff

ChomskyGreenwalds Erfahrungen und Einschätzungen decken sich nahtlos mit dem, was Noam Chomsky 2003 in seinem Buch Media Control – Wie Medien uns manipulieren analysiert und faktenreich aufgezeigt hat. Die Erkenntnisse über US-amerikanische Medien können hier nahtlos auf deutsche Medien übertragen werden.

Zu den ehemals sowjetischen Medien und ihre Berichterstattung über den Afghanistan-Krieg schreibt Chomsky auf Seite 195 ff:

ChomskyMControl„Der sowjetische Verteidigungsminister »kritisierte die Sowjetpresse scharf, weil sie [durch ihre negativen Kommentare] den öffentlichen Respekt vor der Armee untergrabe«. Besonders im Schußfeld stand die auflagenstarke Wochenzeitung Ogonjok, weil sie ein »düsteres Bild« vom Krieg in Afghanistan verbreitet sowie auf »schlechte Moral und Desertion«, die Unfähigkeit, das Territorium zu kontrollieren, Drogenkonsum unter den Soldaten und auf hohe Verlust bei Helikoptern hingewiesen hatte. Im Dezember 1987 veröffentlichte die Zeitung Moscow News einen Brief Andrej Sacharows, in dem dieser den sofortigen Rückzug aus Afghanistan forderte; ähnliche Äußerungen zu Vietnam fand man in der US-Presse erst nach der Tet-Offensive.

Und es gab das denkwürdige Beispiel des Moskauer Nachrichtenkorrespondenten Wladimir Dantschew, der im Mai 1983 fünf Tage lang in Radiosendungen die sowjetische Invasion verurteilte und die Rebellen zum Durchhalten aufforderte. Der Westen lobte ihn dafür und war empört, als Dantschew in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde. Er konnte jedoch später auf seinen Posten zurückkehren. In den Vereinigten Staaten hat es während des Indochina-Kriegs keinen Dantschew gegeben – und auch danach nicht.“