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John Kornblum tituliert Hermann Krause „Russenversteher“, macht nach Widerspruch den Lucke – und keiner bekommt es mit.

Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland John Kornblum ist ein gern gesehener – und deshalb überaus häufig vertretener – Gast in den Talk-Shows des deutschen Staatsfernsehens. Immer dann, wenn es darum geht, die politischen Handlungen und Ansichten der US-Administrationen dem deutschen Publikum verständlich zu machen, ist Kornblum unermüdlich zur Stelle.

So auch in den letzten Tagen. Am Mittwoch noch bei Anne Will, war er schon am Donnerstag bei der WDR2-Arena aus Berlin zugeschaltet. Wer nicht genug von Kornblum bekommt, kann ihn schon am Montag auf Phoenix sehen.

AFD-Chef Bernd Lucke ist ein ähnlich häufiger – wenn auch nicht so beliebter – Gast in deutschen Talkshows. Immerhin vertritt er eine nicht unbedeutende deutsche Partei, da sollte es normal sein, dass man ihn angemessen in den Staatsmedien zu Wort kommen lässt. Dass er dabei von den Staatsjournalisten ähnlich angegiftet wird, wie Vertreter der Linkspartei, unterscheidet ihn ebenfalls von Kornblum.

Lucke jedenfalls wurde von Michel Friedman in dessen Talkshow dermaßen penetrant ins Wort gefallen, dass dieser kurzerhand das Studio verliess. Ein Vorfall, der in den deutschen Medien ausgiebig – und in der Regel zum Nachteil Luckes – ausgeschlachtet wurde.

John Kornblum war also am Donnerstag Abend als Gast aus Berlin in der WDR2-Arena zugeschaltet. Thema: Rückfall in den Kalten Krieg? Das Bild Putins, das der WDR für die Sendung ausgewählt hat, ist zwar auch bezeichnend, soll hier aber nicht das Thema sein.

  • Gäste im Studio:
    John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, heute Senior Counselor Noerr LLP (europäische Wirtschaftskanzlei)
  • Prof. Jörg Baberowski, Historiker und Osteuropa-Experte der Humboldt-Universität Berlin
  • Hermann Krause, langjähriger Moskau-Korrespondent der ARD

Ungefähr nach der Hälfte der Sendung, entspinnt sich folgender Dialog:

WDR2-Moderator:

„Wie abhängig sind wir denn vom russischen Öl und vom Gas?“

WDR-Russland-Experte Hermann Krause:

„Ja, aber die Russen sind genauso abhängig von uns. Also es ist ja nicht so, dass die darauf verzichten können, wenn wir jetzt nicht mehr zahlen, sondern das ist ja voll einkalkuliert auch in deren Haushalt und der russischen Wirtschaft geht es nicht besonders. Wenn es jetzt tasächlich zu Strafmaßnahmen kommen sollte, würde das die russische Wirtschaft genauso treffen, wie die unsrige. Und das darf man nicht vergessen: wir haben nicht mehr die Zeit des Kalten Krieges, wir müssen mit den Russen zusammen leben, wir müssen mit ihnen zusammen arbeiten , wir sind auf einem Kontinent und auch diese Krise wird irgendwann überwunden werden. Es wird auch irgendwann mal keinen Vladimir Putin geben, sondern wir werden irgendwann mal einen anderen Präsidenten haben – er kann nochmal kandidieren, aber auch seine Amtszeit, seine Lebenszeit ist beschränkt und aus dem Grunde muss man sich erstmal davon trennen. Wir hatten einmal einen Michail Gorbatschow. Wenn wir dagestanden hätten, jetzt hier, dann hätten wir ein ganz anderes Verhältnis zu Russland. Und wir dürfen jetzt nicht so tun, als wenn dies das Reich des Bösen wäre. Das ist ja immer noch etwas, was in den Köpfen vieler Leute herumspukt. Ich glaube nicht, dass die russische Regierung daran interessiert ist, irgendwann den Gashahn oder den Ölhahn zuzudrehen und das Ganze eskalieren zu lassen. Auch Russland – und gerade Putin – ist ein Deutschlandfreund. Das darf man nicht vergessen. Er ist ja derjenige, der auch immer mit Angela Merkel telefoniert. Die Bundeskanzlerin ist eigentlich noch die einzige Gesprächspartnerin und sie versucht, auf ihn einzuwirken. Das ist das Einzigste, was wir tun können. Alle Sanktionen, Strafmaßnahmen und so, das bewirkt bei den Russen nur, dass der Reflex kommt: Wir machen das auch. Es wird ja jetzt bereits im Föderationsrat darüber nachgedacht, wenn russische Konten hier eingefroren werden, werden wir auch deutsche Konten einfrieren. Wenn die Amerikaner das machen, werden wir das auch machen. Das wird die Krise nur verschärfen und es wird zu nichts führen.“

Der Moderator will einen Anrufer verabschieden, da meldet sich Kornblum zu Wort:

„Naja es sind natürlich hier andere Meinungen in Berlin … Nur dass sie das wissen…“

Moderator:

„Ja ne, das nehmen wir sofort ins Protokoll und ich gebe Ihnen das Wort John Kornblum, langjähriger US-Diplomat.“

Kornblum:

„Das ist eine herkömmliche Russland-Versteher-Meinung, die wir da hören.“

Krause (fällt Kornblum ins Wort):

„Was ist denn schlimm daran, wenn man Russland versteht Herr Kornblum? …“

Kornblum im Hintergrund:

„…es ist…es ist…“

Krause:

„Ist das ein Schimpfwort mittlerweile, Russland zu verstehen?“

John Kornblum:

„Ok ich höre jetzt auf. Reden Sie weiter! Reden Sie weiter! Ich höre jetzt auf.“

Moderator:

„Ne sagen Sie es…Herr Kornblum….jetzt ist er nicht mehr da?“

Richtig! Weg war er, der Herr Kornblum. Wer sich das Gespräch anhört – der WDR hat den Ausschnitt separat veröffentlicht – und mit der aggressiven Art vergleicht, mit der Lucke vom bekanntermaßen aggressiven Friedman angegangen wurde, kann nur den Kopf schütteln.

Die komplette Sendung kann hier heruntergeladen werden (mp3;30MB). Der transkribierte Dialog beginnt etwa bei 43min10sek.

Anders als für Luckes Abgang, der einige Wellen geschlagen hat, interessiert sich die deutsche Medienlandschaft für Kornblums Flucht aus dem Studio nicht im Geringsten. Man will den Hegemon offensichtlich nicht zu sehr verärgern.